PAULO MORELLI: Favela-Kitsch?

„Cidade dos Homens“ kommt nicht an seinen Vorgänger „Cidade de Deus“ heran. Schade wenn man das Potenzial des brasilianischen Kinos kennt.

Vom Cristo Redentor – zur Inkarnation der Vergeltung : katholischer Kitsch im brasilianischen Kino.

2002 sorgte ein bildgewaltiger und schonungslos realistischer Film aus Brasilien für weltweites Aufsehen: Das Drogendrama „Cidade de Deus“, welches über mehrere Jahrzehnte hinweg das Leben von zwei jungen Männern erzählt, die aus einem brasilianischen Armenviertel stammen und beide völlig unterschiedliche Richtungen einschlagen: Der eine wurde Fotograf, der andere einer der gefährlichsten Drogenbosse der Favela, der mit seiner Gang rücksichtslos jede Widersacher aus dem Weg räumt, Kollateralschäden eingeschlossen. „Cidade de Deus“ zeigt diesen Kampf um die Vorherrschaft im Drogenhandel anfangs der 80er Jahre als Spirale der Gewalt, einen Teufelskreis aus dem es kein Entkommen gibt und als ein dreckiges Geschäft, bei dem sich alle Beteiligten früher oder später schuldig machen. Dies alles wird über die beachtliche Dauer von 110 Minuten in schwindelerregende Bilder, ge-
radezu virtuose Schnittfolgen und eine unberechenbare, wilde Erzähl-weise gepackt.

Um es gleich vorweg zu nehmen, das Sequel „Cidade dos Homens“, welches bereits 2007 veröffentlicht wurde und erst jetzt den Weg in die luxemburgischen Kinos gefunden hat, schafft es nicht einmal annähernd eine vergleichbare Stimmung zu erzeugen. Wobei der Begriff „Sequel“ hier mit Vorsicht zu genießen ist, denn „Cidade dos Homens“ knüpft gar nicht an den berühmten Vorgänger an, sondern bezieht sich – vor allem in den Rückblenden – auf eine brasilianische TV-Serie gleichen Titels, die bisher in Europa lediglich auf DVD veröffentlicht wurde. Als Zuschauer muss man sich also vor dem Kinobesuch darauf einstellen dass hier gar nicht erst der Versuch unternommen wurde, die Story von „Cidade de Deus“ weiterzuführen. Anders als im Vorgänger ist die Geschichte in der heutigen Zeit angesiedelt und dreht sich um die beiden Jugendlichen Acerola und Laranjinha, beide aus einer Favela, beide an der Schwelle zur Volljährigkeit, und beide auf der Suche nach ihren leiblichen Vätern.

Im Mittelpunkt stehen diesmal nicht die Drogenkämpfe, sondern die Bewältigung einer gemeinsamen Vergangenheit, denn das Verschwinden der beiden Väter hängt auf tragische Art und Weise zusammen, wie Acerola und Laranjinha im Laufe des Films herausfinden. Eine Nebengeschichte erzählt zwar auch von Kämpfen zwischen rivalisierenden Gangs, doch im Gegensatz zu den atemberaubenden und völlig chaotischen Kämpfen aus „Cidade de Deus“ wirken die Action-szenen in „Cidade dos Homens“ eher aufgesetzt und unspektakulär. Die Kinematographie gibt sich zwar alle Mühe dem Vorgänger gerecht zu werden, stellenweise driftet der Film jedoch etwas zu sehr in den Bereich der Werbeclipoptik ab. Gut und aufwändig fotografiert ist der Film dennoch, was sich besonders in den Nachtszenen zeigt.

Im Schatten seines genialen Vorgängers ist „Cidade dos Homens“ also eine leichte Enttäuschung. Die Geschichte plätschtert lange Zeit vor sich hin, wirkt überfrachtet mit Nebenfiguren und schafft es trotz den akzeptablen schauspielerischen Leistungen der Darsteller nicht den Zuschauer richtig zu fesseln und für das Schicksal von Acerola und Laranjinha zu interessieren. Deshalb lässt auch der Showdown, in dem beide Figuren vor eine schwere Entscheidung gestellt sind, den Betrachter eher kalt. Für Kenner der brasilianischen TV-Serie ist dieser Film sicherlich ein willkommener und gefälliger Abschluss der Story. Wer jedoch einen Film in der Machart von „Cidade de Deus“ erwartet, wird sicher enttäuscht den Kinosaal verlassen.

„Cidade dos Homens“, im Utopia


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