PATTY JENKINS: Schaurig-schönes Negativ

Patty Jenkins Regiedebüt überzeugt vor allem wegen der Schauspielerin Charlize Theron. Ansonsten bleibt der Film über eine Prostituierte, die aus Wut und Rache zur Mörderin wird, zu sehr an der Oberfläche.

Lee bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. (Foto: Filmverleih)

Prägnanter hätte sie kaum sein können – die Figur, die Regisseurin und Drehbuchautorin Patty Jenkins für ihren Debüt-Langfilm „Monster“ ausgewählt hat. Lee, gespielt von Charlize Theron, ist eine Prostituierte und Amerikas wohl berühmteste Serienmörderin. Bis zum Oktober 2002 hat Lee, die eigentlich Aileen Wourno hieß, tatsächlich gelebt – bevor sie mit der Giftspritze im Todestrakt von Florida hingerichtet wurde.

Wenn man ihre Biografie denn als Leben bezeichnen kann. Als junges Mädchen wurde Aileen vom Vater geschlagen und vom Großvater missbraucht. Schon als 15- Jährige landete sie auf der Straße und prostituierte sich.

Das sind die beklemmenden Fakten aus dem Leben der „echten“ Aileen, doch Jenkins streift sie nur. Sie interessiert sich mehr für die Liebesgeschichte zwischen der 30-jährigen Lee und der orientierungslosen Junglesbe Selby (Christina Ricci), die es in ähnlicher Form auch bei Aileen gab. Um Geld und die Liebe ihrer neuen Flamme zu verdienen, geht Lee wieder anschaffen. Sie gerät an einen brutalen Vergewaltiger, den sie in Notwehr erschießt. Aber auch der nächste Freier kommt nicht lebend davon. Eine mörderische Serie nimmt ihren Lauf.

Den „gleitenden Übergang“ zwischen Selbstverteidigung und Selbstjustiz habe sie zeigen wollen, sagte Patty Jenkins in einem Interview. Dass eine Mörderin, die mit jeder weiteren Tat eine unsichtbare Grenze überschreitet, gleichzeitig auch Opfer sein kann. Ein hoher Anspruch – dem Jenkins aber leider nicht gerecht wird.

Charlize Theron spielt die Rolle der „White-Trash“-Frau, wie weiße Außenseiter in den USA verächtlich genannt werden, zwar überaus glaubwürdig. Das liegt zum einen an dem eigens für die Rolle angefressenen Schwabbelbauch und den auf hässlich getrimmten Gesichtszügen. Mehr aber noch an Therons Gestik und Mimik: Wie sie die Bierbüchse in die Hüfte stemmt, mackerigen Schritten die Bar durchquert und dabei das kaputte blonde Haar zurückwirft. Dafür hat die Südafrikanerin den Oskar 2003 redlich verdient. Von so viel Überzeugungskraft kann ihr eher blasses Gegenüber Ricci noch einiges lernen.

Doch gutes Schauspiel allein reicht nicht aus, um die tieferen Hintergründe des Blutrausches darzustellen. Der psychologische Teufelskreis zwischen Täterschaft und Selbst-Viktimisierung, zwischen Wissen und Verdrängung, in den Lee und Selby geraten und aus dem sie bis zuletzt nicht raus finden, wird mit eher oberflächlichen Dialogen angedeutet. Und zu oft von theatralischen Bildern ertränkt. Etwa als Lee ihr letztes Opfer erschießt. Die biografischen Umstände, die zumindest einen Teil von Lees Tragik hätten erklären können, kommen im Film nur einmal, am Anfang vor. Wenn sie der eigentliche Grund für Aileen „Lee“ Wournos Ausrasten sind, hätten sie mehr in den Mittelpunkt gemusst. So erscheinen eher die emotionale Abhängigkeit von ihrer Geliebten und die chronische Geldnot als Hauptmotive. Dann wäre Aileen aber doch nur eine kaltblütig mordende Männerhasserin gewesen – was Patty Jenkins, die mit der „echten“ Aileen bis kurz vor ihrem Tod noch brieflich Kontakt hatte, aber bestreitet.

Vielleicht liegt die Oberflächlichkeit auch an den ungeschriebenen Spielregeln in Hollywood, die echten Tiefgang und dichtere Erzählweisen schwierig machen. So kommt die Kamera einfach nicht von Hollywoods blondem Star los. Indem sie immer wieder auf dem Gesicht Therons verweilt, reinszeniert sie deren Schönheit – quasi als hässliches Negativ.

Immerhin: Es ist Patty Jenkins erster Film. Ihren Riecher für spannende Stories und ihr gutes Händchen bei der Rollenbesetzung hat Jenkins mit diesem Beitrag durchaus bewiesen. Und das sind wichtige Eigenschaften, für eine talentierte Regisseurin mit viel Potenzial.


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