WIRTSCHAFTSFLAUTE: Pi mal Daumen

Mit der Liberalisierung und Ausweitung des europäischen Marktes sollte auch eine möglichst objektive Beobachtung der wirtschaftlichen Entwicklung einhergehen. Doch noch wird eher orakelt, als dass verlässliche Zahlen auf den Tisch kämen.

Die Statec-Verantwortlichen waren um Imagepflege bemüht, als sie am Mittwoch die jüngsten Wirtschaftsdaten verkündeten. Seitdem bekannt wurde, dass das geschätzte Wirtschaftswachstum für 2001 von 3,5 auf nur ein Prozent zurückinterpretiert werden muss, waren Zweifel an der fachlichen Kompetenz des hiesigen Wirtschaftsinstituts laut geworden. Der Dienstherr, Robert Weides, gestand auch Fehler ein, allerdings sah er sie ausschließlich im Bereich der Kommunikation: Statt die nackten Zahlen bekannt zu geben, hätte der Statec wohl besser getan, diesen scheinbar plötzlichen Sinneswandel zu erläutern.

Tatsächlich verhält es sich so, dass auch andere statistische Ämter in Europa ihre Zahlen für 2001 nach unten revidieren mussten. Und die Grundtendenz, dass 2001 gegenüber dem Boomjahr 2000 – das ein Wachstum um die neun Prozent aufwies – zurückfallen würde, habe ja auch der Statec richtig vorausgesehen.

Das Problem des Statec ist sicherlich, dass aus Schätzungen, Umfragen und eben auch konkreten wirtschaftlichen Ergebnissen aus zurückliegenden Perioden ein einziger Wert ermittelt werden muss, der dann wie ein Fetisch herumgereicht wird und für alle möglichen politischen Entscheidungen herhalten muss. Insbesondere spielt das geschätzte Wachstum des Bruttoinlandsproduktes eine maßgebliche Rolle bei der Festlegung des Landesbudgets und wirkt somit in sämtliche Politikbereiche – bis hin zur Zahl der Kindertagesplätze in Knaphoscheid – hinein.

Aber wie es nun einmal ist, wird bei schlechten Nachrichten zunächst einmal der Überbringer gescholten. Der Premier spricht gar von einer „schwarzen Box“, von der er nicht verstehe, wie sie funktioniere, und der er als Politiker ausgeliefert sei. Die Chamber-Wirtschaftskommission bestellt die Statistiker zum Rapport und will unbedingt wissen, wer denn nun Mist gebaut hat. So werden, je nach politischem Interesse, auch mal Gerüchte in die Welt gesetzt, wonach es die mit Verzögerung gemeldeten Zahlen der (Noch-) Staatsbetriebe Post und Eisenbahn gewesen seien, die den Statec so spät zur Einsicht brachten.

Dass die neue Zahl im September erstellt wurde (also nachdem das Budget für 2003 von Seiten der Regierung abgeschlossen war) hat etwas mit einer europaweit geltenden Spielregel zu tun, wonach die Wirtschaftsentwicklung des zurückliegenden Jahres im April und ein zweites Mal im September nach Brüssel gemeldet werden muss.

Wegen europaeinheitlicher Spielregeln fallen auch einige für Luxemburg spezifische Bereiche bei der Berechnung des Wirtschaftswachstums unter den Tisch: etwa das „klassische“ Bankgeschäft, genauer die Zinsdifferenz zwischen Spareinlagen und Krediten. Die enormen Schwankungen des vor allem auf Fonds- und Börsengeschäfte beschränkten Finanzsektors, wären unter Berücksichtigung des Kreditgeschäfts etwas abgeschwächt worden. Es gibt noch andere vor allem methodologische Gründe die der Statec aufführt, weshalb die Berechnung des Wirtschaftswachstums zwar durchaus regelkonform, aber dennoch immer wieder für Überraschungen gut sein kann.

Zumindest was die Kommunikation angeht hat man jetzt dazugelernt: Die Schätzungen für das dritte Trimester dieses Jahres werden nur noch mit einer „fourchette“ angegeben: Für 2002 wird ein Wachstum zwischen 0,5 und zwei Prozent vorausgesagt, mit der Zusatzinformation, dass das Resultat wohl eher am unteren Rand dieser Bandbreite angesiedelt sein wird. Erst im November, wenn zusätzliche internationale Daten vorliegen, wird der Statec wieder einen einheitlichen Wert anvisieren, den dann hoffentlich niemand mehr bedenkenlos als bare Münze annehmen wird. Hohe Planungssicherheit und eine zunehmend liberalisierte Wirtschaft, wie sie anscheinend von vielen gewünscht wird, sind eben zwei unterschiedliche Paar Schuhe.


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