TRADE MISSION TO INDIA: Wirtschaftswunder im Chaos

Indien ist ein Land der Gegensätze. Will die indische Regierung ein weiteres Auseinanderklaffen der gesellschaftlichen Schichten verhindern, muss sie für ausreichende Arbeitsplätze sorgen und die Infrastrukturen entwickeln. Hier will Luxemburg mit von der Partie sein.

In Indien haben bereits mehr Menschen ein Mobiltelefon als einen Festnetzanschluss. Dennoch existieren so genannte Public Call Offices am Straßenrand, von denen aus man mit der Welt kommunizieren kann.

„Indien ist eine Anarchie, die funktioniert“, meinte einmal der US-amerikanische Ökonom, Keynesianer und bekennende Linksliberale John Kenneth Galbraith. Indien scheint tatsächlich zu funktionieren. Auffallend sind aber auch die enorme Dynamik auf den Straßen und die immensen Gegensätze, die dieses Land prägen und mit denen man auf Schritt und Tritt konfrontiert wird.

Der Mann ohne Beine hockt auf dem staubigen Boden. Mit den Armen stemmt er seinen Körper hoch und bewegt sich so langsam vorwärts. Eine Touristengruppe steht etwas verloren am Gate of India, dem zentralen Platz von Mumbai. Der Mann nimmt mit zahnlosem Lächeln eine Spende entgegen und drückt die gefalteten Banknoten zum Dank an seine Stirn. Dann robbt er weiter. Kinder bedrängen die großzügigen Geldgeber und wollen auch etwas abhaben. Sie führen ihre Hände zum Mund: „Food, Food“ ? eines der wenigen englischen Wörter, die sie gelernt haben. Keine hundert Meter von dieser Szene entfernt ragt ein Hochhaus in den Himmel, das Taj Mahal Palace & Tower. Es ist ein Luxushotel und gehört zu den führenden Adressen der Welt; eine steinerne Legende, die aber wegen der Attentate 2008 in die Negativschlagzeilen geriet. Hier stiegen berühmte Persönlichkeiten wie Mick Jagger, Prince Charles, die Beatles, Bill Clinton und Jacqueline Onassis ab.

Indien ist nach wie vor ein Land der Gegensätze – aber die Regierung, hat im letzten Jahrzehnt viel dafür getan, dass sich die westliche Wahrnehmung auf das „Armenhaus“ der Welt verändert. Statt des Image eines hoffnungslos rückständigen Landes, das einer Mutter Teresa für die Pflege seiner Hungernden und Leprakranken bedurfte, nun das Bild einer modernen, ökonomisch aufstrebenden Demokratie. Schon vor einigen Jahren hatte das Tourismusministerium in Neu-Delhi die Kampagne „Incredible India“ gestartet, bei der mit paradiesischen Sandstränden und entspannenden Ayurveda-Kuren geworben wurde: damit hoffte man, Indien nicht nur für den abenteuerhungrigen Backpacker, sondern auch für den Allinclusive-Urlauber interessant zu machen.

Wer hätte gedacht, dass das „Entwicklungsland Indien“ irgendwann eine Traditionsfirma wie die Arbed-Nachfolgerin Arcelor schlucken würde? Nicht nur indische Kost gehört mittlerweile zum westlichen Alltag, auch Filme aus der riesigen indischen Filmindustrie haben den Weg in die europäischen Wohnzimmer gefunden. Und auf den Rankinglisten der Superreichen stehen zunehmend Inder: Neben Lakshmi Mittal findet sich hier Ambani, Chef des Petrochemie-Unternehmens Reliance Industries, sowie Azim Premji, Gründer des Technologiekonzerns Wipro oder Sunil Mittal, Gründer des Mobilfunkkonzerns Bharti Airtel, um nur einige zu nennen. Milliardäre in einem Land, in dem die Wirtschaft zwar um acht Prozent wächst – kaum langsamer als in China ? jedoch ein Drittel des 1,2-Milliarden-Volks von nur einem Dollar pro Tag lebt. Ein Land, das Pharmafirmen von Weltklasse hervorbringt, aber nur einem Bruchteil seiner Menschen ausreichende medizinische Versorgung bieten kann. Und ein Land, in dem sich internationale Agenturen um Programmierer reißen, aber mehr als 40 Prozent der Einwohnerschaft nicht lesen und schreiben können. Diese gravierenden Defizite im Bereich des „Humankapitals“ gelten mittlerweile auch als größte Gefahr für die Ausschöpfung des indischen Wachstumspotentials.

