SCHULREFORM: Schöne Worte

Autonomie, Mitbestimmung, Schulpartnerschaft … Auf den ersten Blick liest sich die Reform der technischen und klassischen Lyzeen, die das Unterrichtsministerium plant, gut.

Es geht voran, könnte man meinen, wenn man die jüngsten Aktivitäten der Unterrichtsministerin in Sachen Schulreform sieht. Ein wichtiges Gesetz, die Neuorganisation der klassischen und technischen Lyzeen, ist endlich auf den Weg gebracht und liegt nun in der Chamber vor. Wer das „Exposé des motifs“ liest, findet darin so geflügelte Worte wie Autonomie, Teilhabe, Mitbestimmung und Transparenz. Allein die Umsetzung dieser selbst formulierten Ansprüche wirft Fragen auf.

Die Gymnasien sollen auf pädagogischem Gebiet in Zukunft selbstständig sein dürfen. Artikel 4 sieht vor, dass künftig die jeweilige Schulbelegschaft sich eine Schulcharta geben kann. Damit folgt Ministerin Anne Brasseur einem Trend, den es in den meisten europäischen Ländern bereits gibt: Schulen dürfen eigene pädagogische Profile entwickeln und erhalten dazu die dringend benötigte inhaltliche Freiheit. Über die Schulcharta bestimmen die SchulakteurInnen gemeinsam: durch den Conseil d’éducation, in dem LehrerInnen, SchülerInnen, der Direktor und die Eltern sitzen.

Doch was so partnerschaftlich klingt, birgt Tücken. So sind die genauen Modalitäten verschiedener repräsentativer Gremien in der Schule weitgehend unklar. Das „Comité des professeurs“ zum Beispiel hat zwar einen festen Platz in der Schulorganisation, doch im Entwurf fehlen Bestimmungen zur konkreten Ausgestaltung. Was aber nützt dem Lehrpersonal ein Comité, wenn es nicht für eine bestimmte Anzahl von Stunden freigestellt wird, um vorgesehene Aufgaben tatsächlich wahrnehmen zu können? Eine Unsicherheit, die auch auf Eltern- und SchülerInnenkomitee zutrifft. Und wie wird sicher gestellt, dass jene Organe auch regelmäßig, rechtzeitig und umfassend von dem oder der DirektorIn über Geplantes unterrichtet werden? Bei so viel Unklarheit wundert es nicht, wenn der Gesetzentwurf auf Kritik sowohl bei den Lehrergewerkschaften als auch beim Elterndachverband Fapel stößt. Die VertreterInnen der „Comités des professeurs“ der Sekundarschulen des Landes haben sich ebenfalls mit einer gemeinsamen kritischen Resolution an die Öffentlichkeit gewandt, in der sie „authentische Strukturen der Mitbestimmung“ für das Lehrpersonal fordern.

Betrachtet man die Vorgeschichte des geplanten Gesetzes, kommen weitere Zweifel auf, wie ernst es dem Ministerium mit Mitbestimmung und Transparenz tatsächlich ist. Im zweiten Vorentwurf beispielsweise wurde dem Conseil d’éducation lediglich beratende Funktion zugestanden, der Direktor hätte demnach quasi als Alleinherrscher über die Ausrichtung „seiner“ Schule bestimmt. Erst auf Druck der Gewerkschaften und mit Unterstützung der Direktoren wurden die im ersten Vorentwurf noch zugesicherten Entscheidungsrechte auch in die endgültige Fassung übernommen. Oder war es ein ministerieller Schachzug, um nun mit der Endversion des Entwurfes besser punkten zu können, nach dem Motto „Seht her, wir sind doch auf eure Forderungen eingegangen!“? Und um davon abzulenken, dass von den über 40 Vorschlägen, welche die Eltern- und Lehrerorganisationen im Vorfeld eingereicht hatten, bloß eine knappe Handvoll übernommen wurden?

Dasselbe Schicksal ereilte die Vorschläge des Personals vom schulpsychologischen Dienst SPOS. Das hatte vehement – und vergeblich – dagegen protestiert, künftig der Schulleitung unterstellt zu sein. Begründung: befürchtete Konflikte mit dem Berufsgeheimnis, etwa wenn einE DirektorIn detaillierte Informationen über eineN SchülerIn verlangt. Zudem könnten SchülerInnen aus Angst vor der Weitergabe vertraulicher Informationen den Dienst nicht mehr in gleicher Form nutzen. Ein Szenario, das vor dem Hintergrund, dass es offensichtlich DirektorInnen gibt, welche nicht einmal die Notwendigkeit eines SPOS einsehen wollen, zumindest nicht auszuschließen ist.

Statt wichtige Einwände diverser SchulakteurInnen einfach in den Wind zu blasen, hätte das Ministerium ein Exempel für eine neue Mentalität partnerschaftlichen Miteinanders geben können. Dass es eben dies versäumt hat, wirft kein gutes Licht auf den Geist der Reform.


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