ALTKLEIDER: Für alle Modebewussten

Die Verwertung gespendeter Altkleidung ist vielfach intransparent. In einigen Entwicklungsländern hat der Verkauf von Altkleidern aus Europa einschneidend zur Veränderung der lokalen Märkte beigetragen – längst nicht immer zu deren Segen. Auch der einzelne Konsument scheint das Gefühl für den Wert der Kleidung verloren zu haben.

Viele Textil- und Bekleidungsfabriken in den Entwicklungsländern mussten schließen, da die gespendeten Kleidungsstücke zu Preisen angeboten werden, mit denen die lokalen Industrien nicht mithalten können.

Zu bunt, zu kurz, nicht mehr modern: Den Wechsel der Jahreszeiten nehmen viele zum Anlass, ihren Kleiderschrank auszumisten. Und indem sie die abgelegten Sachen in den Kleidercontainern deponieren, tun sie noch was Gutes, oder nicht?

„In Afrika werden die europäischen Kleiderspenden zum Alptraum für die heimische Textilindustrie. Die Spender denken, die Ärmsten bekommen die Kleider geschenkt – aber in Wirklichkeit muss alles teuer bezahlt werden“, so eine der Hauptaussagen der Reportage „Die Altkleider-Lüge“ der deutschen Autoren Michael Höft und Christian Jentzsch, die jüngst für einigen Wirbel sorgte. Die beiden Autoren sind der Frage nachgegangen, wo die Altkleider landen und wer an ihnen verdient. Der Film zeigt am Beispiel Deutschland, wie das Spenden von Kleidern zum Geschäft geworden ist und die lokalen Märkte verändert hat – meist nicht zum Positiven. Die These der Autoren lautet, dass anstatt den Armen eine Hilfe zu sein, jedes gespendete Kleidungsstück letztlich einen Beitrag zur Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten darstellt.

Seit rund zehn Jahren wird über die Auswirkungen von Altkleidersammlungen gestritten. Den Mittelpunkt der Kritik bilden die Intransparenz des Kleidermarktes und der weltweite Export der Ware.

Viele Organisationen informieren nicht darüber, dass gesammelte Kleidung an Recyclingfirmen verkauft wird. Gebrauchtkleidung ist schon lange ein Wirtschaftsgut. Die Textilien werden in der Regel unsortiert an gewerbliche Textilrecyclingfirmen verkauft. Daneben nehmen aber auch Kleiderkammern Textilien an und sortieren die Sachen selbst, um sie danach gratis oder zu sozialen Preisen abgeben zu können. Viele Einrichtungen erhalten allerdings mehr Kleidung, als sie selbst benötigen, weshalb auch sie oft an gewerbliche Abnehmer verkaufen. Insgesamt wird also der überwiegende Teil der Gebrauchttextilien gewerblich verwertet. Nach dem Prinzip „Sachspenden zu Geldspenden“ erhalten so die karitativen Einrichtungen Geld, das sie weiterhin in humanitäre Projekte investieren können. Jedoch entscheidet über den Verbleib der unentgeltlich abgegebenen Altkleider nicht die Bedürftigkeit, sondern die Frage, wer am meisten zahlt.

In den kommerziellen Textilsortierbetrieben werden die Altkleider Stück für Stück auf ihre weitere Verwendbarkeit geprüft: Sehr gut erhaltene und modische Ware gelangt auf den europäischen Markt, zweite Wahl wird generell nach Osteuropa und in arabische Staaten exportiert und dort in Secondhandgeschäften verkauft, alles Minderwertige geht nach Afrika. Der Rest ist Rohstoff für die Putzlappen-, die Vlies- und die Papierindustrie. In den Bestimmungsländern werden die Altkleider erneut kommerziell vermarktet. Allein im ostafrikanischen Tansania sollen im Monat insgesamt rund 40.000 Tonnen Altkleider aus westlichen Ländern auf den Markt kommen. Da der Preis der Altkleider infolge des Transports und der Beteiligung vieler Zwischenhändler steigt, müssen sich die tatsächlich Bedürftigen mit den schlechten Stücken zufrieden geben. Das massive Aufkommen der Altkleider in Entwicklungsländern über die Jahre hat mit dazu beigetragen, dass die lokalen Textilmärkte ihr Gesicht komplett verändert haben und die Bekleidungsproduktion in einigen Importländern weitgehend verdrängt worden ist: Viele Textil- und Bekleidungsfabriken mussten schließen, da die gespendeten Kleidungsstücke zu Preisen angeboten werden, mit denen die lokalen Industrien nicht mithalten können. So sollen von einst 80.000 Beschäftigten in der Textilfabrik von Tansania, weniger als 5.000 ArbeiterInnen übrig geblieben sein. Das Altkleider-Sammelsurium aus Europa trägt zudem dazu bei, dass die traditionellen bunten Stoffe (Pagne, Kitenge, Kangas), aus denen Frauenkleidung, aber auch Männerhemden gefertigt wurden, zunehmend verschwinden.

