Das Naturmusée zeigt mit „Lost Ocean“ Luxemburgs Urmeer: Öslinger Strand und Minettsmeer


Im zweiten Obergeschoss des Naturmusée kann man zurzeit durch einen Ozean spazieren. Aber nicht irgendeinen, sondern den, der vor 183 Millionen Jahren Teile Luxemburgs bedeckte und hier seine Spuren hinterließ.

„Minettsdäpp“ aus dem Jura – Ammonitenfossilien aus dem Süden Luxemburgs. (Copyright: MnhnL)

Mit dem Untertitel „Ein Fossilien-Tauchgang in das Meer der Ungeheuer“ wirbt das Nationalmuseum für Naturgeschichte im Grund für seine laufende Ausstellung. Tatsächlich sind die zahlreichen ausgestellten Fossilien alle aus dem heutigen Luxemburg, ihre Fundorte, wie Zolwer oder Niederkerschen sind daneben vermerkt. Luxemburg war im frühen Jura, also vor etwa 183 Millionen Jahren, Teil der Insel London-Brabant und befand sich auf subtropischen Breitengraden. Die Küste verlief in etwa durch das heutige Ösling. Die Ausstellung erläutert, dass dieses schmale Ur-Meer, welches den südlichen Teil unserer heutigen Grenzen bedeckte, besonders spannend für die Erforschung der damaligen Lebewesen ist. Aufgrund des sauerstoffarmen Meeresbodens des nur knapp 100 Meter tiefen Meeres sind abgesunkene Tierkadaver und Pflanzenteile aus dieser Zeit besonders gut erhalten geblieben. So sind sogar seltene Weichteile in diesem sogenannten Posidonienschiefer zu finden.

Der „verlorene Ozean“ mag schon lange nicht mehr existieren, doch die Ausstellung „Lost Ocean“ zeichnet ein detailliertes Bild dieser vergangenen Welt: Tropische Panoramen und präzise Nachbildungen der Lebewesen sind im Raum verteilt und sanftes Meeresrauschen begleitet die Besucher*innen durch den Parcours. Die zahlreichen Texte erklären auf Deutsch, Französisch und Englisch, was sich alles aus den Fossilien ableiten lässt. Zum Beispiel, wie diese Tiere aussahen, was sie aßen und wie sie sich bewegten. Daneben wird die Ausstellung durch einige digitale Komponenten ergänzt. Auf großen Bildschirmen schwimmen computeranimierte Modelle der urzeitlichen Meereslebewesen, große Saurier bis kleine Ammoniten werden hier wieder zum Leben erweckt. Sie zeigen teilweise interaktive Szenen, mit denen die Besucher*innen interagieren können. Große und kleine Fans können zudem in einem kleinen „Pop-up-Labor“ selbst den Pinsel ans Fossil anlegen und einen Blick ins Mikroskop werfen. Die 3D-Modelle kann man sich zudem für zu Hause als App herunterladen.

Ein urzeitliches Meeresreptil namens Melusina

Der Wissenschaftsteil der Ausstellung zeigt, wie dieses Erdzeitalter erforscht wird, wobei besonders die Kooperation des Museums mit Hobby-Fossilsammler*innen betont wird. Sie sind für dieses Feld der Wissenschaft, wie auch für viele andere Zweige der Forschung, eine unverzichtbare Hilfe, die hier gewürdigt wird. Entdeckungen neuer Arten werden für die eifrigen Sammler*innen zudem mit freier Namenswahl belohnt. Nicht nur die eigenen Namen kann man so verewigen, auch Metalbands kommen vor sowie das nationale Fabelwesen Melusina. Ein besonderer Fund eines neuartigen Meeresreptils wurde nach der Alzette-Nixe „Microcleidus melusinae“ getauft.

Die Kreaturen der Urzeiten mögen einem bizarr und fremdartig vorkommen, jedoch gleichen viele noch heute lebenden Verwandten, wie der in der Ausstellung vorgestellte skurrile Vampirtintenfisch. Auch das heutige Meer ist, laut einem Unesco-Bericht von 2019, immer noch zu geschätzten 95 Prozent unerforscht und somit sind vermutlich auch Millionen von Arten nicht klassiert. Die Bezeichnung „das Meer der Ungeheuer“ zeigt wie fabelhaft, mysteriös und unbekannt diese Welt trotz aller Fortschritte der Wissenschaft noch ist. Das gilt sowohl für das Meer der Urzeit als das von heute.

Die Ausstellung thematisiert darüber hinaus Klimaveränderungen während des Jura und vergleicht die organischen Kreisläufe im Meer mit Recycling in einer Kreislaufwirtschaft. Diese thematischen Ergänzungen sind dezente und sinnvolle Verweise, die auch für das Verständnis des heutigen Meeres sensibilisieren, sowie die Herausforderungen, denen diese Ökosysteme in einem menschengemachten Klimawandel unterliegen. Gerade die Schlussfolgerungen, die aus fossilen Funden abgeleitet werden können, ergeben, dass die heutigen rasanten Veränderungen menschengemacht sind, und welche Auswirkungen Ökosysteme verändern. Die Extraktion der in dieser Epoche gebildeten Erdölvorkommen in den Meeren und die damit verbundene Freisetzung von Kohlendioxid markierten das Aufkommen eines neuen Zeitalters, des Anthropozäns. Ein Konzept, das für die Geowissenschaft sicherlich noch sehr neu ist, dessen Einflüsse aber immer deutlicher zutage treten. Diese Lesart zwingt sich beim Besuch der Ausstellung nicht auf, ist aber sicherlich kein Zufall.

Die zusätzlich auf der Museumswebsite angebotene 3D-Tour durch die Ausstellung ermöglicht leider die Erkundung der detailreichen Gesteinsproben nicht. Wer daher neugierig ist, welchem Wesen die größten bekannten Augen gehörten, oder erschnuppern möchte, wie Gesteinsproben riechen, wenn man sie ankratzt, für den*die lohnt sich ein Besuch im naturgeschichtlichen Museum besonders.

Im Musée national d’histoire naturelle 
bis zum 29. Mai 2022.

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