IRAK: Der falsche Weg

Auch der überraschend schnelle Sturz Saddam Husseins legitimiert nicht im Nachhinein den Krieg.

Wird ein völkerrechtswidriger Krieg dadurch gerechter, dass er gewonnen wird? Sicherlich nicht, doch hilft die Siegesstimmung, die sich jetzt in den Ländern der Koalition breit macht, so manche Ungereimtheit im Unternehmen „Entwaffnung des Irak“ zu übertünchen.

Genauso wenig ist ein kurzer Krieg gerechter als ein lang andauernder. Natürlich ist jeder Tag, den der Irak-Krieg früher zu Ende geht, ein „guter Tag“, wie sich unser Premier auszudrücken pflegt – egal, ob jemand Kriegsgegner oder -befürworter ist oder war.

Auch ist die Nachricht vom Sturz eines diktatorischen Regimes immer eine gute Nachricht – vorausgesetzt das entstehende Machtvakuum wird nicht irgendwelchen undurchsichtigen Gestalten überlassen, die sich so ungehemmt ihr eigenes Regime zurecht schneidern können.

Der Irak-Krieg wurde vor etwas mehr als drei Wochen entfacht, weil einige Staaten den Entwaffnungsbemühungen der UN keine Chance mehr einräumen wollten. Es hieß, das Regime des Saddam Hussein sei gefährlich und eine direkte Bedrohung für die freie Welt, sozusagen die Speerspitze der Achse des Bösen, die sich in den Attentaten des 11. Septembers geoffenbart hätte.

Gerade der Verlauf des Krieges, die schnelle Eroberung Bagdads und der am Ende relativ geringe Widerstand scheinen zumindest die These der Gefährlichkeit Husseins zu widerlegen. Wo sind die einsatzfähigen Massenvernichtungswaffen? Ist es nicht erstaunlich, dass ein Regime, das derart in seine Schranken verwiesen wird, einfach so von der Bildfläche verschwindet und nicht in einem letzten Akt der Verzweiflung alles zum Einsatz bringt, was es aufzubieten hat?

Wurde die Macht des Diktators einfach maßlos überschätzt? Oder wurde gar bewusst ein Schreckensbild gezeichnet, um die „Koalition der Willigen“ möglichst breit anlegen zu können?

Wie ist es möglich, dass Geheimdienste auf die Minute genau wissen wollen, wo eine bestimmte Person zu speisen gedenkt, während die riesigen Arsenale, wegen derer angeblich gekämpft wurde, unauffindbar bleiben?

Es geht hier nicht darum, das grausige Regime, das sich im Irak etablieren konnte, herunterzuspielen. Doch bleibt die von den vielen Friedensbewegten gestellte Frage offen, ob ein Regime, wie das des Saddam Hussein, ausschließlich durch einen Kriegsangriff mit modernsten Massenvernichtungswaffen beseitigt werden kann.

Auch der Freudentaumel, der jetzt von den Straßen Bagdads direkt in unsere Fernsehstuben herüberflimmert, ist keine Legitimation für einen Waffengang, der völkerrechtswidrig ist. Viele von denen, die jetzt auf den Straßen tanzen, sind sehr jung und kennen nur den Irak des Saddam Hussein. Sie litten auch unter einem Embargo, das bis zuletzt das eigentlich anvisierte Regime eher stärkte als schwächte und wesentlich dazu beitrug, die nachhaltige Verarmung des Landes voranzutreiben. Dass dem Spuk jetzt eine Ende gesetzt wird, ist für alle diese Menschen sicherlich ein einschneidendes Erlebnis. Doch wie sieht die Bilanz jener aus, die direkte Opfer dieses Krieges wurden? Noch gibt es keine verlässlichen Zahlen von Toten und Verletzten, doch wird wohl niemand mehr auf das Märchen des sauberen Krieges hereinfallen.

Und auch das Ausmaß der Zerstörung lebenswichtiger Infrastrukturen wird erst nach und nach bewusst machen, dass dieser Krieg ein sehr ineffizienter Weg war, etwas mehr Gerechtigkeit in diese Welt zu bringen – wenn wir den Initiatoren diesen Willen denn überhaupt abnehmen wollen.

Für den Wiederaufbau des Irak werden nur Bruchteile der Summen zur Verfügung stehen, die innerhalb weniger Wochen und Monate in den Krieg und seine Vorbereitungen investiert wurden. Wenn den Irakis also nicht zugestanden wurde, ihre Befreiung selber in die Hand zu nehmen, so dürfen sie zumindest für die nächsten Jahre und Jahrzehnte einen Großteil der Reparaturkosten übernehmen. Abnehmer für ihr jetzt wieder billiges Öl gibt es ja genug.


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