Neue Abhängigkeiten schaffen

Die Entwicklung ist so weit fortgeschritten, daß „Mitumba“, wie Gebrauchtkleidung in Ostafrika heißt, aus dem Alltag einiger Länder nicht mehr wegzudenken ist – einigen Händlern und NäherInnen, die die EU-XXL-Hosen an die afrikanischen Größen anpassen, verschafft die Ware inzwischen ein Einkommen. Statt jedoch die Entwicklungsländer bei der Schaffung eigener Wertschöpfungsketten von der Baumwollproduktion – Baumwolle ist nach Kaffee und Kakao das wichtigste Exportgut Afrikas – bis zum fertigen T-Shirt zu unterstützen, was volkswirtschaftlich sinnvoller wäre, werden sie auch hier von EU-Importen abhängig gemacht. Uns in Europa ist das System sehr genehm, weil wir so einen Teil unseres Mülls loswerden, noch dazu auf „nachhaltige“ Weise. Kritisch wird es insbesondere, wenn europäische Gesetze (Bestimmungen des Abfallrechtes – die Altkleidung fällt vor dem Sortieren unter das Abfallrecht) bei einem Teil des Handels ebenso umgangen werden, wie Gesetze der Importländer (Importverbote, Importbeschränkungen, Steuerabgaben oder Zölle).

Insgesamt ist festzustellen, dass die Geschäfte mit den Textilien nicht gerade transparent abgewickelt werden. Detaillierte Angaben, wieviele Waren in welche Länder exportiert werden, sind weder von den Wohltätigkeitsorganisationen noch von Textilsortierbetrieben zu erhalten. Große Sortierbetriebe, die an der Textilverwertung verdienen, verwahren sich gegen alle Vorwürfe: Es bestehe sehr wohl eine Nachfrage vor Ort, und die Textilindustrie in Ostafrika sei keineswegs durch Altkleiderspenden aus Europa zerstört worden, viel eher hätten die Produzenten aus dem asiatischen Raum, darunter China, den Markt mit billigen Textilien regelrecht überschwemmt.

Keine der großen Wohltätigkeitsorganisationen redet gerne über die Praxis der Weitergabe der Altkleiderspenden. Auch Kolping in Luxemburg war zu einer Stellungnahme zum Verkauf der Altkleider nach Afrika nicht bereit.

Kolping in Luxemburg, eine von den Ideen des deutschen Sozialreformers Adolph Kolping inspirierte Organisation, wurde 1957 gegründet. Der Verein, der heute noch 70 Freiwillige zählt, gehört zu den ersten, die hierzulande in größerem Stil Kleider sammelten. 1974 fand die erste Straßensammlung, die „Aktioun aalt Gezai“ statt. „Damals kamen rund 538 Tonnen Altkleider zusammen. Eine Menge, die so enorm war, dass letztlich das Militär einspringen musste, um zu helfen“, erinnert sich Marie-Jeanne Brauch, die seit 1978 bei Kolping aktiv ist. Daraufhin beschloss Kolping, sich einen Partner zu wählen – das Jongenheem. Mittlerweile beschränkt sich die „Aktioun aalt Gezai“ auf zwei Tage im September. Seit 1991 wurden zusätzlich zur Straßensammlung die ersten Kleidercontainer der Firma „FWS – Boer Deutschland“ aufgestellt, von denen mittlerweile rund 270 im ganzen Land verteilt sind. Außer der Telefonnummer von Kolping/Jongenheem gibt es auf dem Container keinerlei Hinweise – weder zu „FWS“ noch zum Weitervertrieb der abgegebenen Altkleider.

