KUNSTFILM: Heilige oder Hure?

Eine schöne Russin durchbricht die bürgerlichen Ehekonventionen und stellt das starre gesellschaftliche Gefüge einer Mailänder Industriellen-Familie in Frage. Was als seichtes Kitschdrama anmutet, entpuppt sich als feiner Kunstfilm.

Auf einer Wellenlänge: Zumindest Mutter und Tochter teilen ihre Geheimnisse.

Mit „Io sono l’amore“, zu Deutsch „Ich bin die Liebe“ wurden in diesem Jahr die 61. Filmfestspiele in Berlin eingeläutet. 120 Minuten lang führt Luca Guadagnino durch ein graues Mailand, durch ein großbürgerliches Haus in warmen Sepia-Farben und durch ein grün blühendes San Remo. Hinterdem Titel und der reichlich platten Handlung wittert man ein kitschig-kulinarisch angehauchtes Melodram, doch ist die Kameraführung feinsinnig und die Details sind liebevoll gefilmt. Auch ist Tilda Swinton in der Rolle der großbürgerlichen Emma einfach umwerfend.

Die Leere des Alltags der Hausherrin nimmt man so lange als selbstverständlich hin, bis sie sich in einen Freund ihres Sohnes verliebt und die Amour fou ihren Lauf nimmt. Was etwas schleppend anläuft – der Regisseur nimmt sich die Zeit, Nuancen und Rituale der großbürgerlichen Industriellen-Familie zu beleuchten – gerät mehr und mehr zum fein abgestimmten Kunstfilm. Guadagnino schafft großartige Einstellungen und monumentale Landschaftsbilder. Die Aufnahmen der neapolitanischen Kathedrale gleichen gemalten Kunstbildern. Kräftige Farben eines sommerlich blühenden San Remo kontrastieren mit einem winterlich-grauem Mailand. Vor diesem Panorama werden glaubwürdig die Fassaden der Bourgeoisie aufgebaut. Die gesellschaftlichen Konventionen der adligen Familie in Norditalien gründen auf einer starren Rollenverteilung: Starke Männer führen die Geschicke und Geschäfte der Textilfirma, während die Frauen, schönen Bildnissen gleich, Konversation führen, einkaufen, Familienfeste planen und das Menü für die Festessen abstimmen.

Diese rigide Gesellschaftsstruktur wird von der schönen Hausherrin Emma erschüttert, als sie den Verführungskünsten von Antonio verfällt, ein Freund ihres Sohnes, der die Familie zu feierlichen Anlässen bekocht. Triviale kulinarische Verführung? Was man aus Laura Esquivels „Wie bitter-süße Schokolade“ oder zuletzt aus Martin Suters „Der Koch“ zu kennen meint, gleitet zum Glück keine Sekunde ins Seichte ab. Die animalisch, frivole Art wie Emma die ihr aufgetischten Scampis sinnlich-liebevoll zerschneidet und hingebungsvoll zerkaut gleicht eher jener brutalen Intensität der Filmszene aus Inglourious Basterds, in der der deutsch-österreichische Schauspieler Christoph Waltz seinen Apfelstrudel seziert.

Meisterhaft spielt Tilda Swinton die unnahbare, elegante Hausherrin der Bourgeoisie. Geduldig genießt man die detailgetreuen Einstellungen und wartet gespannt auf das Auffliegen der Amour fou. Als die Maske mit einem Schlag von ihr abfällt, könnte sie ihren plötzlichen physischen und psychischen Zusammenbruch kaum überzeugender spielen.

In guter Chabrol-Manier laufen alle Fäden auf den geistigen und finanziellen Niedergang der neapolitanischen Industriellen-Familie hinaus. Leider belässt es Guadagnino nicht bei dieser Geschichte und überfrachtet den Film am Ende doch noch mit klischeehaften Komponenten. So wirken manche Charaktere und Figurenkonstellationen holzschnittartig.

Auch den Schluss garniert der Regisseur mit einer überflüssigen Kitsch-Szene. Denkt man sich jedoch diese letzte Einstellung weg, so könnte man tatsächlich das Gefühl bekommen, die Nouvelle Vague lebt. Denn „Io sono l’amore“ hat die intensiven Bildeinstellungen von Jarmusch-Filmen, die Hintersinnigkeit eines Chabrol und bisweilen den Kitsch italienischer Schnulzen. Das mag als bizarrer Mix daherkommen, ist jedoch zusammengenommen ein raffiniertes Meisterwerk und eine Hommage an den Kunstfilm.

Io sono l’amore, im Utopia.


Cet article vous a plu ?
Nous offrons gratuitement nos articles avec leur regard résolument écologique, féministe et progressif sur le monde. Sans pub ni offre premium ou paywall. Nous avons en effet la conviction que l’accès à l’information doit rester libre. Afin de pouvoir garantir qu’à l’avenir nos articles seront accessibles à quiconque s’y intéresse, nous avons besoin de votre soutien – à travers un abonnement ou un don : woxx.lu/support.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Wir stellen unsere Artikel mit unserem einzigartigen, ökologischen, feministischen, gesellschaftskritischen und linkem Blick auf die Welt allen kostenlos zur Verfügung – ohne Werbung, ohne „Plus“-, „Premium“-Angebot oder eine Paywall. Denn wir sind der Meinung, dass der Zugang zu Informationen frei sein sollte. Um das auch in Zukunft gewährleisten zu können, benötigen wir Ihre Unterstützung; mit einem Abonnement oder einer Spende: woxx.lu/support.
Tagged , .Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen.