1Meter20: „Der Feminismus wird siegen!“

In „1Meter20“ kämpft eine Schülerin mit Behinderung Seite an Seite mit LGBTIQA+ Jugendlichen für Sexualkundeunterricht an einem argentinischen Gymnasium und für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch im Land.

Efe, Juana und Julia (v.l.n.r.) kämpfen an ihrer Schule für einen Sexualkundeunterricht, 
der inklusiv ist und der Diversität der Schüler*innen gerecht wird. (Copyright: Screenshot/arte.tv)

„Offiziellen Daten zufolge bringt in Argentinien im Durchschnitt alle vier Stunden ein Mädchen unter 15 Jahren ein Kind zur Welt. Die meisten dieser Minderjährigen werden gezwungen, Schwangerschaften auszutragen, die das Ergebnis sexueller Gewalt sind.” Das geht aus dem Bericht von Amnesty International über die reproduktiven Rechte in dem lateinamerikanischen Land hervor, der 2021 veröffentlicht wurde. Kein Wunder also, dass sich in der argentinischen Webserie „1Meter20“ auf arte.tv Schüler*innen für die Einführung eines Sexualkundeunterrichts starkmachen, in dem Diversität, Konsens und Inklusion großgeschrieben werden.

Die siebzehnjährige Juana (Marisol Agostina Irigoyen) steht im Mittelpunkt der Serie: Sie besucht nach einem Umzug mit ihrer alleinerziehenden Mutter und ihrer jüngeren Schwester eine neue Schule. Als die Jugendliche, die im Rollstuhl sitzt, dort ankommt, sind die hitzigen Debatten um den Sexualkundeunterricht bereits entfacht. Juana freundet sich mit Julia (Florencia Licera), der lesbischen Wortführerin der Bewegung, und dem queeren Efe (Marcio Ramses) an. Schnell wird sie zu einer der Leitfiguren der Debatte. Die konservative Schulleitung stellt sich quer, die engagierten Schüler*innen sorgen mit Graffiti, Unterrichtsstörungen und der Besetzung der Räume für Unruhe.

Der Aktivismus verbindet Juana mit ihren Mitschüler*innen, doch er zeigt auch ihre Differenzen auf und den Mehrwert eines Feminismus, der von Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen verteidigt wird. Die Ko-Regisseurin Rosario Perazolo Masjoan, die wie die Hauptdarstellerin Marisol Agostina Irigoyen im Rollstuhl sitzt, verknüpft verschiedene Fragen miteinander: Was heißt es, jugendlich und LGBTIQA+ zu sein? Was bedeutet es, als Person mit körperlicher Behinderung Intimität zu suchen, zum ersten Mal Sex zu haben, Aktivist*in zu sein? Was passiert in Argentinien, wenn ein junger Mensch ungewollt schwanger wird? Diese Verflechtungen machen „1Meter20“ trotz sechs kurzen Folgen, die nie länger als fünfzehn Minuten dauern, zu einem intensiven und wertvollen Seherlebnis – auch für ein Publikum, das deutlich älter ist, als die abgebildeten Aktivist*innen. Das liegt vor allem daran, dass sie Rückschlüsse auf das politische Geschehen in Argentinien und dem dortigen Kampf um reproduktive Rechte zulässt.

Parallelen zur Politik 
in Argentinien

Die Serie wurde 2021 veröffentlicht, nur ein Jahr nachdem Argentinien Schwangerschaftsabbrüche innerhalb der ersten 14 Wochen legalisierte. Auch wenn das Gesetz besteht, haben schwangere Personen in abgelegenen Regionen heute noch Schwierigkeiten, einen legalen Abbruch vorzunehmen. Ein Verbund feministischer Kollektive, die Socorristas en red, begleitet Betroffene seit 2012. Er wird auch in „1Meter20“ repräsentiert: Zwei Frauen, die den Soccoristas angehören, besuchen Juana zu Hause, als die nach ihrem ersten Sexualkontakt befürchtet, schwanger zu sein.

Als Juanas Mutter überraschend hinzukommt, glaubt sie ihrer Tochter zunächst nicht, dass die Soccoristas ihretwegen vor Ort sind. Juana empfindet das als Diskriminierung: Sie interpretiert die Reaktion der Mutter als Absprache ihrer eigenen Sexualität. Die Mutter redet sich raus, indem sie auf Juanas Vernünftigkeit verweist. Ein Argument, das allein deshalb nicht haltbar ist, weil eine ungewollte Schwangerschaft nicht zwangsläufig auf Unvernunft zurückzuführen ist.

Später wird Juana Opfer von Hassrede im Internet, als sie im Klassenzimmer behauptet, einen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen zu haben. Juana fühlt sich zum einen als Frau angegriffen, der das Selbstbestimmungsrecht abgesprochen wird, zum anderen als Person im Rollstuhl, deren sexuelle Aktivitäten und Reproduktionsfähigkeit als Sensation skandalisiert werden. Als sie von der Presse auf ein Video ihres vermeintlichen Geständnisses angesprochen wird, sagt sie: „Viele Körper wurden zur Scham erzogen. Sie wurden versteckt. Wenn man nicht mit einem Normkörper geboren wurde, hat man sich rauszuhalten und ruhig zu sein. So lernen wir uns selbst und unsere Körper zu hassen.“ Damit spricht Juana nicht nur für sich selbst, sondern für alle Menschen, die aufgrund ihres Aussehens, ihrer Geschlechtsidentität oder ihrer körperlichen sowie geistigen Leistungsfähigkeit in den Augen der Mehrheitsgesellschaft aus dem Rahmen fallen.

2016 sagte die Regisseurin Masjoan in einem Vortrag, dass sie es leid sei, immer darauf angesprochen zu werden, warum sie im Rollstuhl sitzt. Das kommt auch in der Serie zum Ausdruck: Juanas Krankheitsbild ist kein Thema, weil es Wichtigeres zu besprechen gibt. Masjoan macht klar, dass Juana zwar teilweise eine andere Lebensrealität sowie Probleme und Erfahrungen mit Diskriminierung hat, als ihre gleichaltrigen Mitschüler*innen, doch deshalb nicht auf ihre Behinderung reduziert werden sollte.

Wenn Juana und Julia am Ende zusammen für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs demonstrieren, inmitten grüner Fahnen, der Marea Verde – grün ist in Lateinamerika Symbolfarbe für die Liberalisierung der Abbruchregeln –, sind sie nichts weiter als zwei junge Frauen mit unterschiedlichen Geschichten, die für dieselben Rechte kämpfen. „Ein Hoch auf den Feminismus“, schreien sie beide und Julia reckt die geballte Faust in den Himmel. „Er wird siegen!“

Auf arte.tv

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