Elise Schmits Kurzgeschichtenband „Allgemeine Zweifel am weiteren Verlauf“ versammelt stille, oft melancholische Erzählungen über Einsamkeit, Erinnerung sowie die Schwierigkeit, Verbindungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten.

Für ihr Debüt „Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen“ wurde Elise Schmit 2019 mit dem Servais-Preis ausgezeichnet. (© Véronique Kolber)
Was bleibt, wenn man von jemandem Abschied nehmen muss? Wie geht man mit dieser neuen Leerstelle um, wenn sie doch alles verändert? Welche Bedeutung haben Beziehungen und Erlebnisse, wenn die Einsamkeit mit der Wucht einer kalten Flut über einen hereinbricht? Elise Schmits Kurzgeschichtensammlung „Allgemeine Zweifel am weiteren Verlauf“, erschienen bei Luchterhand, ist eine nachdenkliche, ruhige Auseinandersetzung mit allem, was das Zwischenmenschliche ausmacht: Liebe, Krisen und Spannungen. Indem sie der Frage nachgeht, wie sehr Menschen, die nicht (mehr) da sind, unser Leben bestimmen, wird sie zu einer Kontemplation des Alleinseins und der Zweifel, die unweigerlich zum Leben dazugehören.
In neun Geschichten blicken unterschiedliche Hauptfiguren auf die sie umgebende Welt, ihre Mitmenschen, Beziehungen und Erinnerungen; ihre Perspektive bestimmt das Geschehen. Vieles, was unausgesprochen bleibt, verwebt sich unterschwellig mit dem Erzählten. Ausgangspunkt sind nicht dramatische Szenen – Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen sozusagen –, sondern das Danach: Die Texte wenden sich dem leisen Fortgang des Lebens nach Zäsuren zu. Die Protagonist*innen bewegen sich dementsprechend nach Krisen und Schicksalsschlägen weiter durch Routinen, Landschaften, Gespräche, Bilder und Erinnerungen, während die sie begleitenden Zweifel mehr und mehr Platz für sich beanspruchen.
Schmit interessiert sich für das schleichende Auflösen von Gewissheiten und die Lücken, die nach Trennungen spürbar werden. Auffällig ist dabei die starke Präsenz von Kunst und Kunstvermittlung. Immer wieder werden Kunstwerke beschrieben, Gemälde betrachtet, Filme analysiert; die Figuren schreiben, malen oder träumen. Sie versuchen, sich über Kunst einen Zugang zur Welt zu schaffen oder eine Sprache für das zu finden, was sich sonst nur schwer greifen lässt. Es geht um die Bilder, die wir von anderen Menschen entwerfen, aber auch um die Narrative, mit denen wir uns das Leben verständlich machen möchten.
Ein wiederkehrendes Motiv ist die titellose Geschichte über den „blauen Mandarinenvogel“. Seltsam entrückt, wirkt sie wie ein halluzinatorischer Bericht aus einer nahen, dystopischen Zukunft. Frische Lebensmittel sind rar, Reisen so gut wie unmöglich, Wasser ist ein knappes Gut und die Erde glüht. In einem Bioladen ersteht der*die Erzähler*in eine der seltenen Früchte: eine Mandarine, in der sich jedoch statt Fruchtfleisch ein blauer Mandarinenvogel befindet. Er*sie kümmert sich um das Tier. Ohne viele Erklärungen entsteht so ein befremdliches Szenario inmitten einer beklemmenden Atmosphäre. Der Vogel bleibt ebenso rätselhaft wie vieles andere, etwa der*die Erzähler*in – misstrauisch, isoliert und zurückgezogen – und sein*ihr Schreiben auf knapp gewordenes Papier; seine*ihre Rolle in der modernen Gesellschaft, in der Kreativität von Maschinen übernommen wurde … Gerade diese Auslassungen machen den Reiz dieser Geschichte aus, die wie ein Fiebertraum wirkt.

