GESELLSCHAFT: Die Bomben, die Monarchie und die Medien

Bommeleeër Revisited – das Comeback der politischen Skandalstory sorgt nicht unbedingt für mehr Aufklärung. Über die Faszination des Bösen nach Luxemburger Machart gibt diese Geschichte dagegen viel Aufschluss.

„Das Interesse der Öffentlichkeit an einer restlosen und schonungslosen Aufklärung ist legitim“, so hatte Land-Chefredakteur Mario Hirsch vor drei Wochen in seinem Leitartikel über die Bommeleeër-Story geurteilt. Man hätte denken können, dass er mit dieser Aussage den Beitrag seines Mitarbeiters Romain Hilgert absegnete, der in derselben Ausgabe zu diesem Thema erschien. Hier wurde ein Gerücht erwähnt, das hierzulande seit zwanzig Jahren zirkuliert: Diesem Gerücht nach wäre ein Mitglied der großherzoglichen Familie in die Affäre verwickelt gewesen.

Umso erstaunlicher der Beitrag von Mario Hirsch in der Land-Ausgabe vom 2. Dezember: Immerhin zwei Wochen nach Erscheinen des besagten Artikels entschuldigt sich Hirsch in einer Stellungnahme als „Chefredaktion“ in aller Form bei der großherzoglichen Familie für den Artikel „Der schwarze Prinz“. Der Verdacht drängt sich auf, dass das Mea Culpa erst auf Druck des großherzoglichen Hofes zustande kam. Implizit war Hilgerts Beitrag auch ein Versuch, Journalismus in Fragen, welche die Luxemburger Monarchie betreffen, so unbefangen und frei zu betreiben, wie es in einem Rechtsstaat mit verbriefter Pressefreiheit eigentlich normal sein müsste. Hirsch machte ihn mit seinem Kniefall zunichte.

Ein Versuch, der in Luxemburg eher selten vorkommt. Die meisten hiesigen Presseorgane beschränken sich auf die Darstellung einer großherzoglichen Zuckerbäckeridylle, das Covern von Fürstenhochzeiten oder das Übersenden von Geburtstagswünschen. Von elementarer Informationsvermittlung kann man da nicht reden. Sogar RTL, eigentlicher Urheber der aktuellen Aufwärmung der Bommeleeër-Story, mag zum Thema Monarchie lieber Hofberichterstattung à la „Place royale“ betreiben.

Die Bommeleeër-Revisited-Kampagne, die derzeit in diesem wie auch in anderen Medien läuft, bringt inhaltlich kaum neue Elemente. Vielmehr entpuppt sich die Bommeleeër-Story über die ungeklärte politische Frage nach den Autoren der Attentate und ihrer Motivation hinaus erneut als Vektor typisch Luxemburger Selbstzweifel. Die Luxemburger Monarchie sollte, besonders seit sie vor hundert Jahren reell im Land ansässig wurde, zum Pfeiler der noch wackligen kollektiven Identität werden. Doch von der Abdankung Marie-Adelheids über den Skandal um Prinz Felix, der den Grünewald verspielte, bis hin zu dem einen oder anderen unehelichen Kind gab es immer wieder Elemente, die dieses Image lädierten.

Die Anziehungskraft der Bombenattentate für die Luxemburger Öffentlichkeit drückt so eigentlich vor allem ihre Zerissenheit aus: zwischen dem Wunsch nach einem heilen Staat und der kritischen Infragestellung von Machtgeklüngel und Vertuschungstaktik. Wie Kinder, die durch verbotene Gucklöcher schauen, erleben die Sucher nach dem Bombenattentäter zugleich Faszination und Abscheu.

Dazu kommt, dass das Prinzip der konstitutionellen Monarchie im Lauf der Jahrzehnte immer schwieriger mit gängigen Demokratieansprüchen zu vereinbaren war. Bei den zaghaften Versuchen, die Verfassung an die Erfordernisse eines modernen Rechtstaats anzupassen, handelte es sich jedes Mal um parlamentarische Seiltänze. Auch der Staatsminister, der sich gerne fortschrittlich gibt und für seine Kaltschnäuzigkeit bekannt ist, hütet sich davor, zur Monarchie ein kritisches Wort zu äußern – nicht zuletzt wohl deshalb, weil sie ihm nützlich ist.

Die Medien könnten eine andere Rolle spielen. In vielen europäischen Ländern finden Befürwortung und Ablehnung der Monarchie ihren Niederschlag in der Presse – die auf diese Weise gesellschaftlichen Pluralismus zum Ausdruck bringt. Vielleicht müssten die Medien aber dazu auch mehr Souveränität beweisen. Dass JournalistInnen mit dem Staatschef und seiner Gemahlin zuweilen an einem Tisch sitzen, an ihren Empfängen teilnehmen oder gar in Familienzwiste eingeweiht werden, ist schön und gut. Aber nur, wenn im Ernstfall die journalistische Pflicht nach Nichtvereinnahmung ernst genommen wird. Der Fall des Lëtzebuerger Land zeigt, wie weit es damit in Luxemburg her ist.


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