Corona und Klima: Zwei Krisen, zwei Geschwindigkeiten

Wie die Wissenschaft versucht, Einfluss zu nehmen, damit während und nach der Corona-Krise der Klimaschutz wieder vorankommt.

Welche Lokomotive, um die Wirtschaft wieder in Fahrt zu bringen? Diese nicht! (Foto: Wikipedia; François Guerraz; CC BY-SA 2.5)

Der Winter naht – und die Corona-Infektionszahlen steigen bedrohlich. Staaten greifen wieder zum letzten Mittel: Lockdown oder Teil-Lockdown. Dabei gerät fast in Vergessenheit, dass wir neben der Coronakrise eine zweite existenzielle Krise haben: die Klimakrise. Und die meldet sich immer wieder zurück: mit den Waldbränden in Kalifornien, dem dramatischen Rückgang von Eis in der Arktis und der Abschwächung des Golfstroms. Die menschengemachte Erwärmung mitsamt ihren verhängnisvollen Nebeneffekten schreitet weiter voran.

Politische Entschlossenheit bei Corona

Daran ändert auch nichts, dass Corona den globalen Treibhausgas-Ausstoß vorübergehend sinken ließ. Das zeigen die Zahlen des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, die im Oktober in der Fachzeitschrift Nature Communications vorgestellt wurden. Im ersten Halbjahr 2020 gelangte danach 8,8 Prozent weniger CO2 in die Atmosphäre als im Vorjahreszeitraum. Im Monat April, zum Beginn des ersten Lockdowns, waren es sogar 16,9 Prozent weniger. Ein CO2-Knick, verursacht durch das erzwungene Herunterfahren der Wirtschaft: Die Menschen waren weniger mit Auto und Flugzeug unterwegs, Industrien drosselten die Produktion. Leider hat das Kurzzeittief keinerlei Effekt auf die langfristige Temperaturentwicklung des Planeten. Und der Treibhausgas-Ausstoß erreicht ja auch schnell wieder die alten Werte, sobald sich die Beschränkungen lockern.

Fragt sich, welche Ähnlichkeiten es jenseits des CO2-Knicks zwischen den beiden Megakrisen gibt. Die österreichische Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb hält zuerst einmal die Dimensionen der Bedrohung für unterschiedlich. „Die Gesundheitskrise ist ernst, geht aber vorüber. Nicht so die durch die Corona-Maßnahmen ausgelöste Wirtschaftskrise: Sie wird gemessen an Leid und Toten die die Gesundheitskrise übertreffen. Die Klimakrise wiederum ist noch einmal deutlich größer. Und sie wird mit der Zeit immer schlimmer, wenn wir nicht handeln.“ Größere Krise bedeutet aber nicht größere Anstrengungen, sie zu bewältigen. Im Gegenteil: Es ist die Corona-Krise, die die Politik zum sofortigen Handeln bewegt hat, während der globale Klimaschutz nur schleichend vorankommt, wenn überhaupt. „Das lässt sich mit der evolutionär bedingten Eigenschaft des Menschen erklären, bei akuten Bedrohungen viel stärker zu reagieren als bei allmählich sich entwickelnden“, so Kromp-Kolb.

Die Klimakrise erscheint vielen Verantwortlichen immer noch als Problem von morgen oder übermorgen. Kann es die internationale Klimaforschung dennoch schaffen, politische Entscheidungsträger jetzt und trotz Corona zu konsequenterem Klimaschutz zu bewegen? Kromp-Kolb sieht da durchaus Möglichkeiten. Sie gehört zum Wissenschaftsnetzwerk Climate Change Centre Austria (CCCA), das sich als Sprachrohr der österreichischen Klima- und Klimafolgenforschung versteht. Das Netzwerk will wissenschaftliche Grundlagen für „gute Entscheidungen“ in der Klimapolitik liefern.

