SALLY POTTER: Yes

In „Yes“ gibt Sally Potter interkultureller Liebe nach 09/11 eine Chance, und verpasst es den westlichen Individualismus nachhaltig zu kritisieren.

Verträumt, verliebt, verloren im Clash der Zivilisationen: Joan Allen in „Yes“ von Sally Potter.

Vom Leben hatte sie sich mehr erwartet. Als erfolgreiche Mikrobiologin jettet sie zu Konferenzen um den Globus. Privat hat sie hingegen weniger Glück. Aus ihrer erstarrten Ehe mit einem wohlhabenden Diplomaten flüchtet sie schließlich in eine leidenschaftliche Affäre mit einem libanesischen Koch. Doch unter dem Druck kultureller Differenzen weicht zärtliches Bettgeflüster bald Missverständnissen und Streit. Zermürbt durch die Verachtung und Arroganz der Westler und durch die Frau, die ihn aushält, in seinem männlichen Stolz gekränkt, kehrt ihr Liebhaber nach Beirut zurück.

Das Gimmick von Sally Potters Film „Yes“ besteht darin, dass nahezu sämtliche Dialoge in jambische Pentameter mit Endreim gefasst sind. Durch diesen selbst auferlegten Zwang schafft die Regisseurin eine reizvolle Spannung zwischen einer sehr künstlich wirkenden Form und einer recht konventionellen Geschichte um gescheiterte Ehen, Missverständnisse und die Sehnsucht nach Liebe. Ganz unprätentiös tut sich ein Netz von Bezügen zu literarischen Traditionen auf, mit augenzwinkernden Verweisen auf antikes Drama und elisabethanische Liebesrhetorik.

Jedoch schadet die strenge Form der psychologischen Glaubhaftigkeit der Figuren. Diese leidet bereits unter der Überfrachtung mit Fragestellungen allgemeiner Natur, die droht die Charaktere zu Stereotypen ohne Eigenleben zu reduzieren. Individualismus, Sozialismus, Feminismus, Kampf der Kulturen, Orientalismus, Irakkrieg, Religion versus wissenschaftliches Denken: Unzählige Themen werden angeschnitten, was bisweilen sehr forciert wirkt, werden aber nicht konsequent vertieft. Das Halbwissen, das die Regisseurin dabei an den Tag zu legen scheint, wirkt unfreiwillig komisch: Während Joan Allen in der Rolle der Biologin das tut, was Potter für Naturwissenschaft hält, nämlich ehrfürchtig durch das Mikroskop auf wuselnde Zellanhäufungen starren, ist die Neigung zu dem, was Potter für Philosophie hält, bei allen Charakteren gleichermaßen ausgeprägt. Über Unendlichkeit und Einheit wird ebenso beschwörend geplaudert wie über die Größe Gottes im Universum und die Winzigkeit der Milben im Futon. Wem tiefsinniges Gerede suspekt ist, dem wird hier manches zugemutet.

Intrigierend ist vor allem die weibliche Hauptfigur. Bleich, verträumt, mit eingefrorenem Lächeln vermag sie nicht aus der Rolle der Beobachterin auszubrechen. An ihrer Entfremdung scheint irgendwie der westliche Individualismus schuld zu sein. Die Kälte der westlichen Welt wird veranschaulicht durch antiseptische Laborräume und das funktionale Design luxuriöser Interieurs. Da die Frau an der eigenen Emanzipation leidet, die als Preis anscheinend Gefühlskälte und Selbstkontrolle abverlangt, sucht sie nach der fehlenden Leidenschaft in den Armen eines Südländers mit unübersehbaren Macho-Tendenzen. Ihre Sehnsüchte projiziert sie ganz unkritisch auf ferne Länder und als exotisch empfundene Personen. Nicht einmal die Wahl der Projektionsfläche überrascht. Wohin verschlägt es wohl einen Menschen, der in seiner Jugend linken Idealen gehuldigt hat und der sich nun inmitten des diskreten Charmes der Bourgeoisie nach mehr Gemeinschaft sehnt? Genau. Nach Kuba, dem letzten Bollwerk von Kommunismus und Sinnlichkeit. Erwartungsgemäßwird der Inselstaat auf pittoresk abgewrackte Häuserfassaden und grinsende Amüsierneger reduziert. Natürlich sucht sie keinen Kontakt zu Kubanern. Es reicht doch, wenn man die lachenden Körper filmen kann, während man am Malecón entlang joggt.

Der Individualismus westlicher Prägung hat definitiv eine vorteilhaftere Darstellung verdient. Doch wegen all den Risiken, die Potter mit ihrem künstlerisch gewagten und thematisch brisanten Film auf sich genommen hat, sollten wir ihr dankbar sein.


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