PSYCHIATRIE: Was es kostet

„Der Preis der Psychiatrie“ war das Thema eines Saar-Lor-Lux-Symposiums, das diese Woche in Ettelbruck stattfand.

Einen Mantel habe sie über ihren Schlafanzug angezogen, um ihre vierjährige Tochter morgens in die Kindertagesstätte zu bringen – danach habe sie sich wieder ins Bett gelegt. Nachmittags habe sie im selben Aufzug ihre Tochter wieder abgeholt, um sie dann vor den Fernseher zu setzen und selbst wiederum im Bett zu verschwinden. So beschreibt die sechzigjährige Claude Finkelstein die schlimmste Periode in ihrem Leben – die Zeit, als sie schwer depressiv war. Mittlerweile hat sie sich aus der Depression lösen können und ist nun Vorsitzende der „Fédération Nationale des Associations d’usagers en Psy-
chiatrie“ (FNAPSY), einer Organisation von Betroffenen, wie es sie in dieser Form in Luxemburg nicht gibt. Selbsthilfegruppen sind effektiv und wirken auch auf präventive Weise, betont Finkelstein. So habe eine Auto-Evaluation innerhalb des FNAPSY ergeben, dass die Teilnahme an Selbsthilfegruppen oftmals eine stationäre Einweisung unnötig macht. „Wir stellen sehr schnell fest, wenn es jemandem schlecht geht, und können ihn auffangen. So werden letztlich auch Krankenhauskosten eingespart“, meint Finkelstein, eine der Referentinnen beim 81. Saar-Lor-Lux-Symposium in Ettelbruck, bei dem es um den „Preis der Psychiatrie“ ging.

„How much should we spent on mental health?“ lautete die zentrale Frage des Symposiums, auf die die Referenten aus der Großregion Antworten suchten. Gerade vor dem Hintergrund der laufenden Reformbemühungen in der Psychiatrie und der gegenwärtigen Wirtschaftskrise ist diese Frage nach der Rentabilität und den Schwerpunkten zukünftiger Investitionen durchaus berechtigt. „Wir müssen die Löcher im Staatsbudget und im sozialen Versicherungssystem stopfen“, so der Gesundheitsminister Mars di Bartolomeo, der die nächsten Jahre voll damit beschäftigt sein wird, das zu erwartende Defizit im Gesundheitshaushalt aufzufangen.

Dabei gibt es gerade im psychischen Bereich Vorhaben, die dringend in Angriff genommen werden müßten. Die Errichtung der neuen Fixerstube gehört dazu, die Vergrößerung des Bestands der Akutbetten in den Allgemeinkrankenhäusern, in denen Wartelisten geführt werden, auch die Möglichkeit, schwere Fälle in weiterführende Therapie- und Reintegrationsstrukturen zu überweisen ? um nur einige der Dossiers zu nennen, die der Umsetzung harren. Diese Lücken bestehen, obwohl Luxemburg hinsichtlich der Ausgaben für die psychische Gesundheit im europäischen Vergleich eine der Spitzenpositionen einnimmt – 13 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben, rund 56 Millionen Euro, werden in die Psychiatrie investiert. Das ist ein beachtlicher Betrag, der aber dennoch angesichts des vorhandenen Reformbedarfs nicht überdimensioniert erscheint: Die moderne Psychiatrie will weg vom sogenannten „Building“ in Ettelbruck – jenem Synonym der Verwahranstalt – und hin zu dezentralen Akutkrankenhäusern und gestuften Bereichen für Wohnen, Arbeit und Beratung. Schon jetzt gibt es zwei „Centres de jour“ – angestrebt sind vier. Auch existieren inzwischen rund 85 Wohnplätze für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung. Auch hier ist, laut Roger Consbruck vom Gesundheitsministerium, eine bedeutende Erweiterung auf 350 Einheiten geplant.

Selbsthilfegruppen machen eine stationäre Einweisung oftmals unnötig.

Die Zeit, als 1.200 psychisch Kranke von drei Ärzten betreut wurden ? wie es noch 1972 der Fall war ? ist, so Consbruck, endgültig vorbei. Das Ziel der Reformen in Luxemburg ist eine Enthospitalisierung der Langzeitbereiche zugunsten einer ambulanten Versorgung sowie die Destigmatisierung der Betroffenen. Zu der soll die Behandlung psychisch Kranker in Allgemeinkrankenhäusern beitragen. Die mentale Gesundheit, betont Consbruck, ist unlöslich mit der allgemeinen verbunden – die Mittel zu ihrer Erhaltung und Wiederherstellung muss die Gesellschaft daher aufzubringen bereit sein. Von Bedeutung ist hierbei auch eine präventive Informationspolitik.

