Feminismus: Kampf um eine gerechte Gesellschaft

Isabelle Schmoetten ist seit September dieses Jahres sozio-politische Beauftragte des Cid Fraen an Gender. Wir haben mit ihr über den Gender Pay Gap, geschlechtersensiblen Unterricht und das Ministerium für Gleichstellung von Frauen und Männern gesprochen.

Isabelle Schmoetten ist es wichtig, dass Geschlecht und andere Diskriminationskategorien zusammengedacht werden. (Foto: Isabelle Schmoetten)

woxx: In einem Artikel im Tageblatt von letzter Woche wurde behauptet, es gäbe keinen Gender Pay Gap mehr. Im Text wird argumentiert, dass Frauen teilweise sogar mehr verdienen als Männer, wenn man bei der Berechnung statt des Mittelwerts der Gehälter den Median berücksichtigt. Das Cid hat darauf mit Kritik reagiert.


Isabelle Schmoetten: Der Artikel ist derart polemisch geschrieben, dass wir ihn nicht unkommentiert lassen konnten. Schon der Titel „Die Gleichheit der Gehälter ist erreicht“ ist irreführend. Der Autor kritisiert im Text, dass hierzulande bei der Berechnung der Gehälterunterschiede der Median nicht berücksichtigt werde. Das liegt aber einfach daran, dass dieser auf europäischer Ebene nicht benutzt wird und er somit keine Vergleichsmöglichkeit mit anderen Ländern zulässt. Die Verfahren, um den Gender Pay Gap zu erheben, sind recht komplex. Je nachdem, welche Methodik angewendet wird und welche Faktoren mit einbezogen werden, ist das Ergebnis ein anderes. Es ist aber so, dass die EU klar vorgibt, wie der Gender Pay Gap berechnet werden soll. Und demzufolge liegt er hierzulande zurzeit bei 5,5 Prozent. Im Tageblatt-Artikel wird behauptet, dass es, da sich Median und Mittelwert ausgleichen würden, keinen Unterschied mehr zwischen den Gehältern gibt. So einfach ist es aber nicht. Der Median sagt andere Dinge aus als der Mittelwert und ist nur in drei Sektoren bei den Frauen höher als bei den Männern: im Bauwesen, bei Transport und Lagerung und bei Gesundheit und Sozialem. Das bedeutet nicht, dass Frauen gesamtgesellschaftlich besser oder genauso viel verdienen wie Männer. Worüber viel zu wenig geredet wird: Wer arbeitet überhaupt und in welchen Berufssparten? Wer arbeitet in Teilzeit? Wer macht eine Karriereunterbrechung? Das sind die Aspekte, bei denen es immer noch sehr große Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt.

Wie kann der Cid der Verbreitung solcher Halbwahrheiten wie im Tageblatt-Artikel entgegenwirken?


Bei einem solchen Artikel ist es erst einmal wichtig, schnell zu reagieren und Position zu beziehen. Viele Menschen sind sich überhaupt nicht bewusst, dass es Ungleichheitsstrukturen gibt, nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch etwa in Bezug auf den sozioökonomischen Hintergrund, die Nationalität oder eine Behinderung. Viele sehen das nicht, sei es, weil sie dafür nie sensibilisiert wurden, sei es, weil sie derart privilegiert sind, dass sie sich darüber keine Gedanken zu machen brauchen. Sobald es so wirkt, als würden sich Männer und Frauen einander angleichen, kommt oft gleich der Vorwurf, dass nun Männer benachteiligt seien. Dadurch entsteht der Eindruck, dass im Feminismus Männer und Frauen gegeneinander im Wettstreit stehen. Dabei ist das Ziel eine gerechtere Gesellschaft und eine Umverteilung von Privilegien, ganz unabhängig vom Geschlecht. Uns als Cid kommt deshalb die Aufgabe zu, neben punktuellen Richtigstellungen, für alle möglichen Aspekte bezüglich Gender und Feminismus zu sensibilisieren. Dabei ist es uns wichtig, eine gute Balance zu finden zwischen intellektuellen und niederschwelligen Aktivitäten. Ein Ansatz, um über Geschlechterungleichheit zu reden, kann zum Beispiel darin bestehen, bei Alltagserfahrungen mit Sexismus und Belästigung anzusetzen, um dann die Frage aufzuwerfen, was Politik damit zu tun hat. Dann ist man ganz schnell bei der Frage, welche Gesetze diesbezüglich bestehen und woran es eventuell noch fehlt. Viele interessieren sich nicht für das, was um sie herum passiert, fühlen sich ohnmächtig oder sind sich ihrer Verantwortung nicht bewusst. Gerade bei Privilegierten, wovon es in Luxemburg sehr viele gibt, dürfte das eigentlich nicht sein. Das ist eine Verschwendung von Potenzial. Erst wenn ich verstehe, wo die Probleme liegen und wie darauf Einfluss genommen werden kann, kann ich selbst zu einer Veränderung beitragen. In diesem Sinne sehe ich politische Bildung auch als eine unserer Aufgaben.

