Bosnien und Herzegowina: Nadelöhr nach Europa

An der bosnischen Grenze zu Kroatien können Flüchtlinge auf die Unterstützung der kriegserfahrenen Bevölkerung zählen. Die lokalen Helfer*innen rechnen mit einem dramatischen Anstieg der Zahl derer, die auf dem Weg in die EU ihr Glück nun hier versuchen. Zweiter und letzter Teil unserer Reportage.

Kräfte sammeln, bevor es weitergeht: Flüchtlinge campieren im Stadtpark der an der Grenze zu Kroatien gelegenen bosnischen Kleinstadt Velika Kladuša. (Fotos: Lorenz Matzat)

Ein Abend Anfang Mai. Im Stadtpark von Velika Kladuša, im äußersten Nordwesten Bosnien-Herzegowinas gelegen, machen sich elf Personen zu Fuß auf den Weg in Richtung Grenze. Sollte es ihnen gelingen hinüberzukommen, liegt ein schmaler Streifen Kroatien vor ihnen. 70 Kilometer, vielleicht ein paar mehr, dann kommt der Fluss Kolpa, der die Grenze zu Slowenien markiert. Ein kritischer Punkt. Wenn alles gutgeht, werden sie sich von der anderen Seite aus bei den Bekannten im Park melden. So ist es abgesprochen. So machen sie es immer, wenn es jemand bis dorthin schafft.

Einige Tage später. Erneut wird es Abend im Park. Auch heute werden wieder Menschen von Velika Kladuša aus zur Grenze ziehen. Von der elfköpfigen Gruppe hat seither niemand gehört, und deswegen macht sich Akram Alshouli, ein kräftiger Mann von Mitte 30, jetzt Sorgen. Alshouli blickt hinüber zu den Zelten, die im Gras aufgeschlagen sind. Was ihn beunruhigt: „Ihr Messenger ist ausgeschaltet, wir können sie nicht erreichen.“ Er weiß auch, dass neulich vier Migranten im reißenden Wasser der Kolpa ertrunken sind.

Für Akram Alshouli kommen nächtliche Grenzbesuche derzeit nicht in Frage. Sein rechtes Bein ist verletzt. Mühsam stakst er, gestützt auf eine Krücke, durch den Park. „Ich habe starke Schmerzen. Im Moment kann ich nicht versuchen hinüberzukommen. So kann ich nicht mal weglaufen! Mein Geld und mein Handy haben sie mir auch abgenommen.“ Sie, das sind die kroatischen Grenzpolizisten, die ihn im Wald gestellt hatten. „Sie schlugen und schubsten mich. Ich fiel hin und verdrehte mir das Knie.“ Vorläufig bleibt Akram Alshouli, der in einem früheren Leben in Damaskus einen Laden hatte, nichts übrig als zu warten.

Rund 600 Migranten sind Mitte Mai in Velika Kladuša. Sie schlafen in leerstehenden Gebäuden wie dem Hangar des örtlichen „Aeroklub“, in den Feldern beim Busbahnhof, oder eben im Park direkt neben der Moschee im Zentrum der Stadt. Gerade einmal 40.000 Menschen wohnen dort. Da fallen die Geflüchteten aus Syrien und Afghanistan, Pakistan und Iran, dem Maghreb und Sri Lanka umso mehr auf. Die Wege, auf denen sonst Spaziergänger durch den Park flanieren, sind in diesem Frühling gesäumt von campierenden Frauen und Männern, Jugendlichen und Kindern. Lange hat man die ungeklärte Migrationsfrage Europas nicht mehr so drastisch in der Öffentlichkeit gesehen wie hier.

Das weckt Erinnerungen an das griechische Dorf Idomeni an der Grenze zu Mazedonien, wo im Winter 2015 weit über zehntausend Geflüchtete gestrandet waren. Und an Horgos, den serbischen Übergang nach Ungarn, wo im Spätsommer 2015 Flüchtlinge mit Tränengas zurückgedrängt wurden. Velika Kladuša hat das Potenzial, ein ebensolcher Schauplatz zu werden. Laut dem UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR waren im Februar dieses Jahres 50.000 Menschen von Griechenland aus unterwegs in Richtung Kroatien.