Wöchentlich werden diese Container von Jugendlichen des Jongenheem und Freiwilligen von Kolping geleert und zu einem großen Stellplatz gefahren, auf dem bereits ein Speditionslastwagen wartet. Ist dieser voll, wird die Ware nach Holland gebracht, zu einem der sieben Sortierwerke der Firma „FWS“. Nach der Sortierung wird die wiederverwertbare Ware in große Ballen verpackt „und von da aus überallhin hingeschickt, wo sie benötigt wird“, so Brauch.

Kolping ist vertraglich an die Firma „FWS“, mit Sitz in der Hansestadt Bremen, gebunden. Europaweit beschäftigt „FWS“ rund 600 Angestellte in sieben Sortierbetrieben mit einer Sortierleistung von ca. 100.000 Jahrestonnen. Das Unternehmen müsse eine faire Verwertung garantieren, dürfe keine unökologischen oder unsozialen Maßnahmen zulassen, betont Brauch. FWS ist nicht bei „Fairtrade“ in Bonn registriert, scheint aber Mitglied im deutschen Dachverband „Fairwertung“ zu sein, einem Verband, der 1994 vor allem zu dem Zweck gegründet wurde, dubiosen Kleidersammlern das Handwerk zu legen – der also weniger mit der eigentlichen Idee vom fairen Handel zu tun hat.

Rund 20-25 Cent erhält Kolping für das Kilo Altkleidung. „Letztes Jahr hatten wir insgesamt 2.100 Tonnen Altkleidung gesammelt. Davon macht die Straßensammlung nur 350 Tonnen aus“, meint die Kolping-Frau. Der finanzielle Erlös aus dem Verkauf der Altkleider geht zu zwei Dritteln an das Jongenheem, das restliche Drittel wird in Entwicklungsprojekte in Bolivien, Ruanda, Burkina Faso und den Philippinen investiert.

„Wir zwingen niemanden“

Auch wenn die Gelder aus dem Verkauf der Altkleider soziale Projekte ermöglichen, nimmt Kolping wie viele andere die Kollateralschäden des Exports von Altkleidung in Entwicklungsländer in Kauf. Problematisch sei das keineswegs – argumentiert der Kundenberater von Kolping bei „FWS“, Oliver Schien: „Gebrauchtkleiderexporte sind viel nachhaltiger, da sie Arbeitsplätze schaffen und den Gedanken Hilfe zur Selbsthilfe viel stärker unterstützen als die ganzen Milliarden, die der Währungsfond dorthin schickt und in eine Industrie investiert, die aufgrund ihrer Position alleine nicht lebensfähig ist“. Die Altkleiderverwertung ist in dreierlei Hinsicht eine vorteilhafte Sache: „Erstens können die karitativen Organisationen durch den Verkauf von Altkleidung Mittel erwirtschaften, um ihre satzungsgemäßen Aufgaben zu finanzieren. Zweitens werden dadurch Arbeitsplätze für geringqualifizierte Mitarbeiter in Europa erhalten, und drittens hat das System auch eine ökologische Komponente, indem Waren wiederverwertet werden, für deren Beseitigung der Bürger normalerweise Müllgebühren bezahlen müsste“, so Schien. Die Ware aus Luxemburg sei insgesamt sehr beliebt, hinsichtlich der Qualität der aus Deutschland sogar etwas überlegen. „Ich verkaufe die Ware nicht an den Meistbietenden. Die Kunst ist, für alles eine Verwendung zu finden“, erklärt Schien seine Verkaufsstrategie. Heute bestehe die Altkleidung zu einem großen Teil aus Damenbekleidung, dagegen gebe es weltweit eine stärkere Nachfrage nach Herrenbekleidung. Auch funktioniere das Ganze antizyklisch: Im Winter misteten die Bürger ihre Sommerkleider aus, und im Sommer die Winterkleidung. Der Kunde aus Osteuropa kaufe natürlich eher Winter- und der Afrikaner eher Sommerkleidung.

