PISA 2003: Bildungsskandal hausgemacht

Keine Strukturreformen – schlussfolgert die Bildungsministerin aus dem besseren Abschneiden Luxemburgs bei Pisa II. Ein Affront gegenüber den Verlierern: den Migranten.

„Der Patient ist auf dem Weg der Besserung“, so lautet das Fazit nicht nur des Luxemburger Worts über Luxemburgs Resultate beim zweiten Pisa-Test. Auch die neue Bildungsministerin Mady Delvaux-Stehres zeigte sich darüber zufrieden, dass Luxemburgs SchülerInnen im internationalen Vergleich Anschluss an das (untere) Mittelfeld der Test-Länder gefunden hat. Ihre liberale Vorgängerin Anne Brasseur sieht sich denn auch in ihrer Arbeit bestätigt. Die Bildungspolitik der DP trage „erste Früchte“, hieß es bereits am Montag in einer Pressemitteilung der Partei. Das ist – gelinde gesagt – eine Anmaßung.

Zum einen kommt die neue Pisa-Studie viel zu früh, um deutliche Fortschritte im luxemburgischen Bildungssystem aufzeigen zu können. Internationale BildungsforscherInnen rechnen mit Intervallen von zehn bis 15 Jahren für sichtbare Reformerfolge. Zum anderen hat es seit dem Pisa-Desaster vor vier Jahren noch gar keine tiefer greifenden Reformen gegeben. Außer einem Pilotprojekt im technischen Sekundarunterricht an einer Hand voll Schulen, einem Schulgesetz zur Neuorganisation der Lyzeen, einer neuen Lesefibel für die Grundschule und einer allgemeinen Lese-Kampagne hat die Ex-Ministerin keine Veränderungen oder Neuerungen vorgenommen – von der versprochenen Bildungsoffensive keine Spur.

Der eigentliche Grund für die besseren Noten der luxemburgischen SchülerInnen ist höchstwahrscheinlich viel profaner. Im Gegensatz zu Pisa I haben die zuständigen Beamten und SachbearbeiterInnen Pisa II mit der nötigen Sorgfalt und Professionalität vorbereitet.

Das mäßige Abschneiden luxemburgischer SchülerInnen konnten sie damit freilich nicht verhindern.

Schlimmer als der Platz im Mittelfeld sind allerdings die Befunde bei den Migranten und Unterschichtskindern. SchülerInnen aus einheimischen Familien schneiden in allen drei getesteten Bereichen – Mathe, Lesen und Naturwissenschaften – deutlich besser ab als Schüler aus Familien mit Migrationshintergrund, heißt es im OECD-Bericht. Oder andersherum: Wer aus einer Migrantenfamilie kommt oder Eltern hat, die zur Bildungs-Unterschicht gehören, hat nur geringe Chancen auf schulischen und beruflichen Erfolg. Über 40 Prozent der SchülerInnen aus Migrantenfamilien und nahezu jedem dritten Schüler aus Familien der ersten Einwanderergeneration fehlt es an elementaren Fähigkeiten im Rechnen. Beim Lesen sind die Defizite noch größer.

Die neue Ministerin scheinen diese dramatischen Ergebnisse wenig zu beeindrucken. Wie sonst ist ihre ablehnende Haltung gegenüber einer echten Bildungsreform, die sie auf der Pressekonferenz deutlich machte, zu erklären? Ihr bisheriges Rezept, mehr Motivation für alle, klingt ziemlich mickerig angesichts elementarster Sprachschwierigkeiten, ungenügend aus- und fortgebildeter Lehrkräfte, rigider Schulprogramme und eines Notensystems, das unerbittlich die einen nach oben und die anderen nach unten selektiert – Alltag und Alptraum tausender Kinder hier im Land.

Es ist höchste Zeit, die Bildungsdebatte vom Kopf auf die Füße zu stellen. Will Luxemburg (und seine Wirtschaft) weiterhin von der Kohäsion der Gesellschaft profitieren, darf die Schere zwischen nicht-luxemburgisch und luxemburgisch, zwischen arm und reich, nicht weiter auseinander gehen. Und wenn Chancengerechtigkeit für die sozialistische Bildungsministerin keine leeren Worte sind, hat sie nun die Gelegenheit, das auch zu beweisen: mit einer radikal neuen, die Schwächeren integrierenden Bildungspolitik. Bleibt nur die Frage: Wie motiviert ist die Ministerin selbst?


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