Die Menschen aus Afrin unterscheiden sich von den anderen Geflüchteten aus einem Grund: Sie verließen ihr Zuhause erst vor wenigen Monaten. Die meisten hier sind hingegen seit Jahren unterwegs.

Hier in Bosnien ist die Zahl der Neuankömmlinge seither jeden Monat gestiegen. Im bosnisch-serbischen Landesteil Republika Srpska befinden sich nach Regierungsangaben 120.000 Personen. Auch wenn man von einer politisch motivierten Übertreibung ausgeht, die im chronisch zerstrittenen Bosnien-Herzegowina bei solchen Themen dazugehört, bleibt die Situation dramatisch.

Wie Idomeni, Horgos und so viele Orte zuvor ist der Park von Velika Kladuša in diesem Frühjahr zu einem Spiegel der globalen Krisengebiete geworden. Seine vorübergehenden Bewohner sind vor dem endlosen Bürgerkrieg Syriens geflohen, dem Treiben der Taliban in Pakistan und Afghanistan, den mörderischen Wirren im Irak, der gewalttätigen Diktatur der Mullahs im Iran. Die frischen Traumata der Vergangenheit treffen hier auf neue Wunden, zugefügt von der Polizei an der Grenze.

Die Grenze liegt in Velika Kladuša näher als etwa in Bihac (woxx 1477), und unmittelbarer noch sind die schmerzhaften Erfahrungen jener präsent, die von der kroatischen Polizei zurückgebracht werden. Seit langem bekannt sind diese Rückführungen nach Serbien. Sie sind illegal und werden doch von ungarischen und kroatischen Grenzern regelmäßig durchgeführt, um die Tür in die EU geschlossen zu halten.

Mustafa, ein 19-jähriger Palästinenser aus dem syrischen Jarmuk, und ein Freund aus Deir-ez-Zor, sie beide haben sowohl die von den Grenzern zugefügten frischen Wunden wie auch die Foltermale am Körper, die ihnen von den IS-Schergen beigebracht worden sind. Pistolen legten sie ihnen horizontal an die Haut und drückten ab. Die Kugeln schrammten dicht über den Körper dahin und hinterließen an der Abdruckstelle tiefe Narben. Ein dritter Jugendlicher, der sich ihnen angeschlossen hat, stammt aus Afrin, wie viele, die in diesem Frühjahr nach Bosnien kommen. Die Menschen aus der kurdischen Enklave unterscheiden sich von den anderen Geflüchteten aus einem Grund: Sie verließen ihr Zuhause erst vor wenigen Monaten. Die meisten hier sind hingegen bereits seit Jahren unterwegs.

Eigentlich hat sich Restaurant-Besitzer Asim Lotic unlängst zur Ruhe gesetzt. Doch nun bewirtet er hier jeden Tag auf eigene Kosten Migranten.

Die Aufmerksamkeit verlagert sich auf ein blaues Auto, das in den Park gefahren kommt. Frauen packen Suppentöpfe aus und verteilen Plastikschalen und Brot. Daneben steht ein junger Mann, ein kleines Kind an jeder Hand. Er stellt sich als Muamer Catic vor und ist der Imam der nahen Moschee. Das Essen stammt aus der Gemeinde. Warum sie den Menschen helfen? „Weil sie Hunger haben! Und das hat nichts damit zu tun, dass die meisten Flüchtlinge Muslime sind. Ein Mensch muss etwas essen“, betont der Imam.

Wichtiger als die Religion findet er die eigenen Kriegserfahrungen, die die Bosnier nun solidarisch machen. Muamer Catic selbst war kaum älter als seine beiden Kinder, die aus der Distanz die Essensverteilung beobachten. Oben bei der Moschee steht ein sechseckiges Monument mit den Namen von 200 während des Bürgerkriegs getöteten Menschen. Insgesamt, sagt der Imam, kamen zehn mal mehr Bewohner des Städtchens zwischen 1992 und 1995 ums Leben. Velika Kladuša war die Hauptstadt der sogenannten autonomen westbosnischen Provinz, die sich kurzfristig sogar zur Republik erklärte. Die Stadt geriet mitten in die Auseinandersetzungen zwischen Bosnien, Kroatien und der serbischen Krajina-Republik.

Mit Sack und Pack durchs Wohngebiet: Von Velika Kladuša aus ist nicht nur Kroatien nur einen Steinwurf entfernt – auch bis zur slowenischen Grenze sind es nur noch rund siebzig Kilometer.

