GEWERKSCHAFT: Neue Schule

Der personelle Wechsel an der Spitze des OGBL eröffnet Chancen: Die größte Luxemburger Gewerkschaft
könnte dadurch moderner werden. Vielleicht auch unabhängiger.

„Permettre aux responsables syndicaux de l’OGBL de devenir député ou membre de la direction d’un parti, revient dans la situation concrète à rétablir la vieille union personnelle entre le POSL et le mouvement syndical. Mis à part le fait que l’unité syndicale serait de la sorte renvoyée aux calendes grecques, j’ai de sérieux doutes qu’il soit suffisant de renforcer le POSL pour arriver à un changement politique dans notre pays.“ Der diese Sätze 1982 in der „perspektiv“ schrieb, freute sich nach den Nationalwahlen 2004 im „Tageblatt“ über den Erfolg des LSAP-Kandidaten John Castegnaro, der „aus gewerkschaftlicher Sicht wichtig“ gewesen sei. Und darüber, dass „die Wähler die Parteien gestärkt“ hätten, „die glaubhaft, auch in einer veränderten Welt, das luxemburgische Sozialmodell verteidigt haben“.

Die Zeiten ändern sich, aus Gewerkschaftslinken werden Gewerkschaftspräsidenten. Endlich. Denn lange hat John Castegnaro seinen Nachfolger Jean-Claude Reding zappeln lassen. Eleganter und besser fürs Image des OGBL wäre es wohl gewesen, wenn Castegnaro schon vor den Wahlen als Gewerkschaftspräsident abgedankt hätte. Reding hat stillgehalten. Und heute ist es soweit: Beim 30. Kongress und gleichzeitig 25. Jubiläum des OGBL löst er den heutigen LSAP-Abgerordneten Castegnaro auf dem Präsidentenstuhl ab. Und ist damit, obwohl er gar nicht am Nationalwahlkampf teilnahm, laut Romain Hilgert, der „interessanteste Mann der Wahlen“.

Ob damit auch der OGBL erfrischend anders wird? Im Mai noch stand im OGBL-Aktuell zu lesen: „Der Vorwurf an den OGBL-Präsidenten, zur „alten Schule“ zu gehören, ist nichts weiter als eine Umschreibung seines Einsatzes für soziale Absicherung, soziale Gerechtigkeit durch sozialen Fortschritt und gerechte Umverteilung.“ Diesen Einsatz dürfte sich wohl auch der neue Präsident auf die Fahne schreiben. Und auch in manchen anderen Punkten wird er wohl konsequent das Erbe seines Vorgängers antreten: Etwa, wenn es darum geht, den Einfluss des OGBL auszubauen. Jean-Claude Reding hat nie einen Hehl aus seiner Unterstützung für das Prinzip der Einheitsgewerkschaft gemacht – auch wenn sie nach dem Prinzip „die großen Fische fressen die kleinen“ funktioniert.

Trotzdem ist Jean-Claude Reding zuzutrauen, dass er einen neuen gewerkschaftlichen Stil durchsetzt. Bietet er doch schon vom Auftreten her ein Kontrastprogramm zum Gewerkschaftler der „alten Schule“ an: Statt polternder Rhetorik darf sich seine Klientel, aber auch seine politischen GegnerInnen wohl eher sachliche Argumentation erwarten. Was manche als Schwäche bewerten, nämlich das Fehlen von persönlichem Charisma, könnte sich in der alltäglichen Auseinandersetzung mit PolitikerInnen und Patronat vielleicht als Vorteil herausstellen. Zu oft stand sich der notorische Großsprecher und Streikankündiger Castegnaro selbst im Weg.

Zuzutrauen ist Jean-Claude Reding, dass er die innere Modernisierung der größten Luxemburger Gewerkschaft weitertreibt. Da hat er allerdings noch Einges zu tun. Eine Gewerkschaft, in der zum Beispiel die Frauen immer noch in der zweiten Reihe stehen, und bei deren erstem Kongress im 21. Jahrhundert nicht eine von ihnen als offizielle Rednerin vorgesehen ist, darf sich wohl kaum modern nennen. Und eine Gewerkschaft, die sich immer noch nicht aus ihrer engen Verzahnung mit der sozialistischen Partei gelöst hat, ebenso wenig.

Vor allem wird der neue Präsident aber wohl die Zusammenarbeit der Gewerkschaften in der Großregion vorantreiben – im Hinblick auf einen Arbeitsmarkt, der längst ein supranationaler ist. In dieser Hinsicht hat sich der Verfechter der sozialen Großregion schon vor seiner heutigen Wahl als modern erwiesen. Mal sehen, ob sich das auch – anders als bei Castegnaro – im konkreten Fall äußert: etwa wenn es um den regionalen Schulterschluss der Gewerkschaften gegen eine Arcelor geht.


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