Dass die dabei anfallenden Zölle – oft eine der wenigen staatlichen Einnahmen, mit denen lokale Entwicklungen finanziert werden können – in verschiedenen Ländern sehr niedrig sind, findet der Geschäftsmann nicht weiter problematisch. „Sonst hätten die Menschen keine Chance sich zu kleiden. Im Endeffekt brauchen 70 Prozent der Weltbevölkerung Secondhand, um sich kleiden zu können. Denn um ein Kilo Baumwolle zur Pflückreife zu bringen, benötigt man ungefähr – je nach Anbaugebiet – bis zu 27.000 Liter Wasser. Das heißt, man ist überhaupt nicht in der Lage, die gesamte Weltbevölkerung zu bekleiden. Deswegen wird das Thema Textilrecycling in Zukunft einen viel größeren Stellenwert haben, als es jetzt schon hat“, meint der „FWS“-Mann. Mehr Recycling in Europa sei dagegen auch keine Lösung: „Das Problem ist, dass Baumwolle weltweit so stark subventioniert wird, dass eigenwirtschaftlich recycelte Fasern so gut wie null Chance haben“, glaubt Schien. Dass die Recyclingfaser aber gerade in Afrika, einem Land, das massiv Baumwolle anbaut, geradezu einen Siegeszug erlebt und die lokale Baumwollproduktion fast verdrängt hat, erscheint dann als bloß zufälliger Widerspruch. „Wir zwingen niemanden, unsere Ware zu kaufen“, stellt der „FWS“-Kundenberater fest. „Der Luxemburger hat die Möglichkeit, weltweit unter einer Vielzahl von Waren zu wählen. Genauso hat auch der Afrikaner die Wahl, ein traditionelles Kleidungsstück zu tragen oder sich billige Secondhandkleidung zu besorgen.“

„Wo die Altkleider hingehen, wissen wir nicht“

Ein weiterer größerer Player im Luxemburger Altkleiderbereich ist – neben den Kleiderkammern der Croix-Rouge, der „Stëmm vun der Stross“ und der Caritas, die Kleider unentgeltlich oder zu sozialen Preisen direkt an Bedürftige abgeben – die asbl „Aide aux enfants handicapés“.

Seit 1976 organisiert der Verein von Mitte März bis April Straßensammlungen und hat daneben rund 154 eigene Container im Land aufgestellt, die jede Woche von freiwilligen Mitgliedern geleert werden. „Ende des Jahres werden wir auf rund 1.560 Tonnen Altkleider kommen“, stellt Georges Weis, Präsident von „Aide aux enfants handicapés“, zufrieden fest. Die Altkleider werden in Differdingen in einer Halle eingelagert, bis die Sammlung ausreicht, um einen Fernlaster zu befüllen. Dann werden sie an verschiedene Händler in Italien, Belgien, Polen oder der Ukraine verkauft, wo sie wiederum sortiert und weiterverkauft werden. 30 bis 40 Cent pro Kilo bekommt die „Aide aux enfants handicapés“ – je nach Händler und Land. „Da muss man verhandeln. Die Nachfrage bestimmt den Preis. Immerhin ist die Luxemburger Ware sehr beliebt“, urteilt Weis. So wurden 2011 rund 500.000 Euro von „Aide aux enfants handicapés“ erwirtschaftet, mit denen auch dieses Jahr wieder Heime unterstützt werden, die sich um behinderte und sozial benachteiligte Kinder kümmern. „Wo die Händler die Ware hinschicken, erfahren wir nicht“, so der Präsident. „Jedoch weiß ich, dass einer der Händler nach Afrika liefert, da er sich immer über den Zahlungsverzug seines afrikanischen Kunden ärgert.“ Auch Weis sieht wie die meisten Akteure im Altkleiderbereich diesen Export nicht kritisch: „Ein armer Schwarzer kann sich kein neues T-Shirt leisten“. Und: Alles ist im Umbruch. Irgendwann ist auch der Altkleiderhandel nicht mehr rentabel. In der Tat haben schon einige Betriebe ihre Sortierstellen in Mitteleuropa geschlossen und, wegen der billigen Arbeitskräfte, Zweigstellen in Osteuropa eröffnet. Die Kosten für das Einsammeln, Transportieren und Sortieren sind aufgrund der abnehmenden Qualität des Sammelguts durch Billigmode zum Teil höher als die Erlöse aus der Verwertung.

