INTERVIEW: „Das Leben ist eine einzige Tragikkomödie.“

Interview mit Michèle Clees zur Premiere des Stücks „Der Wald“, einer Inszenierung der Schauspielklasse des Konservatoriums

Michèle Clees unterrichtet die Schauspielklasse des Konservatoriums.
Ihre bis ins letzte Detail liebevoll durchkomponierte Inszenierung von Ostrowskis „Der Wald“
feierte am Mittwoch Premiere.

Woxx: Wie lange unterrichten Sie schon am Konservatorium, und was haben Sie davor gemacht?

Michèle Clees: Ich bin jetzt seit 1990 am Konservatorium beschäftigt und war vorher Schauspielerin. Das bin ich zwar immer noch, habe aber in den letzten Jahren wenig in Luxemburg gespielt. Vorher war ich an verschiedenen Bühnen in der Schweiz und in Deutschland tätig. Dann habe ich hier in Luxemburg unter anderem am Kapuzinertheater gespielt. In den letzten Jahren habe ich mit der Schauspielerei kürzertreten müssen, vorwiegend, weil ich mich einfach sehr in die Arbeit am Konservatorium reingekniet habe und weil die Proben sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Wie hat man sich Ihre Schauspielklasse vorzustellen? Haben die Schüler nach dieser Premiere ihre Ausbildung beendet?

Die meisten Schüler sind zwischen 17 und 19, aber die Ausbildung ist offen für Leute jeden Alters. Der Unterricht läuft neben der Schule oder der Arbeit her. Insofern ist es keine fertige Berufsausbildung. Das Ausbildungsprogramm umfasst Sprecherziehung, Schauspielunterricht und die Nebenfächer Atem und Stimme, Improvisation und Schauspieltraining. Daneben gibt es auch Körperausdruck bei einer der Tänzerinnen. Die Fortgeschrittenen werden von Frank Hoffmann in Regie unterrichtet. An der Produktion, die wir hier machen, sind Leute ganz unterschiedlicher Niveaus beteiligt. Die Hauptdarstellerin im Stück zum Beispiel ist schon mehrere Jahre dabei. Man hat also die Berufsausbildung nicht nach drei Jahren abgeschlossen. Es gibt Leute, die vor ein paar Jahren dazugekommen sind, und andere, die gerade erst angefangen haben. Wir haben zwar eine Aufnahmeprüfung, aber die ist nicht sehr streng. Es ist eben keine klassische Schauspielschule, die die Leute nach dem Abschluss auf den Markt entlässt, wo sie ein Engagement finden. Die einen machen das als Freizeitbeschäftigung, andere landen danach wirklich auf einer Schauspielschule und absolvieren eine Aufnahmeprüfung. In diesen Fällen ist die Ausbildung am Konservatorium das Sprungbrett. In meiner Schauspielklasse kann ich viel verlangen, vor allem wenn ich sehe, dass die Begabung vorhanden ist, aber man muss immer sehen, dass die Schüler meist noch Prüfungen nebenbei haben.

Wieso haben sie so ein kompliziertes Stück wie das von Ostrowski ausgewählt? Von der Figurenkonstellation her wäre doch beispielsweise Brechts „Puntila und sein Knecht Matti“ wesentlich einfacher auf die Bühne zu bringen, insofern da auch ein Herrschaftsverhältnis und eine Emanzipation von ihm dargestellt werden.

Es ging mir gar nicht so sehr um diese politische Message. Natürlich habe ich einen künstlerischen Auftrag, aber vor allem habe ich hier einen pädagogischen. Ich muss immer sehen, dass ich diese beiden Enden zusammenkriege. Wenn ich ein Stück suche, dann keines für ein Startheater mit einer Person im Mittelpunkt. Puntila hätte ich nicht nehmen können, weil ich vorwiegend Frauen unterbringen musste. Von elf Schauspielern sind in diesem Stück drei Jungs. Die Verteilung der Rollen in dem Stück ist hierfür schon sehr günstig. Trotzdem habe ich es umschreiben und ziemlich stark kürzen müssen. Die Geschichte ist in der Tat kompliziert. Aber innerhalb dieses Stücks gibt es viele kleine Szenen. Das war mir am Anfang gar nicht so klar. Günstig war, dass es am Anfang neben einem Bild noch zwei weitere Szenen gibt, bei denen viele Darsteller auf der Bühne sind.

