SCHULE: Auf dem Weg zur Inklusion

von | 15.03.2012

Ein inklusives Schulsystem ist möglich – so zumindest die Erfahrung an einer Schule in Lorentzweiler. Wichtig ist jedoch, dass Lehrer und Sonderpädagogen an einem Strang ziehen.

165 ununterbrochene Ballwechsel im Federballspiel, so der Rekord, den Lynn zusammen  mit ihrer Sportlehrerin Barbara Goetschalckx aufgestellt hat. Eine enorme Leistung für ein Mädchen mit Trisomie 21. Aber es hat auch lange gedauert. „Meistens saß sie da und hat beim Gruppenturnen nicht mitgemacht. Das musst du erst eimal aushalten“, so Goetschalckx.
Diese Woche hatte die „Groupe Luxembourgeoise d’Education Nouvelle“ (GLEN) zu dem 15-minütigen Dokumentarfilm von Serge Benassutti mit dem Titel „Lynn? – Firwat net? Inclusion gëtt et!“ eingeladen, mit anschließender Diskussion.
Der Film zeigt, dass die Inklusion eines jungen Mädchens mit Trisomie 21 unter guten Bedingungen, wie sie zum Beispiel im letzten Zyklus der Grundschule in Lorentzweiler gegeben waren, möglich ist. „Bei diesem Film geht es darum, die Idee der Inklusion zu propagieren“, so Chantal Mertens, ehemalige Grundschullehrerin der kleinen Lynn. Natürlich habe es auch mal schwierige Momente gegeben, aber der Film zeige vorwiegend die schönen Augenblicke und vor allem: dass die Integration machbar ist. Und auch auf die gesamte Klasse habe die Anwesenheit von Lynn sich positiv ausgewirkt. „Ich hatte in meiner ganzen Lehrertätigkeit nie eine Klasse, die so zusammengehalten hat“, berichtet Mertens. Kinder mit spezifischen Bedürfnissen, die in eine normale Schulklasse integriert werden, hätten auch über die Schule hinaus Kontakt zu ihrem normalen Umfeld. Die Herausforderung für die Lehrer sei natürlich, abseits vom klassischen Unterricht Projekte zu erarbeiten, an denen auch Kinder mit einer Behinderung teilnehmen können. Die Schulreformen eröffneten hier neue Möglichkeiten. „Dass die Kinder nach ihren Kompetenzen behandelt werden, macht die Sache leichter“, meint Mertens. Und auch wenn die Betroffenen am Ende nicht so gut lesen, schreiben oder rechnen könnten wie Kinder ohne Einschränkung, würden sich ihnen dank der Inklusion doch neue Chancen erschließen. „Es wird oft vergessen, dass es bei der Schule nicht nur um eine schulische, sondern auch um eine soziale Inklusion geht“, meint Sandy Goedert, Educatrice graduée des multiprofessionellen Teams der „Education différenciée“ (Ediff), die auch Lynn betreut hat. Diese hat es mittlerweile in eine weiterführende Klasse des Uelzecht Lycée geschafft – die dazu nötige Offenheit vonseiten der Schule ist aber leider noch längst nicht überall gegeben.
Wichtig ist bei all dem jedoch die Qualität der Betreuung. Nach wie vor werden in Luxemburg nur bis zu 10 Stunden Spezialbetreuung pro Woche bewilligt – die meisten Kinder mit Behinderungen lernen weiterhin in den Sonderklassen der Ediff. Und, wie die Erfahrung zeigt, bedeutet es einen Spießrutenlauf, diese Extrabetreuung in den Regelschulen überhaupt bewilligt zu bekommen. In Österreich zum Beispiel stehen für eine Klasse von 20-25 Kindern, in die 4-6 Kinder mit spezifischen Bedürfnissen integriert sind, full time ein Lehrer und ein Sonderpädagoge zur Verfügung. „Eigentlich müsste die Inklusion nicht am Personalmangel scheitern. Warum nimmt man nicht die Kinder und Betreuer der Sonderschulen und integriert sie in die normalen Klassen?“, fragt Mertens. Eine Vorraussetzung dazu wäre allerdings, dass beide zu diesem Schritt bereit sind. Noch lehnen viele Lehrer das Prinzip der Inklusion ab. „Wichtig ist, dass alle am gleichen Strang ziehen. Eine Inklusion steht und fällt mit denen, die mit diesen Kindern arbeiten!“, meint Goedert. An der Uni Luxemburg sollen inklusive Ansätze bei der Lehrerausbildung zukünftig stärker berücksichtigt werden. „Ein Studium kann jedoch nur begrenzte Einblicke verschaffen. Wichtig ist die Praxis und der Austausch mit Fachkräften vom Terrain“, betont Michelle Brendel, Dozentin der Erziehungswissenschaften an der Uni Luxemburg.

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