JONATHAN GLAZER: Interstellare Zeitarbeiterin

In „Under the Skin“ muss eine Außerirdische sich auf der Erde abmühen, Menschenfleisch zu beschaffen. Auch wenn in Jonathan Glazers Verfilmung von der Ironie der Roman-Vorlage nichts mehr zu bemerken ist, bleibt sie doch ein ästhetisches Glanzstück.

Auf der Jagd: Gleich lässt Alien Laura die Falle zuschnappen

Nennen wir sie Laura – zumindest sah das Drehbuch diesen Namen vor. Benannt wird sie im Film nicht und viel reden tut sie nun wirklich nicht, diese etwas roboter- und tölpelhafte junge Frau, die scheinbar ziellos an Bord ihres weißen Lieferwagens kreuz und quer durch Schottland fährt. Aber nur scheinbar ziellos, denn Laura hat eine Mission: Junge Männer zu verführen – am besten ohne familiäre Bindungen und ohne Freundin. Gehen diese auf ihr Angebot ein, ist deren Schicksal besiegelt. Sie werden zu einem Haus oder einer abbruchreifen Wohnung gebracht. Und dort schnappt die Falle zu: Während die Männer, von Geilheit benebelt, der schönen Außerirdischen folgen, werden sie wortwörtlich vom Boden verschluckt und zu Konserven weiterverarbeitet.

Doch auch Killer-Aliens haben Gefühle, oder zumindest scheint Alien Laura solche entwickeln zu können. Nachdem sie sich einen besonders hässlichen und deformierten Mann als Opfer ausgesucht hatte, lässt sie ihn überraschend laufen. Und begibt sich damit selber in Gefahr – nicht nur weil ihre Alien-Kollegen sie jetzt verfolgen, sondern auch weil sie anfängt zu spüren, was es heißt, ein Mensch zu sein …

Jonathan Glazers Film ist außerordentlich, und das hat eine Menge Gründe. Der wichtigste ist, dass der Regisseur es fertiggebracht hat, einen Science-Fiction-Film zu drehen, der ohne Spezialeffekte auskommt. Keine Raumschiffe, keine intergalaktischen Laserkanonen-Bombardements – statt auf das übliche Inventar setzt Glazer vor allem auf eine entrückte Ästhetik, die die Szenen, in denen Außerirdisches vorkommt, nur umso echter und packender werden lässt. Selten hatte Anthropophagie im Film etwas so Anmutiges an sich. Mit Recht stellen einige Kritiker Vergleiche mit Kino-Größen wie Stanley Kubrick oder David Lynch an. Trotzdem ist „Under the Skin“ anders, denn der Film ist nicht todernst gemeint. Das Buch, auf dem der Film basiert – Michel Fabers „Die Weltenwanderin“ -, ist eigentlich eine Satire. Zwar verschwinden die ironischen Anflüge in der Leinwand-Adaptation, doch das Konstrukt bleibt bestehen: Das anscheinend magische, außerirdische Leben ist, wie das unsere, einer marktwirtschaftlichen Logik unterworfen, und auch Aliens können Gewissensbisse bekommen und ihr System in Frage stellen.

Sicherlich profitiert „Under the Skin“ auch von Scarlett Johanssons Hollywoodglanz. Ihre Verkörperung eines von Selbstzweifeln geplagten Aliens, der unter seiner Menschenhaut zu grübeln beginnt, wirkt zu keinem Moment hölzern oder gestellt – eine ungewöhnliche und herausfordernde Rolle, die sie problemlos und nahezu stumm meistert.

Hinzu kommt Glazers filmischer Duktus, der den Zuschauer wirkungsvoll bei der Stange hält und trotzdem eine sehr ästhetische Bildersprache aufweist, die nicht viel Kontext verlangt, um verstanden zu werden. Ein Gleichgewicht, das man zumal in künstlerisch anspruchsvollen Filmen allzu selten zu sehen – und zu spüren – bekommt.

Wer sich also nicht vor Menschenfressern gruselt, sollte sich „Under the Skin“ unbedingt ansehen. Es lohnt sich.

Im Utopia.


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