Auf die Rentabilität einer guten Integrationspolitik kam Wielant Machleidt, Psychiater an der Medizinischen Hochschule Hannover zu sprechen. „Der Preis, den wir für die Erhaltung der psychischen Gesundheit der Bevölkerung zu entrichten haben, ist die beständige Weiterentwicklung der Psychiatrie, die Kultivierung der sozialen Sicherungssysteme und das Vorhandensein der gesellschaftlichen Solidarität“, hob er hervor. Der Aufwand für die Prävention ist nach seiner Überzeugung geringer als die Kosten, die durch psychische Erkrankungen und die durch sie verursachten Poduktivitätseinbußen entstehen. „Wenn dieser Preis der Prävention nicht mehr geleistet wird, bedeutet das die schleichende Erosion der Grundwerte einer Gesellschaft, die auf Solidarität gründet“, meint der Psychiater. Gesellschaftliche Gesundheit ist ohne psychische Gesundheit nicht zu haben.

Bei der Reformpsychiatrie, die ihren Ausgang in den 50er Jahren in den skandinavischen Ländern nahm, schlug sich das in der Vernetzung einer Vielfalt von psychosozialen Diens-ten nieder, deren Organisation von den Kommunen übernommen wurde. „Eine neue Psychiatergeneration braucht Utopien, um das Projekt seelische Gesundheit durch innovative Veränderungen attraktiv zu machen, so dass die Menschen zu uns kommen“, so Marchleidt. Künftig muss sich die Psychiatrie auch mehr um die seelische Gesundheit von älteren Menschen kümmern. Ebenso um die Folgen von Arbeitsverhältnissen und Armut, die ebenfalls den Preis der Gesundheit beeinflussen. „Armut führt zu psychischen Erkrankungen, aber auch psychisch Kranke driften leicht in Armut ab“. Schließlich muss eine Ausweitung der multikulturellen Dienste erreicht werden, denn die Versorgung der MigrantInnen ist in einem beklagenswerten Zustand. „Gerade die Entdiskriminierungsbemühungen und die Versorgung marginalisierter Randgruppen wie Flüchtlinge und Staatenloser ist noch völlig unzureichend“, konstatiert der Experte. In Hannover beispielsweise, einer Stadt mit einem Migrantenanteil von 20 bis 25 Prozent, werden laut einer Studie MigrantInnen von Versorgungsstrukturen kaum erreicht.

Gerade die Versorgung marginalisierter Randgruppen wie Flüchtlinge und Staatenloser ist noch völlig unzureichend.

Nicht nur unter den PatientInnen, auch beim sozial-psychiatrischen Versorgungspersonal sind Menschen mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert. „Dieser Zustand ist weder integrativ noch kostengünstig“. Bei Neueinstellungen muss dem in Zukunft entgegengewirkt werden; ebenso wichtig ist es, die Möglichkeit von muttersprachlicher Behandlung zu schaffen und interkulturelle Konzepte zu etablieren. „Man kann an der Psychiatrie nicht sparen – aber man kann das, was man im stationären Bereich einspart, in den ambulanten Bereich bringen und die Ambulantisierung der Psychiatrie vorantreiben“, so Machleidt.

Beim „Preis der Psychiatrie“ spielen allerdings auch die Träger eine Rolle, die die investierten Gelder verwalten und einsetzen. Erik Ceusters, chargé de direction beim Réseau Psy kritisierte in diesem Zusammenhang die gegenwärtig zu beobachtende Tendenz, diese Gelder ungleichmäßig zu verteilen: „Stationäre Institutionen erhalten Zuschüsse, so dass diese Träger sich auch auf den ambulanten Bereich ausdehnen können, wohingegen dezentrale, kleinere Träger vernachlässigt werden.“

Was also ist der Wert oder der Preis der Psychiatrie? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage hat das 81. Saar-Lor-Lux-Symposium nicht gefunden, sondern eher die Komplexität der Behandlungsmöglichkeiten diskutiert. Wenn man jedoch vom Preis der Psychiatrie spricht und dabei auch Prävention mitdenkt, sollte man wohl auch über die gegenwärtigen Lebens- und Arbeitsbedingungen insgesamt und deren Veränderbarkeit diskutieren. Durch mehr Lebensqualität könnten Krankheiten nämlich vermieden werden.


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