Im unteren Teil des Parks entsteht nun Bewegung. Eine Gruppe junger Pakistanis packt ihre Habseligkeiten. Decken werden eingerollt und Rucksäcke aufgeschnallt, dann machen sie sich auf den Weg. Schnell liegt das Zentrum hinter ihnen. Vorneweg läuft Ahmat, ein 17-Jähriger mit Baseballkappe, auf dem Rücken ein Schlumpf-Rucksack, den er bei einer Kleidungs-Ausgabe in Bulgarien bekommen hat. Bulgarien war auch der Ort, an dem er auf dem Weg nach Europa nicht mehr weiterkam. „Wir waren mit einer Gruppe zu Fuß unterwegs, als die Polizei kam und uns verhaftete. Ich wurde geschlagen und drei Monate lang eingesperrt.“

Ahmat stammt aus Khyber Pakhtunkwa, dem pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan, wo die jüngste Offensive der Taliban die Lage immer unsicherer macht. Ein Jahr und acht Monate ist es her, dass er von dort aufbrach. In Velika Kladuša hat man sich an die Anwesenheit der Geflüchteten gewöhnt, ebenso an die Szene, wenn sie mit Sack und Pack Richtung Grenze ziehen. Kaum jemand nimmt davon Notiz, als die pakistanische Gruppe durch verschlafene Straßen zieht, vorbei an blühenden Rosen in Vorgärten. Allein ein paar streunende Hunde bellen den Weiterziehenden hinterher.

Vor einem Friseur-Salon hält die Gruppe kurz an. Einige Nachzügler gesellen sich hinzu. Auch der 21-jährige Noor ist dabei. Er und Ahmat haben sich in Serbien, getroffen, seitdem sind sie gemeinsam unterwegs. Gelaufen sind sie, bis Visegrad im Osten Bosniens. Von dort ging es mit dem Bus nach Sarajevo und dann hierher, ins Grenzgebiet. Nun steuern sie den Bahnhof unten im Tal an, wo ein Bus an einen anderen kleinen Ort an der Grenze fahren soll. Für Ahmat ist es der erste Versuch. Wie sich das anfühlt? „Scared“ ist er – voller Angst. „All die Geschichten über die kroatische Polizei: Die Gewalt, die Zerstörung der Mobiltelefone.“ Am Busbahnhof angekommen, wartet die Gruppe. Es dämmert leicht. Nach einer Stunde hören sie vom Nachtportier, dessen Schicht begonnen hat, dass der Bus an diesem Tag nicht fährt. Wochenende.

Seit 2015 ist auch Pixi auf der Balkanroute unterwegs, beinahe ohne Pause, um zu helfen.

Der Nachtportier sieht diese Szenen seit Wochen. Nicht nur während der Arbeit, sondern auch von zu Hause aus. Hinter dem Bahnhof stehen ein paar Baracken, dazwischen liegen Matten auf dem Boden. Drei junge Männer stehen daneben und besprechen etwas. „Hier schlafen sie auch“, sagt der Nachtportier. Er wohnt etwas abseits des Terrains, in einem grauen, sehr neu aussehenden Haus. Eines von denen, die sich die Rückkehrer nach Bosnien in ihre Heimatorte gesetzt haben. Enis S., mehr will der Nachtportier von seinem Namen nicht preisgeben, hat wie so viele hier in Deutschland gearbeitet. Er war kein Kriegsflüchtling, sondern ein Gastarbeiterkind. Dass er in Frankfurt aufgewachsen ist, hört man ihm an. Ende der 1980er-Jahre, ging er ins Vorkriegs-Jugoslawien zum Militär.