Elise Schmit: Allgemeine Zweifel am weiteren Verlauf, Stories, Luchterhand Verlag, München 2026, 304 Seiten, 24 Euro
Lange nachwirkende Geschichten
Ebenso beeindruckend ist die längste Erzählung, „Camino“. Im Zentrum stehen die Cousinen Marisol und Camino, die zum Studium von Spanien nach Amsterdam gezogen sind und dort mit der Niederländerin Josien zusammenleben. Die Story springt zwischen der Jetztzeit, in der Camino und Josien als Erwachsene an der belgischen Küste Urlaub machen, und ihrer Studienzeit in der Vergangenheit hin und her. Sie kreist um Freundschaft, Eifersucht, Liebe und Selbstfindung … sowie einen dramatischen Unfall, dessen Folgen bis in die Gegenwart reichen. Immer wieder geht es darum, wie sehr ein Mensch das Leben von anderen prägen, beeinflussen oder bestimmen kann – selbst dann, wenn er abwesend ist. Denn Marisol dominiert Stimmungen, Beziehungen, Erinnerungen und Selbstbilder wie ein Magnetfeld, dem sich die anderen Figuren kaum entziehen können. Es ist eine langsame Erzählung, die alltäglich wirkt, und unter der sich doch ein feinfühlig erzählter, tiefer Schmerz verbirgt.
Auch in der sehr gelungenen, eindringlichen Geschichte „Zweckdienliche Hinweise für die Person mit der Kamera“ geht es um das Spannungsverhältnis von Nähe und Fremdheit, doch nicht nur: Auf zugespitzte Weise erzählt sie von der Kraft und dem Sog des Scheins, der Echtes einebnet. Sie verdeutlicht, wie Filme und Inszenierungen authentische Gefühle und deren Schattenseiten unsichtbar machen können. Die titelgebende Figur begleitet filmend das Leben einer anderen Person, hält ihren Alltag fest, bleibt dabei selbst aber unsichtbar. Es klingt wie Liebe – oder Obsession. Die Geschichte liest sich wie eine düstere Variation auf Influencer*innen-Beziehungen und thematisiert emotionale Abhängigkeit. Orte werden zu Kulissen, Erinnerungen zu inszenierten Bildern, alles jenseits der Kamera wird ausgeklammert, aber dennoch im Gedächtnis der Kameraperson abgespeichert. Die im Mittelpunkt stehende Beziehung nimmt nach und nach bedrohliche Züge an, was die Story geradezu unheimlich macht.
Andere Geschichten sind leiser. In „Einstweilen nicht sonnig“ wird das alltägliche Leben eines Fischers nach mehreren Verlusten beschrieben. In „Saisonende“ schwimmt die Erzählerin im Freibad gegen den anbrechenden Herbst und die Routinen ihres Lebens an. Im Fokus stehen dabei immer wieder die Orte und die materiellen Überreste des Lebens, das sie zeitweilig füllen: verlorene oder kaputte Gegenstände, Spuren eines Sommers oder von Begegnungen. Es stellt sich die Frage, wie Erinnerungen an Räumen haften bleiben. Und was bleibt.
„Allgemeine Zweifel am weiteren Verlauf“ ist so stark, weil die Erzählungen Uneindeutigkeiten zulassen. Oft enden sie offen, manchmal fast abrupt. Sie zeigen, dass klare Antworten oder abgeschlossene Entwicklungen nur selten zu finden sind. Schmit schreibt atmosphärisch dicht, mit viel Feingefühl für die kleinen Details und einem Blick für die feinen Verschiebungen in Beziehungen und Wahrnehmungen. Die Geschichten wirken lange nach, weil sie die Kontraste zwischen Außenwelt und Innenleben ernst nehmen, die unser Leben manchmal stärker prägen als die großen Katastrophen.
Elise Schmit: Allgemeine Zweifel am weiteren Verlauf, Stories, Luchterhand Verlag, München 2026, 304 Seiten, 24 Euro