Das Auseinanderklaffen der gesellschaftlichen Schichten verhindern

Die Aufgaben der Kongresspartei, Gewinner der Wahlen von 2009, sind somit gewaltig: Will die Regierung ein weiteres Auseinanderklaffen der gesellschaftlichen Schichten verhindern, muss sie vor allem für ausreichende Arbeitsplätze sorgen und das Bildungswesen voranbringen. Die Erwartungen lasten schwer auf der Präsidentin Pratibha Devisingh Patil, die, als eine Dalit, also eine „Unberührbare“, sichtbar den gesellschaftlichen Fortschritt des Landes verkörpert.

Indien ist ein Land im Übergang ? kein Wunder also, dass immer mehr ausländische Investoren sich für das Land interessieren. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein westlicher Politiker samt Wirtschaftsdelegation in Neu-Delhi seinen Auftritt hat – so z. B. auch in der letzten Woche, als Wirtschaftsminister Jeannot Krecké eintraf. In seinem Tross von Wirtschaftsleuten befanden sich auffallend viele Vertreter von luxemburgischen Consulting-Unternehmen, jedoch keine des Bankensektors. Neben Gesellschaften, die bereits in Indien Fuß gefasst haben, wie die seit einem Vierteljahrhundert dort tätige Hochofenbau-Firma Paul Wurth, oder Ceratizit aus Mamer, ein Betrieb, der seit 2003 Hartmetallteile für Schneidegeräte für den Automobil- und Flugzeugbereich produziert, waren auch zahlreiche Neulinge und Interessenten in Kreckés Wirtschaftsdelegation. Die Firma VIP Products aus Bascharage beispielsweise, die eine Paste herstellt, mit der ein Abfallen des Luftdrucks in Autoreifen verhindert wird. Dadurch wird Kraftstoff eingespart und die Lebensdauer der Reifen wesentlich erhöht, wie der Firmenchef, Peter Friberg, versichert. Gerade für Indien mit seinen schlechten Straßen sei sein Produkt sehr interessant.

Sein Unternehmen war denn auch eine von fünf Firmen, die Luxemburg auf der einwöchigen Auto Expo in New Delhi letzte Woche vertraten – einer Messe, die seit 1986 einem breiten Publikum die neuesten Entwicklungen auf dem Automobilmarkt vorstellt. „Ich kann nicht verstehen, dass nur fünf von unseren rund zwanzig Unternehmern der Association of Luxembourg’s Automotive Suppliers hier anwesend sind“, ärgerte sich Wirtschaftsminister Krecké. „In Zukunft werden die Autos in Asien gebaut, viel weniger in Europa. Wenn sich 18 Prozent der Weltbevölkerung auf einem nationalen Markt befinden, auf dem die Kaufkraft wächst – dann müssen wir präsent sein.“ In der Tat ist Indien nach China der weltweit am stärksten wachsende Automarkt. Experten schätzen, dass der PKW-Absatz in Indien von jetzt 1,2 Millionen bis 2018 auf drei bis vier Millionen ansteigen wird. Viele von den in den Ausstellungspavillons zu sehenden Neuerungen begünstigen diese Expansion: So versuchen indische PKW-Hersteller wie etwa Maruti Suzuki, mit Elektro-Autos neue Zukunftsmärkte zu erschließen. Ein besonders hilfreicher Konkurrenzvorteil der indischen Autoproduktion ist ihr niedriges Kostenniveau. Die Firma Tata Motors fabriziert mit ihrem viersitzigen Kleinstwagen Tata Nano das billigste Auto der Welt (ca. 1.440 Euro). Sie zielt mit diesem Produkt vor allem auf die Angehörigen der wachsenden indischen Mittelschicht, die sich bislang nur einen Motorroller leisten konnten. Solche Tatsachen im Kopf, betonte Krecké wie wichtig es sei, Luxemburg in Indien vorzustellen und neue Joint Ventures zu schaffen. „Die indische Regierung hat in der letzten Dekade den IT-Bereich gepusht und will in den nächsten Jahren die Infrastrukturen massiv ausbauen“, so der Wirtschaftsminister. Heute umfasst das indische Straßennetz, auf dem Linksverkehr herrscht, rund 3,3 Millionen Kilometer, wovon nur etwa die Hälfte asphaltiert ist. Zukünftig will die indische Regierung den Bau von rund 20.000 km Straßen pro Jahr planen.

