GRAFFITI: „Fag!!!“

Wer kennt sie nicht, die Sprüche an den Klowänden? Peter van Agtmael hat sich die Toiletten der amerikanischen Soldaten im Irakkrieg genauer angesehen.

„Jesus loves you“. Der Klassiker jedes Gekritzels steht natürlich auch auf einer der Klowände. Nur dass noch jemand dazu geschrieben hat: „But everybody else thinks you’re an asshole“. Mit den vermeintlichen Arschlöchern sind jene amerikanischen Soldaten gemeint, die im Irak Dienst machen und sich auf der Flugbasis Ali Al Salem befinden. Jenem Ort mitten in der kuwaitischen Wüste, der vor jedem Einsatz im Irak als wichtige Transitbasis gilt. Von hier stammen auch die Klo-Sprüche, die der junge niederländisch-amerikanische Fotograf Peter van Agtmael, während dem amerikanischen Kriegseinsatz im Irak fotografiert hat. 2006 ist er gleich zweimal im Irak gewesen und hat die amerikanische Armee fast ein halbes Jahr lang begleiten können. Das Ergebnis sind seine „War Graffiti“-Bilder, die zurzeit in Form von Projektionen in der Ausstellung „Family of Man“ in Clervaux zu sehen sind. Statt Propagandamaterial eines „sauberen“ Krieges zu liefern oder Heldenposen für die US-Heimat, hat er eine andere Kriegsreportage gemacht und die anonymen Sprüche in den WC- und Baderäumen fotografiert. Einem der wenigen intimen Orte in dem die Soldaten unbeobachtet ihre Gedanken niederschreiben oder jene eines Vorgängers kommentieren konnten.

Die Graffitis in den Waschräumen von Ali Al Salem haben nichts Sensationsheischendes, es sind teils spröde Sprüche, teils persönliche Eingeständnisse, sie reflektieren Ängste und Zweifel, sind ironisch oder einfach nur Ausdruck von Wut, die sich in einem kurzen „Fag!!!“ entlädt – bar jeder Rechtschreibkenntnis. Einige erinnern an gefallene Kameraden. In anderen geht es um den Kriegsverdienst oder ums Heimweh. Es werden Textzeilen aus Lieblingsliedern oder Verse aus der Bibel zitiert. Einige Soldaten gestehen ungerechtfertigte Erschießungen ein, andere brüsten sich damit. Es gibt rassistische Kommentare und sexistische Anspielungen. Die Kritzeleien und die vielen verschiedenen Handschriften gewähren einen Einblick in die heterogene Gedankenwelt der Soldaten und somit auch in die der amerikanischen Gesellschaft vor dem Hintergrund des Krieges. „Sincèrement, j’ai été très bouleversé par mes expériences pendant la guerre. Il n’y avait pas de noir et de blanc, pas de bien et de mal. Les auteurs de crimes étaient également des victimes et vice-versa“, meint der junge Fotograf. Die Rhetorik auf den Klos ist jedenfalls eine andere als die offizielle des zuständigen US-Regimes und wird in den Köpfen der Soldaten weiter bestehen, selbst wenn die Irak-Einsätze längst vorbei sein werden.

„War Graffiti“ in der Family of Man-Ausstellung in Clervaux noch bis zum 7. Juni


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