Blutspenden: Böses Blut, gutes Plasma

Obwohl es Verbesserungen gegeben hat, werden homo- und bisexuelle Männer bei der Blutspende in Luxemburg immer noch diskriminiert.

Blutspenden rettet Leben. Doch nicht jede*r darf spenden. (Foto: Michelle Gordon/Pixabay)

Blutspender*innen werden händeringend gesucht. Durch die Covid-19-Pandemie ist die Bereitschaft zu spenden zurückgegangen. Bei manchen Personengruppen rufen Spendenaufrufe zwiespältige Gefühle hervor: Eigentlich würde man ja gerne spenden, aber man darf nicht – aus Gründen, die individuell nicht immer leicht nachvollziehbar sind. In Luxemburg hat sich die Situation für Männer, die Sex mit Männern haben, zwar verbessert, Blut dürfen sie dennoch nicht spenden.

Hierzulande ist es um die Rechte von LGBTIQA-Personen recht gut bestellt. Gleichgeschlechtliche Ehen sind erlaubt, trans Menschen können ihren Personenstand und Vornamen relativ unkompliziert ändern und es gibt gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung. Im „Rainbow Europe“-Ranking der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (Ilga) erreichte Luxemburg 2021 zum zweiten Mal den dritten Platz. 72 Prozent der Prüfsteine wurden zur Zufriedenheit der internationalen NGO erfüllt. In einem Bereich gibt es jedoch nach wie vor Verbesserungsbedarf: beim Blutspenden.

Männer, die Sex mit Männern haben, werden seit Beginn der Aidskrise in den 1980er-Jahren in vielen Ländern vom Blutspenden ausgeschlossen. Der Begriff „Männer, die Sex mit Männern haben“ (MSM) verdeutlicht, wie stark der Diskurs von Homofeindlichkeit durchzogen war und ist: Da auch nur ein einziger sexueller Kontakt zwischen zwei Männern zum Ausschluss führte, werden die Begriffe homo- bzw. bisexuell vermieden. Anfangs wurde Aids, ausgelöst durch das HI-Virus, als Krankheit bezeichnet, die ausschließlich homo- oder bisexuelle Männer betrifft. Wie der HI-Virus sich auf den Menschen übertragen hat, ist bislang nicht ganz geklärt – dass die Krankheit ein willkommener Grund war, LGBTIQA-Personen zusätzlich zu diskriminieren, ist jedoch sicher.

Analsex als Risikoverhalten

Bis zum 1. Dezember 2021 haben sich in Luxemburg dieses Jahr 32 Personen mit HIV angesteckt. Letztes Jahr lag die Zahl etwas höher, und damals haben sich etwa jeweils die Hälfte durch gleichgeschlechtlichen und durch heterosexuellen Sex infiziert. Auf die Gesamtbevölkerung geschaut ist die Prävalenz von HIV bei MSM also durchaus höher. Wie hoch ist aber schwer einzuschätzen, da es keine verlässliche Zahlen zum Anteil homo- und bisexueller Männer in der Gesellschaft gibt.

Das höhere Risiko, sich mit HIV zu infizieren, das als Grundlage für das Blutspendeverbot für MSM diente und dient, ist nicht der sexuellen Orientierung geschuldet, sondern einer Praxis: dem Analsex. Bei ungeschütztem Analverkehr mit einer unbehandelten HIV-positiven Person ist das Risiko sich anzustecken größer als bei Vaginalverkehr unter den gleichen Bedingungen. Mit Kondomen oder Einnahme der sogenannten Präexpositionsprophylaxe (PrEP) sinkt das Risiko einer Infektion stark.

Im Fragebogen, den man vor dem Blutspenden ausfüllen muss, wird man nach dem eigenen „Risikoverhalten“ gefragt. Dazu gehört: Als Mann Sex mit einem Mann haben oder als Frau Sex mit einem Mann haben, der Sex mit einem Mann hatte. Neue sexuelle Kontakte innerhalb der letzten vier Monate vor dem Spenden werden ebenfalls als Risiko bewertet, genauso mehr als eine*n Sexualpartner*in.

„Risikoverhalten ist ein Aspekt, wir sehen das Risiko immer global, nicht nur auf das sexuelle Verhalten basiert. Es gibt für jedes Risiko Regeln, die eingehalten werden müssen, und das gilt auch für sexuell übertragbare Infektionen, weil die zum Großteil übers Blut übertragen werden können“, erklärte Andrée Heinricy, Ärztin beim Bluttransfusionszentrum des Luxemburger Roten Kreuzes der woxx im Gespräch. Der Fragebogen werde öfters angepasst, um die Sicherheit der Spender*innen und der Empfänger*innen zu gewährleisten.

Kompromiss Plasmaspenden

Deswegen müssen die Fragen auch öfters beantwortet werden: „Der Fragebogen wird vor jeder Spende ausgefüllt. Wir lassen niemanden für immer zu, sondern die Zulassung zur Blutspende bezieht sich immer auf das Verhalten der Person. Es geht also nicht um die Diskriminierung einer Personengruppe, sondern um eine Analyse des Risikoverhaltens gegenüber dem Blutspenden und der Sicherheit der Produkte, die daraus entstehen. Die sollen Menschen helfen und nicht ihnen Probleme machen“, so Heinricy weiter.