In Zukunft werden die Autos in Asien gebaut, viel weniger in Europa

Auch der Schienenverkehr ist infolge der ungleichmäßige Erschließung des Landes, der überwiegend veralteten Technik mit uneinheitlichen Spurweiten und des niedrigen Elektrifizierungsgrades sehr rückständig. Engpässe bei der Energieversorgung behindern ganz allgemein das Wachstum der Produktion der indischen Wirtschaft. So sind Stromausfälle überall im Land an der Tagesordnung. Die privaten Generatoren sind hier nur eine sehr mangelhafte (und umweltschädliche) Abhilfe. Längerfristig plant die Regierung, das Energieaufkommen durch neue Atomkraftwerke zu ergänzen sowie vermehrt auf alternative Energiequellen zurückzugreifen. Hier, wie allgemein bei der Entwicklung der Infrastruktur, könnte Luxemburg eine Rolle spielen. „Indien braucht Investment. In Luxemburg haben wir zwar nicht die großen Firmen, die hier bauen können. Aber wir können Engineering liefern“, meint Krecké. So gebe es in Indien einen Riesenbedarf an sauberem Wasser. Obwohl sich die Wasserversorgungslage der Haushalte in den ländlichen Gebieten verbessert hat, verfügen nur wenige Haushalte über eine Abwasserentsorgung. Verschmutztes und verseuchtes Wasser trägt auch heute noch wesentlich zur Entstehung von Infektionskrankheiten bei. Luxemburgische Firmen, die sich auf den Bau von Kläranlagen spezialisiert haben, würden hier ein lukratives Tätigkeitsfeld finden.

„A joint Venture for mutual benefit“, war denn auch der Slogan der Charme-Offensive der Wirtschaftsdelegation, unter dem die Verantwortlichen versuchten, nicht nur den Außenhandel anzukurbeln, sondern auch potentielle indische Geschäftsleute für Luxemburg zu interessieren.

A joint Venture for mutual benefit

So verfügten – heißt es aus indischen Unternehmerkreisen, die nicht genannt werden wollen – viele indische Immobiliengesellschaften über Schwarzgeld, das sie gerne außerhalb Indiens investieren würden. Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass Krecké als Standortvorteil der Luxemburger Wirtschaft das Bankengeschäft hervorhob, auf die „tradition of privacy“ zu sprechen kam und vor allem die Investmentfonds nannte. Luxemburg sei während der ersten drei Quartale 2009 der wichtigste Investor in Russland gewesen. „If money goes out, we will bring it back“, so die Win-Win-Rezeptur. Aber nicht nur mit dem Bankenwesen versuchte die Regierung zu locken, auch als logistischer Fracht- und Verteilungshafen im Herzen Europas wurde Luxemburg den indischen Geschäftsleuten schmackhaft zu machen versucht. Im Bereich der Pharmaindustrie bemühte sich die Regierung ebenfalls, neue Interessenten an Bord zu holen: In Indien gebe es den Wunsch, generische Medikamente nach Europa zu exportieren. Dazu benötigten indische Pharmafirmen allerdings die Einrichtung einer Kühlkette, mit der Blut und andere Medikamente sicher gelagert werden könnten. „Es ist denkbar, auf dem Standort der WSA eine solche Kühl-Infrastruktur zu errichten“, meinte Krecké hierzu. Zumindest sei in Luxemburg eine Firma ansässig, die sich auf die Produktion von Kühltruhen für den Pharmabereich spezialisiert habe.

Angesichts all dessen konstatiert Sudhir Kohli, indischer Businessman, der in Luxemburg eine zweite Heimat gefunden hat und Präsident der „Indian Business Chamber of Luxembourg“ ist, die letztes Jahr gegründet wurde und schon 190 Mitglieder umfasst: „Verlockend ist der luxemburgische Standort für indische Investoren allemal.“ Luxemburg ist interessant, da die Mehrwertsteuer nicht vorfinanziert werden muss wie in den Nachbarländern. Aber auch Indien selbst erweist sich als „a place to be“, vor allem, seit im Jahre 1991 die Wirtschaft liberalisiert wurde – auch wenn Industrie und Bankensektor nach wie vor unter der Zähigkeit politischer Entscheidungsprozesse leiden, und ein weiterer Belastungsfaktor, die weitverbreitete Korruption, keineswegs schwächer geworden ist. Aber die Bundesstaaten konkurrieren zunehmend um die Ansiedlung ausländischer Unternehmen.