„Ich finde, wir müssen den Menschen Hoffnung machen. Ich habe keine Lust, den Leuten zu erzählen, wie schlecht die Welt ist. Wen interessiert das?“

Aber meistens sind sie zu zweit oder zu dritt, und das war wesentlich leichter zu proben, als wenn ständig alle auf der Bühne sind. Ich musste eben auch sehen, dass für Kathrin, meine Hauptdarstellerin, die Fortgeschrit-tenste der Ausbildung, eine gute Rolle drin ist. Also habe ich das Stück auch danach ausgewählt, dass die Rollen zu meiner Gruppe passen. Und wir hatten jemanden dabei, der sagte, ich lese gerade die russischen Klassiker. Und ich dachte, Russland ist ne tolle Idee. Tschechow und dann auch die Theaterpädagogik mit Stanislawski – das sind ja im Grunde die Anfänge des modernen Theaters. Dann bin ich durch Zufall auf Ostrowski gestossen. Und es kommt noch hinzu, dass ich Tragikkomödien liebe ? ich finde das Leben ist eine einzige Tragikkomödie. Ich kann mit diesen ganzen Endzeit- und Negativ-Stimmungstücken nichts anfangen – das ist mit ein Grund dafür, dass ich die letzten Jahre wenig gespielt habe. Ich finde, wir müssen den Menschen Hoffnung machen. Ich will auch nicht blauäugig in die Welt gucken, aber wenn man die Realität betrachtet, dann kann man sie immer so oder so sehen, und ich möchte sie gerne von einer positiven Seite zeigen. Ich habe keine Lust, den Leuten zu erzählen, wie schlecht die Welt ist. Wen interessiert das?

Inwiefern hat der Stoff denn heute noch gesellschaftliche Relevanz? Wo kann man den Bogen schlagen vom Russland des 19. Jahrhunderts ins Heute?

Ich sehe viele Verbindungen. Im Wesentlichen geht es um Geld. Die reiche Dame ist unheimlich geldgierig. Sie hat ihr Geld immer bei sich. Man kann die Geschichte so erzählen, dass sich das Ganze um diese Gutsbesitzerin dreht, die sehr viel Wald besitzt. Das ist zum Beispiel ein Thema, das auch bei Tschechow immer wieder auftaucht. Der sagt, wir holzen alles ab, die ganzen Wälder, so wie in „Onkel Wanja“. Da haben wir die Natur, die benutzt wird, um Papiergeld daraus zu machen, und das sieht man sehr deutlich in dem Stück. Das Stück Wald, das verkauft werden soll, weil die Gutsbesitzerin Geld braucht, um ihren Lebensstil zu halten. Sie hat viel Land, aber kaum flüssiges Geld, und sie hat diesen jungen Lover, den sie bei Laune halten will. Da sehe ich eine große Thematik, egal, ob man das nun Wald nennt oder eben allgemein die Ausbeutung der Natur. Die Vereinnahmung der Natur hat ja im 19. Jahrhundert mit dem Industriezeitalter begonnen. Dann haben wir das aufstrebende Bürgertum in Gestalt des Holzhändlers und die Industriellen. Die Leibeigenschaft, die ja zehn, zwölf Jahre, bevor das Stück herauskam, abgeschafft wurde – das ist alles thematisiert. Wir haben den Lover, der per Heirat Großgrundbesitzer werden will und der sagt „Schade, dass wir hier die Leibeigenschaft nicht mehr haben, ich hätte hier richtig aufgeräumt.“ Und auch dem Holzhändler merkt man an, dass die, die es verstehen, Geld aus allem zu machen, eigentlich die wahren Herren der kommenden Zeit sind. Und wir haben natürlich eine weitere zentrale Figur, und das ist noch ein Grund, wieso ich das Stück großartig finde – diese verschollene Nichte der Großgrundbesitzerin, die nicht nach den Normen ihrer adligen Herkunft lebt, sondern einen ganz verrufenen Weg einschlägt und Schauspielerin wird. Die erscheint auf einmal und räumt hier sozusagen auf, indem sie das Geld an den richtigen Platz bringt. Sie verkörpert damit die Großzügigkeit einer armen Lebenskünstlerin. Und das Stück endet damit, dass sie dem Bürgertum eine Moralpredigt hält, indem sie die Räuber von Schiller hervorzieht und daraus etwas deklamiert.

Worauf haben Sie in Ihrer Inszenierung den thematischen Schwerpunkt gesetzt? Und wo lagen die Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Stoffs?

