PEDRO ALMODOVAR: „Gott ist auf unserer Seite“

Pedro Almodóvar zieht die bedrückende Bilanz einer Kindheit in einem katholischen Jungeninternat.

Athletische Körper stürzen sich kopfüber in türkisblaues Wasser, Augen werden feucht und das Mascara rinnt. Wenn man Pedro Almodóvar eines nicht vorwerfen kann, dann ist es ein Mangel an Wiedererkennungswert. Oftmals scheint es als zeigte der Filmemacher lediglich verschiedene Aspekte einer einzigen Geschichte, außergewöhnlich gerne spielt er mit ähnlichen Motiven und Figuren. Nachdem der spanische Regisseur in seinen früheren Filmen gerne die Freiheit und das wilde Leben der „Movida“ in den 80ern in Szene setzte, widmet er sich in „La Mala Educación“ zum ersten Mal dem Thema Repression und Doppelmoral in Francos Spanien der 60er Jahre.

In einem katholischen Jungeninternat begegnen sich Ignacio und Enrique. Die Kinder verlieben sich ineinander. Doch der Direktor Padre Manolo trennt die beiden. Er verweist Enrique von der Schule, denn er ist selbst in Ignacio verliebt und missbraucht den Jungen. Jahre später begegnen sich Enrique und Ignacio wieder. Letzterer bittet seinen Freund, der inzwischen Regisseur geworden ist, die Geschichte ihrer gemeinsamen Kindheit und Jugend zu verfilmen. Von nun an verwebt der Film mehrere Handlungsfäden und fügt dem Ganzen noch eine fiktive „Film im Film“-Rahmenhandlung hinzu, um die Wechselbeziehung zwischen Leben und Kunst zu verdeutlichen. Denn nicht nur um Schuld und Rache geht es bei Almodóvar, sondern vor allem auch um Schein und Sein, im Leben wie in der schöpferischen Arbeit.

„La Mala Educación“ sollte keine Abrechnung mit der katholischen Kirche werden, sagt Almodóvar, der selbst ein katholisches Jungeninternat besuchte, sondern eine Reflexion über den sozialen Wandel, den Spanien zwischen den 60ern und 80ern erlebte. Und trotzdem birgt der Titel auch eine deutliche Anklage. In den für ihn typischen ästhetisierten Bildern zeigt der Regisseur, wie Padre Manolo seinen Schützling skrupellos manipuliert und ihn somit ins Verderben stürzt. Zwanzig Jahre später ist aus Ignacio ein Junkie geworden, der weder mit seiner Sexualität, noch mit seiner Vergangenheit wirklich zurechtkommt. Auch Padre Manolo, inzwischen aus dem Orden ausgetreten, ist an seinen inneren Widersprüchen gescheitert. Eigentlich hat sein Verbrechen eine Kette von schicksalhaften Entwicklungen in Gang gesetzt, die letztlich für alle Figuren ein erfülltes Leben unmöglich machen.

Pedro Almodóvar erzählt gerne mehrere Geschichten gleichzeitig, zieht plötzlich tragische Verstrickungen aus dem Hut und erfindet exzessive Figuren, die zum Opfer ihrer widersprüchlichen Gefühle werden. Dies kann zum Teil hervorragend funktionieren wie in „Todo sobre mi madre“. Manchmal verliert er darüber aber auch das eigentliche Thema aus den Augen. Das Verwirrspiel mit Erzählebenen ist geschickt arrangiert, auch wenn der Schluss ein wenig aufgesetzt wirkt. Leider schweift der Blick immer wieder von den psychologischen Auswirkungen des Missbrauchs auf den Betroffenen und auf sein Umfeld ab. Einzig die Zerrissenheit von Padre Manolo wird für den Zuschauer wirklich nachvollziehbar, aber auch dessen persönlichen Beweggründe bleiben zum größten Teil im Dunkeln. Es sind die außerordentlichen Schauspielleistungen von Gael Garcia Bernal, Fele Martinez und Lluis Homar, so wie die ganz besondere, düstere Atmosphäre, die Almodóvar zu schaffen weiß, die dem Film auf jeden Fall eine Tiefe verleihen, die ihn nachwirken lässt. In „La Mala Educaciòn“ gibt es kein Happy-End, oder besser gesagt, keine Erlösung. Als Padre Manolo am Ende Gottes Urteil fürchtet, beruhigt ihn ein anderer Priester: „Gott ist auf unserer Seite.“


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