Das war vor zehn Jahren – als ein regelrechter Containerkrieg Luxemburg heimsuchte – noch ganz anders: Damals drohte eine Firma aus Düsseldorf das Land mit Kleidercontainern zu überschwemmen. „Die wollten uns ins Gewerbe pfuschen“, erinnert sich Weis. Die Folge davon war, dass „Aide aux enfants handicapés“, Caritas, Croix-rouge und Kolping sich im Dachverband „Texaid“ zusammenschlossen. Geplant war zudem, über „Texaid“ ein eigenes Sortierwerk in Luxemburg zu gründen und so lokale Arbeitsplätze zu schaffen. Daraus wurde jedoch nichts. „Zwar laufen hier wohl noch immer Bemühungen… Aber Kolping hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht“, ärgert sich Weis. Damit die Idee eines lokalen Sortierwerkes umsetzbar ist und dieses rentabel wird, ist es wichtig, dass alle vier Partner mitmachen. „Anfang 2012 sollte der Vertrag, den Kolping mit FWS abgeschlossen hatte, auslaufen. Nun jedoch haben wir gehört, dass Kolping den Vertrag mit FWS verlängert hat. Die haben uns hier hintergangen“, so Weis. „Dadurch ist dieser Plan für die nächsten zehn Jahre ins Wasser gefallen.“

Der Altkleidermarkt befindet sich insgesamt im Umbruch. In der Tat gibt es weltweit viele Menschen, die auf möglichst billige Kleidung angewiesen sind. Zudem ist das Weitertragen der Altkleider ökologisch sinnvoll. Müssten die Altkleider sammelnden Organisationen dennoch nicht stärker in die Verantwortung eingebunden werden, indem sie zumindest garantieren, nur in jene Länder zu exportieren, in denen nur ein geringer Teil der Bevölkerung in der Bekleidungsindustrie tätig ist? Laut Aussage eines Mitarbeiters des luxemburgischen Kooperationsministeriums werden grundsätzlich keine NGOs unterstützt, die einfach nur Container mit Waren in Entwicklungsländer schicken – das widerspreche dem Grundsatz der Förderung von Entwicklung.

Die Bedeutung der Zölle

Ein wichtiges Werkzeug der Förderung der Entwicklungsländer sind die Zölle. Würden im gesamten Handel alle fälligen Abgaben ordnungsgemäß bezahlt, wäre es mit dem Preisvorteil der Altkleider weitgehend vorbei, und die einheimischen Produkte hätten auf den Märkten eine Chance. Zudem sind Zölle neben den Steuern wichtige Einkünfte, die Regierungen in die Lage versetzen Beschäftigungsprogramme für die ärmsten Teile der Stadtbevölkerung aufzubauen, Fortbildungen, günstige Kleinkredite und Existenzzuschüsse zu gewährleisten.

Gegen Schmiergeldzahlungen gelangt jedoch nach wie vor ein erheblicher Teil der importierten Altkleider unversteuert ins Land. Zudem haben oft einige wenige Importeure den Markt unter sich aufgeteilt und diktieren den Kleinhändlern die Abnahmepreise.

Nicht unschuldig am ganzen Schlamassel ist auch die verfehlte Politik der Weltbank und des Weltwährungsfonds, und damit auch der Regierungen des Nordens, deren Strategie bisher vor allem darin besteht, die armen Ländern zu einem Markt für die eigene Industrie zu machen. So wurden bereits in den 1980er Jahren Schuldenerleichterungen an die Bedingung von Strukturanpassungsprogrammen geknüpft, mit denen die meisten afrikanischen Staaten gezwungen wurden, ihre Subventionierungen der einheimischen Textil- und Bekleidungsindustrien zu beenden. Die betroffenen Länder mussten ihre heimische Baumwolle zum Weltmarktpreis kaufen und Neuanschaffungen mit Devisen bezahlen. Diese Politik bedeutete für zahllose Bekleidungsmanufakturen das Ende. Viele Staaten hoben darauf hin die Einfuhrverbote für Gebrauchtkleidung wieder auf, was den Boom beschleunigte. Gegen solche Entwicklungen und die durch sie verursachte Verarmung stellen gerade hohe Zollschranken und der Schutz regionaler Binnenmärkte eine Lösung dar. Die Entwicklung, die China und Südkorea genommen haben, macht deutlich, wie wichtig der Schutz der eigenen Märkte ist.