Heute ist Enis S. um die 50 Jahre alt. Über das, was sich da vor seiner Haustür und an seinem Arbeitsplatz abspielt, kann er nur den Kopf schütteln. „Totaler Blödsinn“, sagt er abschätzig. „Sie geben ihnen in Sarajevo Papiere“ – damit meint er die zwei Wochen lang gültigen Aufenthaltsdokumente, die bekommt, wer sagt, dass er Asyl beantragen will. „Aber sie haben gar keinen Platz im Asylheim. Im März ging es richtig los, und jetzt kommen jeden Tag neue Migranten. Sie werden von der kroatischen Polizei geschlagen und zurückgebracht. Manche bringen sie auch von Slowenien aus wieder her. Um zwei, drei Uhr nachts sind sie wieder hier, geschlagen, mit kaputten Telefonen.“

Am nächsten Mittag haben sich Dutzende Migranten um das Restaurant Kod Latana nahe dem Stadtzentrum versammelt. Das Lokal existiert eigentlich gar nicht mehr, denn der Besitzer, Asim Lotic, ist Mitte 60 und hat sich unlängst zur Ruhe gesetzt. Vor genau hundert Tagen öffnete er seine Türen wieder und bewirtet nun mit einigen Helfern aus der Stadt jeden Tag Migranten. Die Kosten zahlt er aus eigener Tasche. In einem Schulheft hat er alles mit Strichlisten dokumentiert. „20.000 Mahlzeiten haben wir hier serviert“, sagt er. Alleine am Vortag waren es 451.

„Früher arbeitete er als Polizist. Heute wäscht er zu Hause manchmal Klamotten der Migranten.“

Vor dem Restaurant liegen zwei Mehrfachsteckdosen auf einem Tischchen. Sie sind umwunden von einem Knäuel von Kabeln, die Lebensadern der unabdingbaren Mobiltelefone der Geflüchteten. Daneben, unter einem Vordach, sitzt ein Mann, den alle hier „Pixi“ nennen. Er sieht aus wie ein etwas in die Jahre gekommener Punk, mit Dreadlocks, kurzrasierten Schläfenharen und schweren Stiefeln. Auf einer Liste notiert er eifrig alles, woran es gerade mangelt. Jacken, Hosen, Medikamente. Er verschwindet und kommt kurz darauf wieder, von der Apotheke, mit einem Verband für einen der Verletzten. Seit 2015 ist auch er auf der Balkanroute unterwegs, beinahe ohne Pause, um zu helfen: an der slowenische Grenze, der zwischen Kroatien und Ungarn, beziehungsweise Serbien, Idomeni, Thessaloniki, Belgrad.

„Dies ist meine siebte Grenze“, sagt Pixi. Was sie charakterisiert? „Dass dies die letzte Chance ist, um durchzukommen. Und die Hilfsbereitschaft der Menschen hier vor Ort.“ Auch für ihn ist die Kriegs-Erfahrung der Ortsansässigen ein zentrales Motiv. „Alle hier ab einem gewissen Alter haben ihn erlebt, und alle sind davon geprägt.“ Manchen hier sieht man das durchaus an. Über Spuren in Gesichtern lässt sich spekulieren. Zur Helfer-Gruppe im Restaurant aber zählt auch ein alter Mann, den Pixi als ‚Latan‘ vorstellt. „Er hat im Krieg ein Bein verloren.“

Neben dem Restaurant befindet sich ein Café. Auch dort sind Migranten ausdrücklich willkommen, und die Helfer gehen ein und aus. Der Besitzer, sagt Pixi, ist ebenfalls pensioniert. „Früher arbeitete er als Polizist. Heute wäscht er zu Hause manchmal Klamotten der Migranten.“

Punks, Rentner und Ex-Polizisten, es ist eine bemerkenswerte Allianz, die sich in Velika Kladuša um Geflüchtete kümmert. Inzwischen sind weitere Freiwillige aus Belgrad gekommen und haben Duschen gebaut. Auch T-Shirts, Socken, Unterwäsche und Handtücher verteilen sie.

Seit Ende Mai nun haben die Helfer einen neuen Einsatz-Ort: Die Kommune lässt den Park räumen und stellt den Bewohnern eine Wiese außerhalb der Stadt zur Verfügung. Die Organisation der ersten Essens-Ausgabe dort haben Pixi und seine Kollegen schon hinter sich. Auch einige Decken haben sie ausgeteilt, an frisch angekommene Familien. Pixi packt seine Prognose in drastische Worte: „Dies ist nur der Anfang. Es wird hier wie in Griechenland werden.“ Es scheint, als werde Europa in diesem Sommer noch nach Bosnien schauen. Und Velika Kladuša dürfte dabei zum Nadelöhr werden.

Tobias Müller berichtet für die woxx aus Belgien und den Niederlanden. Für diese Reportage war er in Bosnien und Herzegowina unterwegs.

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