DER WEG ZU BERLUSCONI: Verschäumte Gesellschaft

Die deutsche Übersetzung kommt spät, aber nicht zu spät: Obwohl Sandro Veronesis Roman „Die Berührten“ in Italien bereits 1990 erschien, vermag er wie kaum ein anderes Werk der italienischen Gegenwartsliteratur die heutige gesellschaftliche Misere des Landes verständlich zu machen.

Ermète, genant Mète, kommt Ende der Achtzigerjahre nach Rom und lebt auf Kosten seiner Stiefmutter in einer mondänen Wohnung in der Altstadt. Der junge Mann ist hochgebildet, aber ohne Brotberuf. Er pflegt einen introvertierten Stil, passend zu seiner geheimnisvollen Beschäftigung: der Graphologie. Auf seinen Streifzügen durch die Nachtlokale sammelt der zeitgenössische Nachfolger des antiken Alchimisten Hermes, dessen esoterische Lehren zu den Hauptwerken des abendländischen Okkultismus zählen, Handschriftenproben, in denen er das neue Zeichen seiner Zeit erkannt zu haben glaubt: die Verschäumtheit.

Mit diesem Kunstwort versucht Mète dem von ihm entdeckten Charakterzug einen Namen zu geben. Die Verschäumtheit bezeichnet „eine Art Legierung“, in der bekannte Elemente wie Oberflächlichkeit, Unbeständigkeit, Vulgarität, Verantwortungslosigkeit, Gedankenlosigkeit oder Trägheit eine gefährliche Verbindung eingehen, die sogar eine „anthropologische Mutation“ auslösen kann. Wer in den Sog dieses Schäumens gerät, vertraut allein auf den unmittelbaren Impuls, die flüchtige Errungenschaft, den gegenwärtigen Augenblick. Anzeichen von Verschäumtheit erkennt Mète bald nicht mehr nur in den Handschriftenproben, er erlebt die prophezeiten gesellschaftlichen Folgen in seinem Alltag.

Auf der Hochzeit des Vaters mit seiner langjährigen Geliebten, die als Maskerade unter dem Motto „Valentinstag 1970“ veranstaltet wird, lässt sich an den Kostümen erkennen, ob die Gäste ihr Linkssein als Sehnsucht für die Hippie-Zeit der Sechzigerjahre zum Ausdruck bringen oder als Imitation der Radikalität der Siebzigerjahre. Andere haben sich mit ihrem Verzicht auf eine Kostümierung schon von jeglicher linken Attitüde verabschiedet, sie tragen die gängige Mode, die wiederum an die Fünfzigerjahre erinnert.

Das Hochzeitspanorama offenbart, dass die mutmaßlich glorreiche politische und kulturelle Vergangenheit des Landes nur noch als grotesk-karnevaleskes Zitat weiterlebt. Dazu passt Veronesis Erzählstil, seine mittlerweile selbst schon zur Reminiszenz gewordene postmoderne Spielerei mit Namen, Bedeutungen und Verweisen.

Typisch für die Entstehungszeit des Romans ist auch der kulturpessimistisch-reaktionäre Habitus des elitären Protagonisten. Dem jungen Bildungsbürger missfällt das bunte Einerlei, denn „dieses Sichvermischen der Formen und Stile ist in einer Kultur stets das erste Anzeichen für den Rückfall in die Barbarei.“

„Dieses Sichvermischen der Formen und Stile ist in einer Kultur stets das erste Anzeichen für den Rückfall in die Barbarei.“

