Sally Potter: Kein Grund zum Feiern

Die politische Komödie „The Party“ 
zeigt eine Star-Besetzung in Höchstform. In schlichtem Schwarz-Weiß bringt Filmemacherin Sally Potter ihre Sicht der gegenwärtigen britischen Gesellschaft auf die große Leinwand.

Mit „The Party“ zeigt Sally Potter ihr Talent, Humor in jedem noch so desaströsen Situation auszumachen. (Fotos: outnow.ch)

Ein Haus, eine Dinner-Party, vier Paare: Die Prämisse von „The Party“ ist denkbar simpel. Filme dieser Art – eine Handvoll Figuren, wenige Räume, eine Unmenge an größeren und kleineren Konflikten – gibt es zahlreiche. Es ist nicht überraschend, dass viele von ihnen – so zum Beispiel „Who’s Afraid of Virginia Woolf“, „Carnage“, oder „Fences“ – auf Theaterstücken basieren.

Doch was in einem Theaterstück funktioniert, tut das nicht unbedingt in einem Spielfilm. In „The Party“, einzig für die große Leinwand geschrieben, zeigt sich die Schwäche einer Inszenierung, in der die Figuren aus wenig nachvollziehbaren Gründen beisammen bleiben. Es sei denn, man begreift von Anfang an, dass es der Regisseurin und Drehbuchautorin Sally Potter weniger um eine psychologische Charakterstudie als um ein Porträt der britischen Bourgeoisie geht. „The Party“ soll nicht realistisch sein, vielmehr stehen Absurdität und Skurrilität im Zentrum.

Ausgangspunkt der Geschichte ist die Ernennung Janets (Kristin Scott Thomas) zur Gesundheitsministerin im Schattenkabinett. Zu diesem Anlass hat sie ein paar Freund*innen zu sich nach Hause eingeladen. Während eigentlich Janet im Mittelpunkt der Zusammenkunft stehen sollte, wird ihr fortwährend von ihren Gästen die Show gestohlen: April (Patricia Clarkson) verkündet ihre Trennung von Gottfried (Bruno Ganz), Martha (Cherry Jones) und Jinny (Emily Mortimer) kündigen an, dass sie Drillinge erwarten, Janets Ehemann Bill (Timothy Spall) berichtet von seiner Krebsdiagnose. Auch Tom (Cillian Murphy) scheint nur mit sich selbst beschäftigt, den Grund seiner Nervosität erfahren die Zuschauer*innen aber erst recht spät.

Die zunächst noch unterschwellig brodelnden Konflikte treten im Laufe des Films immer stärker an die Oberfläche, bis man als Zuschauer*in fürchtet, die Figuren würden sich bald die Köpfe einschlagen. Am Ende ist es schwer zu sagen, welche der Personen letztendlich die egozentrischste und hypokritischste ist.

Immer wieder zeigt „The Party“ den tiefen Graben, der zwischen Ideal und Wirklichkeit klafft. Eine gewisse Abgehobenheit manifestiert sich bereits beim Setting: Auf den ersten Blick lassen sich die Hauptfiguren als privilegierte Mittelschicht identifizieren. So progressiv ihre Ansichten auch sein mögen, so schimmert doch stets eine gewisse Ignoranz bezüglich ihrer Position in der Gesellschaft durch. Besonders in Krisensituationen, wenn die sorgfältig gepflegte Fassade aus Anstand und politischer Korrektheit endgültig zu bröckeln beginnt, wird dies deutlich.

Auf den Punkt gebracht wird diese Problematik von April. Fast jede Aussage und Handlung ihrer Mitmenschen wird von ihr auseinandergepflückt. Wie nennt man das, wenn eine frisch gewählte weibliche Ministerin in der Küche das Essen zubereitet, während ihr Mann im Wohnzimmer sitzt und Wein trinkt? „Ministerial in a 21st-century postmodern post-post-feminist sort of way“. Egal ob jemand tanzt, meditiert, verheiratet ist, im Finanzsektor arbeitet oder an Veränderungen durch parlamentarische Politik glaubt – alles findet April entweder peinlich, unerträglich oder realitätsfern. Was anstrengend hätte werden können, ist dank Particia Clarksons unterkühltem Spiel vor allem witzig. Besonders ihre Interaktionen mit ihrem, von Bruno Ganz gespielten, leicht esoterischen Exfreund Gottfried, wissen Freund*innen schwarzen Humors so manchen Lacher zu entlocken. Auch der Rest des Casts zeigt sich in „The Party“ in Höchstform.

Trotz aller Dramatik ist „The Party“ eine Komödie, eine Satire um genau zu sein. Die Frau dahinter, Sally Potter, ist bekannt dafür, immer wieder Neues auszuprobieren. „Ich bin nicht daran interessiert, mich zu wiederholen. Ich liebe es, Risiken einzugehen. In diesem Fall bestand das Risiko darin, eine Komödie zu machen“, erklärte die britische Filmemacherin, Theaterregisseurin und Performancekünstlerin dem Independent gegenüber.

„You’re a first-class lesbian and a second-rate thinker”, „Tickle an aromatherapist and you find a fascist”. „The Party“ erfordert höchste Konzentration, doch selbst dann lässt es sich nicht vermeiden, den ein oder anderen der pointierten One-Liner zu verpassen. Allein auf dieser Ebene betrachtet bietet „The Party“ britischen Filmgenuss vom Feinsten. Wem das nicht reicht, darf sich gerne auf Potters beißendes Porträt einer desillusionierten, zutiefst gespaltenen Gesellschaft einlassen.

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Bewertung der woxx : XXX


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