LIBERALISIERUNG: Der Zug rollt, aber wohin?

von | 25.04.2003

Bahnreformen sind europaweit geplant. Dabei zeigt nicht nur das Beispiel der Deutschen Bahn, wie eine Liberalisierung ins Abseits fĂĽhren kann.

Die Deutsche Bahn AG, das stellte eine Meinungsumfrage vor kurzem fest, ist das meist gehasste Unternehmen in Deutschland. Und das dĂĽrfte nicht ĂĽbertrieben sein. Unzählige Verspätungen, ein undurchsichtiges Preissystem mit Nachteilen ausgerechnet fĂĽr die ehemalige Stammkundschaft der PendlerInnen, der Abbau von Regionalverbindungen fĂĽr den Personal- und fĂĽr den GĂĽterverkehr sowie massiver Stellenabbau haben dem Image der Bahn seit der Privatisierung im Jahr 1994 erheblichen Schaden zugefĂĽgt. „Sieben TodsĂĽnden“ zählte denn auch PDS-Mitglied und Verkehrsexperte Winfried Wolf bei seinem Vortrag im Casino Syndical des FNCTTFEL-Landesverbandes in Bonneweg am vergangenen Mittwoch auf. Und er nannte die Verantwortlichen: Die säßen allesamt im Top-Management der Bahn AG und im deutschen Verkehrsministerium.

FĂĽr eine SĂĽnde kann der Ex-Airbus-Manager und heutige Bahnchef Hartmut Mehdorn direkt nichts, wohl eher die Verkehrsminister frĂĽherer Bundesregierungen, gleichwohl ist sie die strukturelle Bremse in Sachen Bahn: Im Gegensatz zum StraĂźen- und Luftverkehr wird die Schiene systematisch benachteiligt, denn der Schienenverkehr ist die einzige Verkehrsart, bei der die BetreiberInnen im vollem Umfang fĂĽr den Verkehrsweg verantwortlich sind. Das heiĂźt, Wartung, Instandsetzung, Neulegung etc. liegen bei der Bahn, StraĂźen- und Luftverkehr sowie Binnenschifffahrt hingegen mĂĽssen solcherlei Kosten nicht ĂĽbernehmen. Letztere sind dazu noch – anders als die Bahn – von der Mineralölsteuer und auch von der Ă–kosteuer weitgehend befreit. Da die Bahn AG sich zunehmend auf die Hauptstrecken und insbesondere auf lukrative Geschäftsreisende konzentriert, Nebenstrecken aber vernachlässigt, outsourct oder ganz schlieĂźt, wird sie gerade fĂĽr die Masse der FahrerInnen, die PendlerInnen, immer unattraktiver. Und nicht nur das: Durch die massive Stillegung spezieller Industrie-GleisanschlĂĽsse bleibt auch der GĂĽterverkehr auf der Strecke – eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich derzeit in Luxemburg ebenfalls ab.

Die Hauptziele der seit mehr als zehn Jahren laufenden Bahnreform, mehr Produktivität, mehr Kundenfreundlichkeit und besserer Modal Split, wurden damit komplett verfehlt, meint Wolf zu Recht, der zudem eine regelrechte Verschwörung von Ex-Auto- und Luftfahrtmanagern hinter dem Niedergang der Bahn vermutet. Die aber hätte von willigen Verkehrsministern verhindert werden können – der Staat ist Hauptanteilseigner der Bahn AG. Stattdessen darf die Bahn wieder Riesen-Verluste einfahren, rund 8,5 Milliarden Euro allein im Zeitraum 1994 bis 2001, und sie wird im Vergleich mit anderen Verkehrsträgern immer unattraktiver. Ein Schicksal, das sie mit anderen Privatisierungsopfern teilt: dem US-amerikanischen Bahnunternehmen „Amtrak“ etwa oder den „British Rail“, das in den vergangenen Jahren mit gehäuften Unfällen und nie da gewesenen Verspätungen von sich reden macht.

Kein Wunder also, wenn „Privatisierung“ und „Liberalisierung“ auch fĂĽr das luxemburgische Zugpersonal Reizwörter sind und ArbeitnehmervertreterInnen entsprechend argwöhnisch in die Verhandlungen mit der CFL-Direktion gehen. Zu unklar ist bislang, was die CFL wirklich plant, ob nicht auf schlechte Arbeitsbedingungen fĂĽr das Personal weitere Einschnitte im Bahnangebot folgen werden. Schon seit Jahren mahnt der Landesverband beispielsweise die einseitige Ausrichtung des GĂĽtertransports auf den GroĂźkunden Arcelor an, dabei deuten aktuelle Entwicklungen eher auf eine dĂĽstere Zukunft des hiesigen Stahlsektors hin.

Doch ungeachtet aller vorgetragenen Bedenken und warnenden Beispiele – die jĂĽngste Pleite der einst als vorbildlich gepriesenen privatisierten schwedischen Bahn SJ Ende vergangenen Jahres nicht zu vergessen -, der Liberalisierungszug fährt ungebremst mit europäischer UnterstĂĽtzung weiter. Anfang dieses Jahres billigte das EU-Parlament in StraĂźburg das zweite Gesetzespaket zur Liberalisierung der EU-GĂĽterbahnen. Da hilft nur eines: querstellen!

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