Seit dem 1. Januar 2021 gibt es eine Änderung für MSM in Luxemburg. Waren sie im letzten Jahr sexuell aktiv, dürfen sie zwar kein Blut spenden, dafür aber Blutplasma. Heinricy erklärt diese Vorgehensweise damit, dass Plasma länger haltbar ist und einige Zeit in Quarantäne bleiben kann: „Für die Änderung, die seit Anfang dieses Jahres gilt, haben wir uns auch auf Studien und Erfahrungen aus dem Ausland basiert. Es ist jetzt so, dass Männer, die in den letzten 12 Monaten Sex mit Männern hatten, Plasma spenden können. Blutplasma durchläuft so oder so immer eine längere Prozedur und wird länger verwahrt. Das erlaubt uns, das Plasma in Quarantäne zu halten. Wenn der Spender dann nach vier Monaten zurückkommt, wird wieder ein Test gemacht und das Plasma kann aus der Quarantäne und benutzt werden.“ Liegt der letzte sexuelle Kontakt mit einem Mann länger als ein Jahr zurück, ist jede Art von Spende möglich.

Rosa Lëtzebuerg freute sich im Sommer in einer Pressemitteilung über die Änderung, betonte jedoch, dass immer noch eine Diskriminierung bestehe: „Aus unserer Sicht ist dies noch nicht zufriedenstellend, doch es ist immerhin ein erster Schritt. Immerhin werden homosexuelle Männer nicht mehr kategorisch ausgeschlossen.“

Heinricy betont, dass Plasmaspenden nicht als Blutspenden zweiter Klasse missverstanden werden sollte: „Plasmaspenden ist enorm wichtig, da gibt es in Luxemburg und weltweit einen großen Bedarf. Viele Menschen hängen von den medizinischen Produkten ab, die aus dem Plasma gewonnen werden.“

Foto: Ahmad Ardity/Pixabay

Reicht ein Kondom nicht?

Dennoch bleibt die Frage, wieso homo- und bisexuellen Männern Risikoverhalten unterstellt wird. Oder anders gefragt: Haben alle MSM untereinander Analverkehr? 1994 fand eine britische Studie heraus, dass ein Drittel der schwulen Männer keinen Analsex hätte. Ein Drittel der heterosexuellen Paare hat regelmäßig Analverkehr. Die absolute Zahl der Heteros, die Analsex haben, ist größer als jene aller MSM. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Zwischen 20 und 30 Prozent aller MSM haben überhaupt keinen Analsex. Hinzu kommt, dass es bei der Blutspende nicht interessiert, ob ein Kondom im Einsatz war – und somit quasi unsicheres Sexverhalten unterstellt wird. Der Meinung ist auch Andy Maar von Rosa Lëtzebuerg: „Die größte Diskriminierung ist in unseren Augen, dass zwar nach Risikoverhalten gefragt wird, man aber immer noch implizit von einer homo- und bisexueller Risikogruppe ausgeht. Es kann nicht in Ordnung sein, dass wenn man ehrliche Auskunft über das persönliche Sexualverhalten gibt, man unter Generalverdacht steht, ein potenzieller Überträger von Geschlechtskrankheiten zu sein. Das schreckt weiterhin Menschen ab, Blut zu spenden oder verleitet sie dazu, falsche Angaben zu machen.“ Laut Maar gibt es bei Rosa Lëtzebuerg regelmäßige Anfragen zu den Modalitäten beim Blutspenden.

Neue und wechselnde Sexpart-ner*innen sind aber auch bei allen anderen ein tendenzieller Ausschlussgrund. Wäre es nicht trotzdem sinnvoller, Menschen zu fragen, ob sie ungeschützten Sex hatten? „Etwas wie Sex mit Kondom, was auf individueller Ebene eine gewisse Sicherheit geben kann, ist für uns, global gesehen, keine zusätzliche Sicherheit. Wir können nicht im Detail nachvollziehen, was die sexuelle Praxis genau ist. Ausschlüsse gibt es nicht anhand von Personengruppen, sondern aufgrund von Verhalten, das mit dem Risiko einer Infektion einhergeht“, erklärte Heinricy die Entscheidung des Roten Kreuzes.

In anderen Ländern sind die Regeln übrigens andere: In Ungarn gibt es seit 2020 gar keine Beschränkungen für die Blutspende mehr, in Israel ist dies seit dem 1. Oktober 2021 so, in den Niederlanden können schwule Männer in monogamen Beziehungen ohne Wartezeit spenden. Im Vereinigten Königreich gibt es eine dreimonatige Wartezeit nach Analsex mit einer neuen Person, egal welchem Geschlecht diese angehört. Auch in Deutschland will die neue Koalition darüber nachdenken, die diskriminierenden Regeln zu ändern (Mehr dazu in unserem Artikel auf S.12).

Im Gegensatz zu anderen Ländern werden trans Personen in Luxemburg bei der Blutspende nicht kategorisch ausgeschlossen. Im Fragebogen der Croix-Rouge kann man die Frage nach gynäkologischen Problemen oder einer Schwangerschaft jedoch einfach mit „Ich bin ein Mann“ beantworten – doch auch trans Männer können schwanger werden. Laut Heinricy sei man sich des Problems bewusst und würde daran arbeiten, den Fragebogen dementsprechend zu überdenken.


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