„Es ist in Indien einfacher, unternehmerisch aktiv zu sein, als in China“, meint Marc Solvi, Generaldirektor von Paul Wurth. Das fängt schon bei der Sprache an. „In China geht alles über Dolmetscher, was die Sache schon per se komplizierter macht“. Aber auch die Business-Kultur sei in Indien gesünder. „Ich will damit nicht sagen, dass es in China anders ist, aber es ist komplexer“, so Solvi, der die indische Firma Tata Steel zu seinen besten indischen Kunden zählt. Tatsächlich hat Indien gegenüber dem großen Konkurrenten gewisse Vorteile im Wachstumswettlauf. Das indische Rechtssystem, das auf dem britischen fußt, steht europäischen und amerikanischen Investoren näher als das chinesische. Viele Experten sind auch der Meinung, dass die indische Demokratie dem wirtschaftlichen Aufschwung des Landes förderlich ist. Indien biete weniger Risiken als die Einparteiendiktatur Chinas, die bei einer irgendwann fälligen politischen Öffnung in Turbulenzen geraten könnte. „Den Gewinn bekommt man aus China schwer heraus“, erläutert Krecké. Das sei in Indien einfacher. Dafür sei es dort komplizierter, eine Manufaktur zu eröffnen. „Deshalb wird Indien wohl eher die Dienstleistungsgesellschaft und China die Fabrik der Zukunft werden“, mutmaßt Krecké.

Indien wird wohl eher die Dienstleistungsgesellschaft und China die Fabrik der Zukunft werden

Schon heute übernimmt Indien im Dienstleistungssektor oft Aufgaben eines „back office“ für ausländische Unternehmen, die ihre Verwaltungsarbeiten auslagern. Zugleich fehlt es ausländischen Unternehmen in Indien am geeigneten Personal. „Uns fehlen vor allem Europäer, die bereit sind, sich definitiv in Indien niederzulassen, um den Arbeitsablauf im Betrieb zu verfolgen und die Arbeiter anzuleiten“, so Solvi. „Es müssen Leute sein, die sich zwischen den verschiedenen Kulturen hin und her bewegen können.“ Auch in indischen Firmen selbst wird die Personalfrage mittlerweile zum Problem, viele Unternehmen haben Schwierigkeiten, ihr gut ausgebildetes Personal zu halten. „Das Personal springt von einer Anstellung zur nächsten“, weiß Selvaraj Alagumalai, Managing Director von Fouress Systems. Gut ausgebildete Leute würden mittlerweile auch eher in Indien bleiben wollen als nach Europa zu ziehen, glaubt Alagumalai. Hier spielten auch die Gehälter eine Rolle, deren Höhe bei gut ausgebildetem Personal mittlerweile recht beträchtlich sei. Insgesamt geht in Indien in puncto Gehalt die soziale Schere weit auseinander. Während ein einfacher Arbeiter im privaten Bereich rund 8.000 bis 10.000 Rupien monatlich erhält, was in etwa 120 bis 150 Euro entspricht, verdienen jene im sogenannten „informellen Sektor“ kaum genug zum Überleben und sind nicht gegen Krankheit oder Arbeitsunfälle abgesichert.

Ohrenbetäubendes Gehupe: Der Verkehr von der Innenstadt Delhi zum Indira-Gandhi-Flughafen stockt. Eine Kolonne aus Autorikschas mit grüner Karosserie und gelbem Dach, Motorräder und alte Taxis schiebt sich mühsam voran. Gelegentlich unternimmt eine Autorikscha, die bis zu drei Personen transportieren kann, einen Ausscherversuch. Das löst jedesmal ein wildes Hupkonzert aus. Am Straßenrand arbeiten Frauen neben ihren aus einfachen Planen bestehenden Behausungen: Die ganze Infrastruktur der Fußgängerwege von Delhi wird erneuert. Im Oktober finden die Commonwealth-Spiele statt, zu denen Gäste in großer Zahl erwartet werden. Aber auch die Luxemburger Regierung will auf jeden Fall zurückkommen. „Wichtig bei einer Wirtschafts-Mission ist Kontinuität“, so Krecké. „Wenn unsere Präsenz wahrgenommen wird, dann bekommen wir auch Zulauf.“?


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