CESAR CHARLONE/ENRIQUE FERNANDEZ: Geschäfte mit dem Reisepabst

„El Baño del Papa“, ist ein charmanter Film, der mit viel Gefühl und Witz dem uruguayanischen Landleben auf den Zahn fühlt.

Warten auf große und auch kleine Geschäfte: die Toilettenherren von Melo.

Melo ist ein ärmliches Städtchen im Osten Uruguays, unweit der brasilianischen Grenze. Batterien oder auch nur eine anständige Holztür sind hier Luxusgüter. Kaufen kann man sie nicht, man muss sie schon vom reicheren Nachbarn ins Land schmuggeln.

Der schnurrbärtige Beto (César Troncoso) und seine Freunde, alle von lokalen Laienschauspielern gespielt, erkämpfen sich ihren spärlichen Lebensunterhalt, indem sie mehrere Male pro Woche mit ihren schrottreifen Drahteseln nach Brasilien radeln. Hier kaufen sie die wertvollen Waren ein und geistern dann wieder, voll beladen bis zum Geht-nicht-mehr, über die Grenze, in der Hoffnung, nur nicht von der korrupten Polizei erwischt und gedemütigt zu werden.

Furios beginnt der Film, indem er eine solche Schmuggelexpedition mit wackeliger Handkamera verfolgt. Schweißperlen laufen den Männern die Stirn runter, während sie wie wild in die Pedalen hämmern, ihre Räder über steinerne Hügel, an trockenen Hecken vorbei lenken.

Das Regisseuren-Duo, César Charlone und Enrique Fernandez, taucht den Zuschauer mit Eklat direkt ins Geschehen ein. Es ist das alltägliche Leben dieser Männer, die sich und ihre Familien mühsam über Wasser halten. Und doch lassen sie sich nicht runterkriegen, kämpfen weiter, träumen weiter.

So ist Beto einer dieser unverwüstlichen Optimisten, die jeden Tag mit einer neuen, verrückten Idee auftrumpfen, wie sie ihre Familie aus der finanziellen Misere herausholen können. Nur manchmal gibt er sich dem Jähzorn hin oder spült seinen Frust mit hochprozentigem Alkohol die Speiseröhre runter. Diese Momente sind jedoch immer von kurzer Dauer. Am nächsten Morgen steht er wieder auf und schwärmt seiner Frau und seiner Tochter von seinen neusten Zukunftsplänen vor.

Außerdem steht Melo ja bald ein besonders großes Ereignis bevor. Johannes-Paul II, der berühmte und geliebte Reisepabst, wird der Kleinstadt einen Besuch abstatten. Auf den Strassen und in den Cafés wird schon seit Tagen eifrig diskutiert, wie viele tausende Besucher diese Veranstaltung herbeilocken wird. Man rechnet sogar mit einem massiven Pilgerschub aus Brasilien und wittert neue Geldquellen. Die Erwartungen sind hoch: der Stellvertreter Gottes höchstpersönlich wird der gläubigen Einwohnerschaft Melos einen Ausweg aus der Trostlosigkeit öffnen.

Grosse Aufregung herrscht. Wie verrückt backen die Einwohner Brot, kneten Teig oder fertigen Würstchen an. Stände werden aufgerichtet. Doch Beto hat einen besonderen Geistesblitz: die vielen Besucher werden doch bestimmt ganz natürliche Bedürfnisse haben. Also organisiert er ein Barbecue, lädt Familie und Kumpels ein und erzählt ihnen von seiner Idee, ein Klo in seinem Vorgarten zu errichten, für dessen Benutzung die Pilger zahlen müssen. Es wird zwei Optionen geben: das volle Programm mit Klopapier und allem oder das einfache Programm. Ehefrau und Tochter werden trainiert, mit freundlicher Zuvorkommendheit für einen sauberen und unproblematischen Ablauf zu sorgen. Wenn Beto noch einige Schmuggelfahrten in Auftrag bekommt, kann er sich sogar eine porzellane Kloschüssel und eine mehr oder weniger schicke Tür für sein stilles Örtchen leisten.

Der Film zeichnet ein rührendes Portrait eines kümmerlichen Städtchens Uruguays, das erwartungsfreudig dem Besuch des Pabsts entgegenfiebert. Er zeigt dessen Bewohner in ihrem Elend, doch auch in ihrem Bemühen, sich trotz aller Armut einen erträglichen Alltag zu schaffen. So wankt das Geschehen zwischen erfrischender Komik und realistisch-naturalistischer Hoffnungslosigkeit. Das Ganze wird von einer fantastischen Cinematographie geprägt und einer Mischung aus südamerikanischen Rhythmen und modernen, elektronischen Klängen untermalt. Das Licht, die warme, südamerikanische Sonne wird von der Kamera aufgenommen und vermischt sich mit der dürren, doch pittoresken Landschaft und den armseligen Strassen und Häusern Melos.

„El Baño del Papa“ ist ein lateinamerikanischer Ken Loach Verschnitt mit dem Augenzwinkern eines Roberto Benigni.

Im Utopia


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