Thomas Vinterberg: It’s all about Love

Vinterberg verunsichert mit seinem Nicht-Dogma-Film :
„It’s all about Love.“ Is it?

Es scheint bei Thomas (W)interberg mit „It’s all about Love“ eine neue Eiszeit heranzunahen.

Wer von „Festen“ (1998) begeistert war, muss noch längst nicht am neuesten Werk des Dänen Thomas Vinterberg Gefallen finden. Wiederum experimentiert er auf neuen Pfaden, auf der Suche nach einem eigenen Stil. Befreit von jeglichen Dogma-Regeln, begibt er sich in das Filmstudio und wendet das hollywoodsche Rezeptbuch der Filmkunst an. Technisch, dramaturgisch und fotografisch stimmt der Film. Vinterberg zeigt, dass er sein Handwerk beherrscht und nicht nur mit der wackligen Videokamera umgehen kann. Und trotzdem lässt der Film so manche ZuschauerIn kalt.

Schon der Titel ist irreführend. Dreht sich hier wirklich alles um Liebe ? Im Mittelpunkt stehen John und Elena, die seit etwa zwei Jahren getrennt leben. Auf einer Zwischenlandung in New York soll John seine Exfrau auf dem Flughafen treffen um eben mal schnell die Scheidungspapiere unterschreiben zu lassen. Sie ist nicht da, wartet statt dessen im Hotel. Elena ist noch immer ein großer Star, eine vielbeschäftigte Eiskunstläuferin, die durch ihre netten Pirouetten im rosaroten Röckchen die Kasse klingeln läßt. Davon lebt ein ganzer Pseudo-Familienclan, der sie ständig umgibt. Schon bald wird klar, daß sie eigentlich aufhören möchte und ihre Manager sie durch Doubles ersetzen wollen. Ganz klar ist nicht, was mit der echten Elena passieren soll, Gutes oder Schlechtes ? Aber zum Glück ist ja John wiedergekehrt, und aus einer geplanten kurzen Zwischenlandung wird schnell wieder eine Landung im ex-ehelichen Bett. Er möchte Elena zur Flucht verhelfen. Doch Flucht wovor und wohin, um was geht es hier bitte?

Vinterberg verwirrt das Publikum. Er schildert eine dürftige, kitschige Geschichte in perfekten, farblich aufgepeppten Bildern, die allerdings sehr unangenehm berührt. Vieles ist nicht einzuordnen. Gefühle wie Liebe und Freundschaft wirken unecht. In einer hektischen Zeit, wo alles perfekt getimt ist, wo der Mensch als solcher nicht mehr zählt, bleibt kein Platz für Menschlichkeit. Die Protagonisten scheinen vielmehr seelenlose, ferngesteuerte Puppen zu sein.

Situationen zum Schmunzeln

Und hier kommt der vielleicht einzig interessante Ansatz des Films: Vinterberg hebt jegliche vertrauten Gesetze von Logik, von Schwerkraft, von Zeit, hebt alle gängigen Regeln auf. Gerade das bringt Verunsicherung. Alles wird möglich, genau wie in einer Traumsequenz die ungewöhnlichsten Situationen eintreten können. In Vinterbergs Film passieren eigenartige, verunsichernde Veränderungen auf der gesamten Erde, manches davon ist denkbar, anderes absurd. Plötzlich schneit es im Sommer in New York, plötzlich gefriert zu bestimmten Zeitpunkten das Wasser während zwei Sekunden (also bitte schnell aus dem Schwimmbad raus), plötzlich sterben immer mehr Menschen an einer Herzkrankheit (!) und werden einfach auf dem Bürgersteig liegen gelassen. „Nicht beachten, einfach drübersteigen“ ist die Verhaltensregel. Es scheint bei (W)interberg keine globale Erwärmung des Planeten zu geben, sondern eine neue Eiszeit heranzunahen, verursacht durch die zunehmende „Herzenskälte“ und Austauschbarkeit der Menschen. Und über dem ganzen schwebt hoch oben im Flugzeug der Beobachter der Lage, Johns Bruder, interpretiert von Sean Penn.

Ständig telefoniert er mit ihm, berichtet vom Zustand der Planeten. Hier kristallisiert sich sehr gut das „traumhafte“ Element des Films heraus: Sean Penn fliegt, obwohl es eher einer Busreise ähnelt. Seit wann gibt es an der offenen Tür des Flugzeugs Stehplätze? Der Film bietet einige solch humorgeprägter Situationen, die uns schmunzeln lassen, wie z.B. von Schwerelosigkeit geplagte Afrikaner, die sich mit Seilen festbinden müssen. So bleibt denn vieles dem Publikum überlassen, ob und wie es die symbolträchtige Bildersprache des Regisseurs deuten mag. Vielleicht lässt man sich einfach nur auf den Traum Vinterbergs ein. Hätte der Film weniger Kitsch, weniger Pseudodramatik und dafür umso mehr „Traumhaftes“ und Ver-rücktes, dann hätte er sich aus der Masse der durchschnittlichen Hollywoodproduktion herausheben können. So fröstelt die Zuschauerin leicht und freut sich beim Hinausgehen, dass draußen ein wirklicher Sommer ist, sonnig warm, 28 Grad, keine Schneeflocke weit und breit, nicht mal ein Regentröpfchen.

Sylvie Bonne


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