Zaudern bei der Nachhaltigkeit

Gute Entscheidungen – das bedeutet für Kromp-Kolb nicht nur, von Erdöl, Erdgas und Kohle loszukommen und die fossilen Energien durch erneuerbare zu ersetzen. Es geht um den allumfassenden Übergang hin zu nachhaltigem Wirtschaften. Ein Prozess, den Forscher als Transformation bezeichnen. „Leider können sich die wenigsten Menschen und auch Politiker etwas darunter vorstellen. Daher reicht es nicht, dass die Wissenschaft die Gefahren der Klimakrise aufzeigt. Wir müssen mehr tun, wir müssen positive Zukunftsbilder entwerfen.“

Zum Beispiel dieses Bild: Saisonal, regional, bio und fleischarm zu essen, fördert die Gesundheit spürbar, kommt einem also selbst zugute. Außerdem reduziert man Tierleid, unterstützt die heimischen Landwirte und schützt Boden und Klima. „Solche Bilder zu zeichnen, war klassischerweise die Aufgabe der von gesellschaftlichen Zielen beseelten Politiker, aber die Gegenwart bringt wenige derartige Persönlichkeiten hervor. Die Wissenschaft der Transformation versucht zunehmend, diese Rolle zu übernehmen. Sie versucht, gesellschaftlicher und politischer Motivator zu sein und zu zeigen, dass es durchaus gangbare Wege aus der Klimakrise gibt.“

Am Mangel an wissenschaftlich fundierten Orientierungshilfen kann es nicht liegen, dass der Klimaschutz so sträflich vernachlässigt wird. Kromp-Kolb zählt die Publikationen auf, die allein den österreichischen politischen Entscheidungsträgern zur Verfügung gestellt wurden: Klimasachstandsbericht für Österreich, Analysen der Kosten der Untätigkeit, der Referenz-Nationale Energie- und Klimaplan und zahlreiche Stellungnahmen zu Programmen, Strategien und Gesetzesentwürfen. „Das alles zeigt, dass die Wissenschaft ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zunehmend wahrnimmt. Aber es gehören ja zwei zur Kommunikation. Jetzt müsste die Politik auch die Angst davor verlieren, der Wissenschaft zuzuhören. Gute wissenschaftliche Beratung nimmt nämlich keine Entscheidungen vorweg, sondern beschreibt und bewertet Optionen hinsichtlich ihrer Auswirkungen.“

Entwicklung der weltweiten CO2-Emissionen während der ersten Welle. (Illu: Twitter; @Jones_MattW; CC BY 4.0)

Mehr als nur Elektroautos

Im Zentrum der von der Wissenschaft vorgelegten Optionen: die allgemein als wichtiger Baustein jeder Klimapolitik angesehene CO2-Bepreisung. Sie kann entweder über marktgetriebenen Emissionshandel oder über Steuern erfolgen. Die Höhe der Steuern kann sich entweder an den Kosten des Klimawandels oder den Kosten der Emissionsreduktionsmaßnahmen orientieren. Die Steuereinnahmen können entweder ganz oder teilweise an die Steuerzahler ausgeschüttet, für Klimaschutzmaßnahmen eingesetzt oder ohne Zweckbindung verwendet werden. „Jede dieser Optionen hat andere Vor- und Nachteile. Die Entscheidung zwischen den Optionen ist Sache der Politik, nicht der Wissenschaft.“

Kromp-Kolb sieht noch ein Problem. Darin, dass Forschung zu Transformation die derzeit gängigen Regeln für Forschung und Forschungsförderung sprengt. „Aus den Naturwissenschaften kommt ja die Vorstellung des beobachtenden Forschens. Das ist für das Thema gesellschaftliche Transformation aber nicht geeignet. Um Triebkräfte und Ursachen für gesellschaftliche Prozesse zu erforschen, müssen Forschende mit den Personen und Gruppen, die sie beforschen, in eine intensive Interaktion treten.“ Das bedeute aber, so Kromp-Kolb, dass Forscher den Projektverlauf mitbestimmen, sodass der Finanzierungsantrag nicht den sonst üblichen gesicherten Projektverlauf mit einigermaßen gesicherten Ergebnissen enthalten kann. Die Forscherin bringt es auf den Punkt: „Transformationsforscher kämpfen nicht nur mit dem Gegenstand der Forschung, sondern auch mit dem Forschungssystem selbst, weil das System diesen Einfluss der Forscher auf den Verlauf bisher nicht vorsieht und die Finanzierung dadurch manchmal schwierig ist.“