Die Europäer zahlen zwar rund 60 Prozent der weltweiten Hilfen – nach wie vor drücken sie sich jedoch um das Eingeständnis, dass die Bedingungen für die Entwicklung der Märkte fehlerhaft gestaltet wurden. Richtige Entwicklungspolitik bedeutet vor allem, die ärmsten Länder in Afrika in die Lage zu versetzen, ein Netz von Klein- und Mittelbetrieben aufzubauen und ihre Industrie zu entwickeln, so dass schließlich die Bedingungen für wahre, das heißt faire, Handelsbeziehungen mit dem Norden gegeben sind. In dieser Entwicklung fällt aber auch dem einzelnen Konsumenten, der einkauft und wegwirft, eine große Verantwortung zu. Leider drehen sich in unseren Breitengraden die Mode, und mit ihr die Produktionszyklen der Kleiderindustrie, immer schneller. Das Altkleiderproblem konnte auch deshalb ein solches Ausmaß annehmen, weil wir uns immer mehr Kleidung leisten und uns immer weniger Gedanken darüber machen, was wir in welchem Zustand wegwerfen.

Beginnt eine neue Saison, landen abgelegte Klamotten einfach in der Kleidersammlung. Wenn früher Hosen zu kurz waren, wurde der Saum ausgelassen, Löcher in den Kinderhosen wurden geflickt und Socken gestopft – das ist fast vollständig verschwunden. Dagegen liegt Billigware im Trend. Die ökologischen und sozialen Probleme, die sich hinter dieser Ware verbergen, werden von den VerbraucherInnen jedoch kaum mehr wahrgenommen. Viele haben das Gefühl für den Wert der Kleidung verloren, etwa dafür, dass Baumwolle ein hochkomplexes Produkt ist, dessen Herstellung einen großen Aufwand erfordert. Zudem ist die Produktion von Billigtextilien oft mit einer ganzen Reihe von Missständen verbunden – von exzessiven Überstunden, schlechter Entlohnung, inexistentem Arbeitsschutz bis hin zu Gesundheitsgefährdungen.

Deshalb sollte sich der Kunde beim Einkaufen öfter einmal die Frage stellen, ob das neue Kleidungsstück wirklich notwendig ist. Einkäufe in Second-Hand-Läden schonen die Umwelt, den Geldbeutel und unter Umständen die eigene Gesundheit. Auch der gezielte Kauf von nur aus einer Fasersorte hergestellten Kleidungsstücken löst viele Entsorgungsprobleme: Noch landen zu viele Altkleider, die nicht recycelt werden können, im Müll. Um das Aufkommen von Müll dieser Art zu verringern, können abgelegte Textilien auch gezielt weitergegeben werden, über private Kanäle beispielsweise, wie dies bei Baby- und Kinderkleidung noch oft der Fall ist oder die Altkleider können in den bestehenden Kleiderkammern abgegeben werden.

Da bisher in Luxemburg keine Organisation, die über Containerware verfügt, garantieren kann, dass die Altkleider nicht in Entwicklungsländer exportiert werden, könnte eine radikale Lösung auch darin bestehen, die Texilien zu Gewebefetzen zu zerreißen, so dass das Material bei der Wiederverwertung in den Wertstoffkreislauf gelangt.

Hier einige Links zu Kampagnen, Alternativen und Aktionen:
www.fairwear.org/
www.cleanclothes.org
www.oxfammagasinsdumonde.be/2011/02/emission-«-pourvu-que-ca-dure-»-les-vetements-de-seconde-main/
www.achact.be/news-info-22.htm
www.vetementspropres.be
www.evb.ch/fr/p18865.html


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