MALEREI: Das Imperfekte im Perfekten

Minimalistische Farbfelder und badende Knaben. Zwei scheinbar gegensätzliche Künstler stellen in der Galerie Nosbaum & Reding aus.

Wie eine Sammlung aufgespannter Abwischlappen für Farbpinsel wirken die Leinwände bei David Russon auf den ersten Blick. Vereinzelte Kinder in Badehosen befinden sich zwischen den Farbklecksen in einer Körperhaltung als ob sie gerade ins Wasser springen würden. „The Deep End“ hat der junge, in Brüssel lebende Künstler diese in Akryl gemalte Serie genannt, die neben anderen Bildern zurzeit in der Galerie „Nosbaum & Reding“ zu sehen ist. Dabei orientieren sich die Sujets von David Russon teils an persönlichem Fotomaterial teils an Filmstills. Spannend ist, wie er diese realistischen Sujets in die Thematisierung des Malprozesses an sich integriert hat. Etwa in dem großformatigen Bild „It’s A Sad And Beautiful World“. Hier hat er einerseits eine Gruppe von Menschen gemalt, die verstreut auf einem hellen Berggipfel stehend die Aussicht genießen, um andererseits mit einem durchs Bild gezogenen krakeligen Farbstrich, auf die Materialität des Bildes und auf die Hand des Künstlers zu verweisen. Mit diesen Elementen spielt er auch in dem Bild „Braves“. Hier scheint eine Turnerin, die zum Radschlagen ausholt, in einem Klecks aus sinnlosen Farbtupfern zu stehen. Wieder hat der Künstler die perfekte realistische Darstellung mit abstrakten Pinselstrichen relativiert.

Ganz andere Sujets als David Russon zeigt dagegen der deutsche Künstler Jens Wolf – ein Künstler, der mittlerweile zum dritten Mal in der Galerie „Nosbaum & Reding“ zu sehen ist – mit seinen minimalistisch-geome-trischen Abstraktionen. Die Bilder von Wolf kommen ohne jeglichen anekdotischen Input aus. Der Künstler greift die Formensprache der Vorgänger des 20. Jahrhunderts auf, des Hard Edge oder des Konstruktivismus, und durchbricht das Perfekte dieser Gestaltungsweise indem er ungrundiertes Sperrholz als Bildträger verwendet. Auch bei ihm bleiben Spuren des Malprozesses wie ausgefranste Farbränder, Bleistiftstriche oder das Einstichloch des Zirkels sichtbar. Seine linearen oder auch mal konzentrisch ausgreifenden Farbstreifen sind nichts weiter als flächige Farbfelder, die keine Raumtiefe erzeugen. Auch die Farbgebung ist reduziert: Wolf verwendet viele schwarze und weiße Farbfelder, die er kontrastiert oder einen dunklen Blau- oder Grünton. Seit einigen Jahren benutzt er vermehrt auch die Farbe dunkelrot. Die Maserung der Holzplatten macht er teils sichtbar, indem er aufgetragene Farbe wieder entfernt. Neben den Formaten aus Sperrholz sind auch zwei großformatige Wandarbeiten von Wolf zu sehen. Mit Grafit hat er abstrakte Linienverläufe aufgetragen und diese teilweise mit Stoff respektiv mit Aluminiumfolie abgedeckt. Auch hier sind die perfekten Farbbänder mit Fehlerstellen versehen. „Der Makel, die Aussparung, die angefressene Form stehen für den Zweifel den Wolf den perfekten Oberflächen dieser Welt einpflanzen möchte“ und „Wolfs Arbeiten relativieren das Absolute, ohne es zu brechen“, heißt es in einer Kritik. Und diese Herangehensweise – eine perfekte Gestaltung zu durchbrechen – gilt scheinbar sowohl für Jens Wolf als auch für David Russon.

Insgesamt eine sehenswerte Ausstellung – nicht nur für Freunde der Konzeptkunst.

Noch bis zum 14. März in der Galerie Nosbaum & Reding.


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