Trotz dieser zwischen nietzscheanischem Nihilismus und Größenwahn schwankenden Gemütsverfassung, hat Mète einen klaren Blick für die sozio-politischen Veränderungen in der Stadt. Der Roman bietet keine retuschierten Postkartenansichten, er macht tatsächlich das Barbarische sichtbar „das sich anderswo in diesem Rom der sinnlichen Hügel und der billigen Trattorias versteckt; sich versteckt, obwohl es da ist, unter der Haut, ständig aufgelöst von den antiken Denkmälern und dem guten Essen, in dieser Mischung aus Schönheit und Nachlässigkeit, die man ‚Toleranz‘ nennt.“ Veronesi entlarvt die Beschwörung des Dolce-Vita-Mythos, schärft den Sinn dafür, dass es sich bei dem viel besungenen, mediterranen Laissez-faire oftmals nur „um eine auf Verachtung gegründete Toleranz handelt.“

Für die Touristen inszeniert sich Rom als Hauptstadt der Welt, aber die Welt schrumpft in Italien in den Achtzigerjahren auf Bildschirmformat. Mit der sich ausbreitenden, kommerziellen Fernsehunterhaltung beginnt eine neue Epoche: Traditionelle politische Parteien und soziale Hierarchien werden von einer neuen Programmordnung abgelöst. In der politischen Theorie wird man die Zeit später etwas unbeholfen als Beginn des „Berlusconismus“ bezeichnen, ein Name, der in Veronesis Roman noch nicht auftaucht. Mète umschreibt die gesellschaftlichen Veränderungen als Verschäumtheit, die anders als der Name suggeriert, keinesfalls nur als luftig leichte „Entschlussunfähigkeit“ in Erscheinung tritt.

Eine nächtliche Autofahrt, die eine Episode aus Pier Paolo Pasolinis nachgelassenem Roman „Petrolio“ zitiert, führt Mète auf den Straßenstrich in die nördliche Peripherie der Hauptstadt, wo sich die angestaute Geilheit und Wut der Verschäumten in der feigen Gewalt gegen südamerikanische Transsexuelle entlädt. Pasolinis Traum von der Emanzipation der Peripherie hat sich in sein Gegenteil verkehrt.

Veronesi lässt seinen Protagonisten immer wieder in Busse steigen, die weit über die alte Stadtmauer hinausfahren und die römische Wirklichkeit hinter der antiken Kulisse sichtbar werden lassen: „dröhnende Überführungen, Eisenbahnen, Himmelsfetzen zwischen den Dächern, Benzinreklamen, Zumutungen aus Wellblech, klägliche, von den Entwässerungspumpen trockengelegte Tiberreste, absolute Regellosigkeit, Abwesenheit jeglicher Zivilisation.“ Mète registriert, wie die Unkultur aus der Peripherie ins Zentrum schwappt, wie die anti-intellektuellen Ressentiments der Ausgeschlossenen hegemonial werden und die faschistische Vergangenheit in der rassistischen Segregation der neuen Einwanderer wiederkehrt.

Die Entschlüsselung des Phänomens sichert keine Immunität: Im letzten Drittel des Romans werden auch Mète und sein Autor von der Verschäumtheit erfasst: Irrsinnige Übertreibungen, pathetische Aufschübe, nervtötende Abschweifungen umkreisen das „Unbeschreibliche“. Ausdauernde Leserinnen und Leser geraten in eine Endlosschleife, die an die italienische Berichterstattung der letzten Jahre erinnert: Mètes inzestuöse Leidenschaft für seine Halbschwester ist so banal und lächerlich wie zwanzig Jahre später die sexuelle Leidenschaft des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten für minderjährige Mädchen und junge Frauen. Interessant wird die Obsession erst, wenn sie als Symptom der auf Verschäumtheit basierenden Gesellschaftssysteme gedeutet wird, jener Systeme, „die niemals einen Zustand der Ruhe oder Schwebe erreichen und sich wiederholen, aber nie auf die gleiche Weise.“ Entscheidend ist deshalb am Ende nicht, ob Mète die Rettung gelingt, sondern die Erkenntnis, dass es bis heute nicht gelungen ist, der allgemeinen Entwicklung Widerstand entgegenzusetzen und Italien weiter im Schaum versinkt.

Sandro Veronesi – Die Berührten. Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn. Klett-Cotta, 384 Seiten.


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