MOBILITÄTSWOCHE: Einweihen und ankündigen

Eine Woche lang wird mit spektakulären aber lebensfernen Aktionen die Werbetrommel für alternative Verkehrsmittel gerührt. Das Mobilitätsverhalten wird sich trotzdem nur langsam verändern.

Es war einmal … der Tag ohne Auto. Doch weil sowieso niemand auf die vier Räder verzichten mochte, wurde er umgetauft und – als Kompensation – ausgeweitet: Die Mobilitätswoche war geboren. In diesem Jahr ist der Wandel in Luxemburg vollzogen. Die Zeile „En ville sans ma voiture“ taucht nur noch unten rechts auf Seite 3 der Mobilitätsbroschüre auf – als Kleinstgedrucktes.

Seit zwei Jahren im Amt, setzt Umwelt- und Transportminister Lucien Lux vor allem auf positive Botschaften. Die Pressekonferenz zur Mobilitätswoche nutzte er, um den Ausbau des öffentlichen Transports zu bilanzieren und neue Initiativen anzukündigen. Auch auf kommunaler Ebene ergreifen PolitikerInnen die Chance, sich als Förderer von alternativen Verkehrsmitteln zu profilieren. In rund einem Drittel der Gemeinden werden kommende Woche Radpisten, Fußgängerwege und Buslinien eingeweiht.

Die Mobilitätswoche 2006 dient also eher dazu, die Menschen für den Verzicht aufs Auto zu sensibilisieren, als ihnen die Gelegenheit zu bieten, den Umstieg einmal auszuprobieren. Es gehe nicht darum, einen Tag lang etwas für das gute Gewissen zu tun, sondern das ganze Jahr über eine andere Mobilität zu fördern, so Lucien Lux. Auf Dauer angelegte Initiativen statt Eintagsfliegen, das hat etwas für sich. Doch fraglich ist, ob man dafür wirklich eine Mobilitätswoche ausrufen muss.

Dass auf autofreie Experimente verzichtet wird, begründet Lux damit, dass solche Initiativen in den vergangenen Jahren verpufft seien. Wie aber kann etwas verpuffen, das nie ernsthaft versucht wurde? An den „autofreien“ Tagen der vergangenen Jahre sind wahrscheinlich mehr Pferdekutschen im Einsatz gewesen als Straßen für den motorisierten Verkehr gesperrt wurden. Der Umweltminister und die GemeindepolitikerInnen haben in dieser Frage einfach vor den Geschäfts- und Wirtschaftslobbys kapituliert. Das gilt leider auch für die Gemeinden, in denen die Grünen mitregieren – von „Nei Leit, nei Léisungen“ ist nichts zu merken.

Es stimmt zwar, dass unabhängig vom Kurswechsel des Ministeriums ein Dutzend Gemeinden am „Dag ouni Auto“ festhält. Doch schaut man sich die Aktionen näher an, so wirken sie eher wie Armutszeugnisse. In Lintgen und Lorentzweiler kann jedeR EinwohnerIn ein Kurzstreckenticket bei der Gemeinde abholen, in Steinsel sogar zwei. In Bissen verpflichten sich die Mitglieder der Umweltkommission, einen Tag lang aufs Auto zu verzichten. Und in Differdingen werden die EinwohnerInnen eingeladen, selber die Initiative zu ergreifen, ihr Wohnviertel für autofrei zu erklären. Das alles unter dem vom Umweltministerium propagierten Motto „Et läit an denger Hand“ – ideal für PolitikerInnen, die sich aus der Verantwortung stehlen wollen.

Selbst beim Versuch, die Menschen für den gelegentlichen Verzicht aufs Auto zu sensibilisieren, stößt Lucien Lux an Grenzen. Zwar stimmt es, dass die neue Autosteuer den Kauf von sparsamen Autos fördern wird. Doch wenn der Minister die Leute ermahnt, kurze Strecken zu Fuß oder per Fahrrad zurückzulegen, so greifen die materiellen Argumente weniger. Ist die Autosteuer erst einmal bezahlt, dann fällt der Rückgriff auf die vier Räder wieder leicht, auch wenn man nur ein paar Hundert Meter fährt. Abschreckend könnte nur ein hoher Benzinpreis wirken. Der aber soll „moderat“ steigen – gerade mal so viel, dass sich der Tanktourismus auf hohem Niveau stabilisiert.

Ein Tag ohne Auto und Tanktourismus ist also nicht in Sicht. Doch mit dem Umsteuern in Sachen Verkehrspolitik scheint es Lux ernst zu sein. Unter den vielen Initiativen stechen die Broschüre für GrenzpendlerInnen, die Unterstützung für sanfte Mobilität und die Ankündigung eines „tram léger“ in der Nordstad hervor. Als wohl erster Transportminister erlaubt sich Lux zu sagen, neue Busspuren und Fahrradwege müssten gegebenenfalls auch auf Kosten des Autoverkehrs gehen. Langsam aber entschlossen umsteuern, das könnte als kluge Taktik durchgehen – wenn der Kurswechsel nicht zu spät käme und zu lange brauchen würde.


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