Energiepreise und Klimapolitik: Gas – teuer, aber schlecht?

Die Energiepreise steigen – wie furchtbar! Die Ökos applaudieren – wie bescheuert! Solche simplistischen Interpretationen sind weit entfernt von der komplexen Realität.

Der Gaspreis steigt. Um 300 Prozent gegenüber Jahresbeginn, wie manche Medien berichten. Für Umweltbewusste ein Grund, noch schneller aus den fossilen Energien aussteigen zu wollen, für Skeptiker*innen ein Grund, die Energiewende in Frage zu stellen, die womöglich schuld am Preisanstieg ist. Vorherrschend ist allerdings die Sorge, über den Winter zu kommen, ohne sich zu ruinieren – immerhin heizt hierzulande über ein Drittel der Haushalte mit Erdgas. Und auch die Preise für andere Quellen von Heizenergie wie Öl und Strom steigen. In Luxemburg wie anderswo in Europa werden soziale Unterstützungsmaßnahmen ins Auge gefasst. Doch was hat der Preisanstieg eigentlich zu bedeuten?

Erdgas als relativ CO2-armer aber immer noch fossiler Brennstoff wird in einer künftigen Net-Zero-Energiewirtschaft nur noch eine marginale Rolle spielen. Dass es jetzt teurer wird, kann man als Preissignal verstehen, das einen Ausstieg aus der Gaswirtschaft beschleunigt. Vor Kurzem hat die Regierung angekündigt, bei Neubauten keine Gasanschlüsse mehr zu planen – wer weitgehend ohne Heizung auskommt, muss sich weniger um die Energiepreise sorgen. Auch die umstrittene Stilllegung der Twinerg-Gasturbine in Belval mag angesichts des Preisanstiegs gerechtfertigt erscheinen. Und schließlich trägt das europäische Emissionshandelssystem zur Verteuerung fossiler Energieträger bei – ein Effekt, den die Klimapolitik über 15 Jahre herbeigesehnt hat.

Gute Nachrichten also? Nicht wirklich. Weltweit müssen Regierungen mit Protestbewegungen wie den „Gilets jaunes“ rechnen, in denen soziale Not, populistische Parolen und Systemkritik zusammenfinden. Solche Aufstände gegen das vermeintliche „Diktat des grünen Kapitalismus“ würden ehrgeizige Klimaziele dauerhaft gefährden. Da beruhigt es doch, dass es sich bei den derzeit kursierenden Zahlen zu Preissteigerungen eher um Clickbait als um korrekte Informationen handelt. Der drastische Anstieg an den Energie-Spotmärkten schlägt sich nämlich nur zu einem geringen Teil bei den Endverbraucher*innen nieder; langfristige Verträge, der hohe Anteil an Fixkosten und staatliche Eingriffe wirken als Bremse.

Schuldzuweisungen

Die oft beschworene Rolle von Russland bei der Preisentwicklung ist ambivalent. Einerseits rufen die hohen Gaspreise, ob politisch gesteuert oder technisch bedingt, die potenziell verheerende Abhängigkeit Europas in Erinnerung. Andererseits, wenn es zu einer Einigung zwischen Brüssel und Moskau über die Inbetriebnahme der umstrittenen Nord-Stream-2-Pipeline kommt, dürften auch die Preise wieder fallen. Und schließlich ist besagte Abhängigkeit zeitlich begrenzt, insofern die Erdgasnutzung nur als Brückenlösung beim Ausstieg aus Kohle und Öl gilt.

Erstaunlich ist, dass so verschiedene Akteure wie Wladimir Putin und der „Economist“ die aktuellen Preissteigerungen auf die Energiewende zurückführen wollen. Das Wirtschaftsblatt beklagt vor allem unzureichende Investitionen in Gasinfrastrukturen aufgrund der klimapolitischen Unsicherheiten. Der bemerkenswerteste Widerspruch hierzu kommt ebenfalls aus der Wirtschaftswelt, von der Internationalen Energieagentur (IEA) im Rahmen ihres „Outlook“-Berichts (Details dazu demnächst auf woxx.lu). Die Agentur führt, wie viele Expert*innen, den Preisanstieg vor allem auf den brüsken Post-Covid-Aufschwung zurück – es gebe „keine Verbindung zur energetischen Transition“. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte widmet sich die IEA prioritär einem 1,5-Grad-Szenario und stellt fest, dass hierfür große zusätzliche Anstrengungen notwendig sind – ein Szenario, in dem der Ausbau von Gasinfrastrukturen keinen Platz haben dürfte.


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