Wir sind erst seit letzten Mittwoch auf dieser Bühne. Im Konservatorium – das ist für mich eben auch ein Politikum – haben wir einen großen Mangel an Räumen. Wir proben da quasi im großen Wohnzimmer. Wir haben alle Szenen auf einer Bühne geprobt, die nur ein Drittel der Fläche von dieser hier hat. Das war eine große Schwierigkeit, die aber dadurch, dass die Szenen inhaltlich sehr gut geprobt waren, nicht so schlimm war wie befürchtet. Das Schwierigste ist jedoch, dass die jungen Leute etwas spielen müssen, das ihnen sehr fernliegt. Derjenige, auf den das ganz besonders zutrifft, ist Tierry, der den jungen Lover der Hauptdarstellerin spielt. Wenn man ein Schleimer darstellt wie diesen, jemanden, der sich überall anbiedert und so ein „faschistisches Denken“ zeigt, à la ?Herr ist Herr‘ und ?Die Untergebenen haben zu gehorchen‘, so fängt es an, schwierig zu werden, aber auch interessant. Der Schauspieler muss versuchen, diesen Schmeichler in sich zu finden und wenn es nur ein Funken ist. Wenn er ihn behutsam nährt, wird er nach und nach größer. Also niemals auf Resultat spielen, nie meinen, das jetzt sofort hinkriegen zu müssen! So eine Rolle wächst. Das ist ja auch das Schöne am Theater, dass die Schauspieler mit der Zeit in die Rollen hineinwachsen. Eine große Schwierigkeit im Stück war aber auch die Gegenspielerin der Gutsbesitzerin, ihre Nichte. Die ist im Original ein gestandener 40jähriger Mann ? „Genadi“, der schon durch ganz Russland gewandert ist. Daraus habe ich eine sehr viel jüngere Frau machen müssen.

Was hat Ihnen an dieser Klasse besonders gut gefallen? Was waren die schönen Momente und das, was Ihnen in Erinnerung bleiben wird?

Ein Wochenende, draußen scheint die Sonne? Alle kommen rein mit Sonnenbrand, und meine Schüler sitzen hier wie die Ratten im Loch und beklagen sich nicht. Das fand ich großartig. Diese Begeisterung und Spielfreude. Beim ersten Durchlauf war ich sehr gerührt, wie sich das alles mit einem Mal zusammenfügt hat. Wir hatten wenig Zeit.

„So eine Rolle wächst. Der Schauspieler muss versuchen, diesen Schmeichler in sich zu finden und wenn es nur ein Funken ist. Wenn er ihn behutsam nährt wie ein Vögelchen, wird er nach und nach größer.?

Wir haben zwar im September angefangen, aber wir hatten nur drei Stunden an den Samstagen. Kurz vor Weihnachten hab ich gedacht, wir schaffen das nie bis zum April. Ich wollte die Premiere verschieben. Und als ich das dann beschlossen hatte, habe ich einen Plan gemacht. Woche für Woche haben wir die Probenpläne individuell abgestimmt, und ab Anfang Januar ging es dann richtig los.

Worin sehen Sie die Herausforderung in ihrem Job?

Für mich ist es mehr die Arbeit im Kleinen. Etwas wie das hier habe ich noch nie gemacht. Wir hatten schon mehrere Aufführungen, allerdings nur einzelne Szenen. Das ist das erste Mal in zwanzig Jahren, das ich ein ganzes Stück auf die Bühne bringe. Das ist schon ein Novum. Und die Zusammenarbeit mit meiner Bühnenbildnerin war großartig. Man muss auch Leute haben, auf die man sich verlassen kann und von denen man weiß, der Stil stimmt überein, wir passen zueinander, wir haben einen ähnlichen Geschmack, ähnliche Ideen. Rein vom Praktischen wünsche ich mir, dass wir endlich eine Kammerbühne bekommen. Die ist uns am Konservatorium vor Jahren versprochen worden. Jetzt ist kein Geld mehr da. Es wird nichts mehr gebaut. Im Kleinen wünsche ich mir, dass ich noch ein bisschen mehr Geduld dafür aufbringe, auf die Leute zu horchen, zumal ich mit jedem Einzelnen anders arbeite. Da ist es wichtig, auf die Menschen einzugehen. Die einen wollen geschüttelt, die anderen gestreichelt werden, und wieder andere muss man einfach laufen lassen.


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