Die Art, wie der ĂĽberwiegende Teil der Presse den Besuch des umstrittenen deutschen Schriftstellers Martin Walser in Luxemburg dokumentierte und kommentierte, wirft kein gutes Licht auf den Zustand des hiesigen Journalismus.
„Jeder Mensch liest sein Buch“, so äuĂźerte sich der deutsche Schriftsteller Martin Walser zu der Frage nach der Verantwortung des Schriftstellers als öffentliche Person. Ein Schriftsteller könne nicht darĂĽber nachdenken, wie sein Buch aufgenommen und verstanden werde. Martin Walser hatte am Dienstagabend im voll besetzten Kapuzinertheater aus seinem umstrittenen, jĂĽngsten Roman „Tod eines Kritikers“ gelesen.
Folgt man der Logik Walsers, sind seine KritikerInnen also einer „subjektiven“ Sinnestäuschung erlegen. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der Walser vorgeworfen hatte, sich aus einem „Repertoire antisemitischer Klischees“ zu bedienen, ebenso wie Walsers (ehemalige?) Freundin Ruth KlĂĽger, Literaturprofessorin und Ăśberlebende von Auschwitz, die in einem offenen Brief vor allem die Unterschwelligkeit kritisierte, mit der Walser die jĂĽdische Thematik rund um seine Hauptfigur lanciert. Nicht zu vergessen, die „Studenten, Autonome und jungen Linken“, von denen sich Martin Walser offenbar seit seiner Friedenspreisrede (1998) besonders verfolgt sieht.
Die Frage indes, warum so viele deutsche FeuilletonistInnen, Literatur- und SprachwissenschaftlerInnen und nicht zuletzt jĂĽdische Ăśberlebende ihn so missverstehen, wurde nicht gestellt. Im Gegenteil, in Luxemburg erhält der selbst benannte „Nationalreferent“ einen Freibrief fĂĽr seine gefährlichen Ă„uĂźerungen und seine Schreibe – vom Publikum genauso wie von der Tagespresse. Die Gegenöffentlichkeit, die sich am Theater eingefunden hatte, um die BesucherInnen ĂĽber die breitere Debatte um Walser zu informieren, war den Journalisten von „Wort“ und „Tageblatt“ jedenfalls keine Zeile wert. Der Beweis fĂĽr Walsers Unschuld? Die von RTL-TV befragten ZuschauerInnen konnten an den verlesenen Passagen nichts Antisemitisches finden. Wussten sie denn nicht, dass der Skandaldichter diese größtenteils ausgespart hatte? Der sexgeile, unsterbliche Jude, eine typische Figur des NS-Hetzblattes „StĂĽrmer“ und heutiger rechtsextremer Publikationen, hat seinen Auftritt erst ab Seite 111 ff. Eine Information, die ĂĽbrigens auch der RTL-Journalist hatte, die er aber ignorierte.
Die Tatsache, dass ein kritischer Aktivist den Schriftsteller sehr wohl gebeten hatte, Stellung zu seiner Verantwortung als öffentliche Person zu nehmen, und dazu auf Walsers eigene „Instrumentalisierung der Medienmacht“ hinwies, wurde nicht nur verschwiegen. Im Top-Thema vom Mittwoch behauptete der Journalist Charel Muller fälschlicherweise, die Gegenöffentlichkeit hätte sich nicht an der anschlieĂźenden, kurzen Debatte beteiligt.
Viel entscheidender aber ist, dass bisher der größere Kontext, in dem Walser in Deutschland steht, die Diskussion um Geschichtsrevisionismus, einer erstarkenden Neuen Rechten sowie der „RĂĽckkehr in die deutsche Normalität“ auĂźer in einem Beitrag des soziokulturellen Radios 100,7 keinerlei Erwähnung fand. Wie geschickt Walser mit seiner Literatur und seinen Reden die „nationale Frage“ zu stellen weiĂź, und zwar nicht erst seit 1998, ist hierzulande offenbar kaum bekannt – und anscheinend auch nicht kritikwĂĽrdig. Ist es denn zu begrĂĽĂźen, wenn Deutschland wieder ein „ganz normales Volk“ wird und seine grauenhafte Vergangenheit abschĂĽttelt? Oder dient der Applaus des Publikums gegenĂĽber Walser und seiner „Unschuldsbehauptung“ dazu, selbst „befreiter“ reden zu können? Dass es fĂĽr Kritik an Israels Besatzungspolitik keinen Walser braucht, beweist nicht nur die israelische Tageszeitung Ha’aretz täglich.
Und wer noch ein aktuelles Beispiel fĂĽr Walsers revanchistische Wortspielereien möchte, dem sei erzählt, dass „der deutsche Schriftsteller der Nachkriegszeit“ im Kapuzinertheater jeden befehlausfĂĽhrenden Soldaten an der Front von Schuld freisprach. SchlieĂźlich hätte dieser Mensch „daheim nie getötet“. Diese Ungeheuerlichkeit zu Ende gedacht, mĂĽsste dies dann auch fĂĽr alle anderen Vollstrecker des Holocaust gelten. Aber darĂĽber schreibt man eben nicht.