Mehrere Tausend Forscher weltweit arbeiten im Bereich Transformation. Sie suchen Lösungen, um Energie, Verkehr, Ernährung und Konsum nachhaltiger zu gestalten. Auch Jochen Markard von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften gehört dazu. „Als Wissenschaftler haben wir die Möglichkeit, aber auch die Pflicht, langfristig zu denken“, sagt Markard. „Nehmen wir den Verkehr. Da sind Elektroautos mittlerweile eine ernstzunehmende Alternative, aber wir dürfen nicht beim Auto stehenbleiben. Im Bereich Mobilität sind grundlegende Systemveränderungen nötig, denn viele Städte ersticken schon jetzt am Verkehr – ob da nun Elektroautos fahren oder nicht.“

Wesentlich nachhaltiger sei es, Bahn, Rad, Bus oder Straßenbahn zu fahren, zu Fuß zu gehen – oder Verkehr gleich ganz zu vermeiden. Homeoffice und Videokonferenzen machten das in vielen Branchen möglich. „Bei unserer Arbeit geht es also darum, technologische Innovationen, neue Geschäftsmodelle und politische Alternativen zu entwickeln. Sind diese Alternativen verfügbar, können die politisch Verantwortlichen in Krisensituationen darauf zurückgreifen.“

Foto: Pixabay; ElisaRiva; PD

Rote Säulen für den Kollaps

Wissenschaftler wie Markard rufen dazu auf, Corona-Krise und Klimakrise zu verbinden. Die Hilfsgelder, die das Zusammenbrechen der Wirtschaften verhindern sollen, müssen in nachhaltige Industrien und nachhaltige Geschäftsmodelle fließen. Das ist bisher nicht so. Zwar hat Frankreich zum Beispiel die finanzielle Unterstützung der Air France daran gebunden, dass die Airline künftig nicht mehr mit inländischen Bahnstrecken konkurriert. Doch insgesamt gehen die Corona-Subventionen bisher eher in die falsche Richtung.

Das Consultingunternehmen Vivid Economics versuchte das mit einer Art Index des grünen Investierens in den G20-Staaten zu verdeutlichen. Das „Grünheits“-Diagramm zeigt blaue, nach oben zeigende Säulen, welche die Investitionen in als nachhaltig bewertete Industrien darstellen. Und rote, nach unten zeigende Säulen, welche signalisieren: Hier wurden Milliarden in die verschmutzenden Industrien gepumpt. In die Flugzeugindustrie, die Autoindustrie, Erdöl und so weiter. Bei fast allen G20-Staaten außerhalb Europas sind rote Säulen zu sehen, die weit, weit hinab in den Minusbereich reichen. China, USA, Indonesien, Indien, Mexiko, Argentinien, Saudi-Arabien, Türkei, Russland – sie alle investierten ihre Milliarden hauptsächlich in klimaschädliche Industrien und Geschäftsmodelle.

Das darf nicht so weitergehen, warnt Markard: „Nutzen wir die Coronahilfen jetzt nicht auch intelligent für den Klimaschutz, fehlen uns in den nächsten Jahren die Mittel, auf die Klimakrise zu reagieren. Und das ist eine Krise, die das Ausmaß von Corona noch weit übersteigt.“ Für Markard ist es auch noch nicht zu spät, den Investitionshebel in Richtung mehr Klimaschutz umzulegen. Viele Gelder wurden zwar schon verteilt, mitunter ohne ausreichende Berücksichtigung von Klimazielen. „Aber man muss unterscheiden zwischen Soforthilfen sowie mittel- und längerfristigen Programmen. Mittel- und langfristig haben wir noch Spielraum. Die Corona-Krise lässt sich immer noch als Chance für nachhaltigeres Wirtschaften nutzen.“

Nach Corona?

Kritisch über die gesundheitlichen, sozialen und menschenrechtlichen Aspekte des erneuten Lockdowns zu berichten ist der woxx ein Anliegen. Es hält uns aber nicht davon ab, den Blick über die gesundheitliche Krise hinaus auf die – in gewissem Sinne noch gravierenderen – ökonomischen und ökologischen Krisen zu richten, wie in diesem Beitrag.


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