VIDEOKUNST: „Made in Taiwan“

In vier Videoarbeiten greift Chen Chieh-Jen die soziale und politische Situation Taiwans auf und will so an vermeintlich verdrängte Aspekte seines Landes erinnern.

„Die Gesellschaft Taiwans wurde wiederholt zur Geschichtsvergessenheit gezwungen und hat so die Fähigkeit verloren, sich Gedanken um die Zukunft zu machen (…)“, schreibt Chieh-Jen. Sein Werk begreift der 1960 geborene Video-Künstler als Widerstand gegen dieses Vergessen. Seit den 1980er Jahren thematisieren seine Arbeiten Identität und Geschichte seines Landes, verstehen sich als politische Kunst, mit der er die Strukturen von Macht, „offizieller“ Geschichtsschreibung und „kollektivem“ Gedächtnis einer Gesellschaft hinterfragt. Ausgangspunkt Chieh-Jens ist dabei, dass Taiwan seiner Auffassung nach während der Alleinherrschaft der nationalchinesischen Kuomintang „jegliche Form von Identität verloren“ hat.

Waren es zu Beginn seines Schaffens noch subversive Performances im öffentlichen Raum, die er inszenierte, widmete er sich anschließend der digitalen Bildbearbeitung von Archivfotos. Vor etwa zehn Jahren begann er dann mit einer Reihe von Videoarbeiten.

Einstieg und Mittelpunkt der Ausstellung im Mudam ist ein Ausschnitt aus seinem jüngsten Film „Happiness Building“ (2012). Acht junge Menschen ziehen darin schemenhaft und scheinbar unbeteiligt einen Gepäckkarren. Was Chen Chieh-Jen als Metapher für die zeitgenössische Gesellschaft seines Landes gedeutet wissen möchte, wird so zur bildlichen Klammer seines Gesamtwerks. In den vier Filmen aus den Jahren 2003 bis 2010 geht es um die Folgen der Globalisierung für den Arbeitsmarkt (Factory), um die komplexen Beziehungen, die Taiwan mit den beiden „Empires“ – den USA und der Volksrepublik China – unterhält (Empire’s Border I) oder um den Widerstand der Arbeiter (The Route).

Schikanen und Willkür bei der Vergabe von Visa für die Ausreise in die USA zeigt „Empire’s Border I“. Auf der Grundlage seiner eigenen demütigenden Erfahrung sammelte er zunächst auf seinem Blog „The Illegal Immigrant“ Berichte ähnlicher Erlebnisse. Vor allem junge Frauen meldeten sich, die trotz guter Englischkenntnisse und höherer Bildung abgewiesen wurden. Während US-AmerikanerInnen kein Visum zur Einreise nach Taiwan benötigen, begegnen die USA TaiwanesInnen mit großem Misstrauen. Die auf seinem Blog gesammelten Zeugnisse verwendete Chieh-Jen als Grundlage für seinen Film „Empire’s Border I“. Darin stellen acht junge Frauen ihr Anliegen vor einer realitätsgetreu nachgestellten Einreisehalle mit emotionslosen Gesichtern vor – und werden abgelehnt.

„Factory“ (2003) zeigt die Auswirkungen des sich weltweit liberalisierenden Arbeitsmarktes auf Taiwan. Selbst dort fand in den 1990er Jahren eine Verlagerung handwerklicher Indus-
trien in Länder mit noch geringerem Lohnniveau statt. So wurde die über Jahrzehnte erfolgreich funktionierende Lien Fu-Kleiderfabrik in Taoyuan im Norden Taiwans 1996 geschlossen, ohne dass den Arbeitern Pensionsansprüche oder Abfindungen gezahlt wurden. Als Chieh-Jen in der leerstehenden Fabrik „Factory“ inszenierte, hatten viele Arbeiterinnen bereits seit über sechs Jahren protestiert. Für das Video führten sie vor der geisterhaften Kulisse der leeren Nähfabrik noch einmal die routinierten Handgriffe aus. Der Künstler unterlegt das Video mit Propagandaaufnahmen und schafft so mehrere Zeitebenen.

Das Video „The Route“, das er für die Liverpool Biennale 2006 realisierte, bezieht sich auf den von 1995-1998 über zwei Jahre andauernden Streik der Liverpooler Hafenarbeiter, die nach der Privatisierung englischer Häfen in den Thatcher-Jahren auf willkürliche Entlassungen reagiert hatten. Das dort 1997 von Streikbrechern beladene Containerschiff Neptune Jade wurde wegen der Streiks weder im ursprünglichen Zielhafen Oakland, noch in Vancouver, Yokohama oder Kobe entladen. In der taiwanesischen Hafenstadt Kaohsiung wurde es schließlich mitsamt seiner Fracht versteigert. In seinem Film inszenierte Chieh-Jen einen dreitägigen Streik mit Arbeitern des taiwanesischen Hafens, wo bereits 1997 eine Manifestation gegen die Privatisierungspolitik der Regierung stattgefunden hatte.

Anhand von Einzel- und kollektiven Schicksalen stellt Chieh-Jen so universelle Fragen. Seine Darsteller gehören zu gesellschaftlichen Randgruppen. Es sind Arbeitslose oder politisch Oppositionelle, die er an historischen Originalschauplätzen Szenen nachstellen lässt, um ihre Empfindungen sichtbar zu machen.

Die Bildsprache seiner Videoarbeiten, in denen Grautöne, ruhige Einstellungen und langsame Kamerafahrten überwiegen, ist ästhetisch nicht innovativ. Die Filme veranschaulichen jedoch eindrucksvoll, wie stark (internationale) Konflikte und Widerständigkeit die von außen vielleicht als homogen – zumindest homogener als europäische Gesellschaften – wahrgenommene Gesellschaft Taiwans prägen.

Noch bis zum 19. Januar 2014 im Mudam.


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