„Erst wenn ich verstehe, wo die Probleme liegen und wie darauf Einfluss genommen werden kann, kann ich selbst zu einer Veränderung beitragen.“

Da würde sich sicher auch eine Zusammenarbeit mit dem Zentrum fir politesch Bildung anbieten.


Ja, zurzeit arbeiten wir mit dem ZpB auch schon an zwei Projekten. Im Kontext von „100 Jahre Wahlrecht“ und den Europawahlen planen wir mit Voix de jeunes femmes ein Event, das im April stattfinden wird und sich an Menschen zwischen 16 und 26 Jahren richtet. Es geht darum, zu vermitteln, dass Politik das ist, was man daraus macht. Es ist leicht zu sagen, dass wählen nichts bringt und Politiker sowieso nichts tun. Man kann es aber auch als Chance und Privileg sehen, sich selbst einzubringen und die Gesellschaft mitzugestalten. Der erste Teil des Events ist eine Art World Café, bei welchem ein Tisch vom ZpB betreut werden soll, bei dem der Fokus auf den Europawahlen liegt. Der zweite Teil besteht aus einer Vorführung des Films „Suffragette“ von Sarah Gavron. Ein anderes Event, das wir mit dem ZpB organisieren, ist eine Lesung im Juni.

Im Koalitionsvertrag wurde festgehalten, dass Genderthemen in der Schule künftig klassenübergreifend behandelt werden sollen. Was sagen Sie dazu?


Wir sind froh, dass das so im Koalitionsabkommen steht. Das ist eine gute Diskussionsgrundlage. Damit das aber auch wirklich so umgesetzt wird, müsste das gesamte Schulmaterial auf sexistische, rassistische, homophobe und klassistische Inhalte hin überprüft werden. Das müsste dann erst einmal entsprechend umgeändert werden. Das heißt nicht, dass nun kein Mädchen mehr dargestellt werden darf, das sich gerne als Prinzessin verkleidet. Es geht einfach nur darum, eine größere Vielfalt darzustellen und im Material die gesellschaftliche Realität widerzuspiegeln. Dann braucht es aber auch sensibilisierte Lehrkräfte, die diese Ungleichheitskategorien als solche erkennen. Ohne entsprechend geschulte Lehrkräfte nützt auch das beste Schulmaterial nichts. Egal ob Geschichte, Geografie oder Mathe – in jedem Fach ist es möglich, den Unterricht auf gendersensible Weise zu gestalten. Bei literarischen Werken kommt es wesentlich darauf an, wie diese behandelt werden und welche Verbindung zu heute hergestellt wird.

„Egal ob Geschichte, Geografie oder Mathe – in jedem Fach ist es möglich, den Unterricht auf gendersensible Weise zu gestalten.“

Welche Aktionen und Events plant das Cid für das kommende Jahr?


Im Frühjahr soll Expertisa.lu freigeschaltet werden, eine Internetseite, auf der ein Register luxemburgischer Expertinnen vorzufinden sein wird. Das kann hilfreich sein, wenn man zum Beispiel nach weiblichen Gästen für Podiumsdiskussionen, Interviews, Konferenzen oder dergleichen sucht. Es ist geplant, dass zweimal im Jahr ein Treffen stattfindet. Einmal mit dem Ziel der Vernetzung der Expertinnen. Es gibt bereits viele Männernetzwerke, in denen man sich gegenseitig unterstützt. Expertisa soll helfen, diese auch unter Frauen herzustellen und eine solidarische Zusammenarbeit zu fördern. Beim zweiten Treffen geht es um Kompetenzentwicklung: Wie trage ich etwas vor? Wie trete ich auf? Wie gebe ich ein Interview? Es ist angedacht, mit dem Ministerium für Gleichstellung von Frauen und Männern zusammenzuarbeiten. Das wäre dann wieder ein intellektuelles Projekt. Im Moment beschränkt sich Expertisa nämlich auf gut ausgebildete Frauen. Bei einem weiteren Projekt, das zurzeit in Planung ist, geht es um strukturelle Gewalt. Es gibt zwar in Luxemburg recht viele Organisationen, die zum Thema Gewalt arbeiten, der strukturelle Aspekt geht dabei aber etwas unter. Wir arbeiten zurzeit mit den Organisatorinnen der „Orange Week“ daran, das Ganze nächstes Jahr etwas anders zu gestalten. Dann, ab Januar, startet der „Feminist Tea for Free“. Jeden ersten Donnerstag im Monat wird die Bibliothek länger geöffnet haben und wir laden jeden und jede ein, dort feministische Bücher, Lieder, Comics und andere Medien vorzustellen. Man kann aber auch nur vorbeikommen, um zuzuhören.

Weil Sie es gerade erwähnt haben: Wie ist denn ihre Meinung zur Änderung des Namens „Ministerium für Chancengleichheit“ in „Ministerium für Gleichstellung von Frauen und Männern“?


Der Name sagt aus, dass es keine Gleichheit zwischen den Geschlechtern gibt. Das finde ich gut. Das Chancengleichheitsministerium hat in der letzten Legislaturperiode die strukturelle Dimension von Geschlechterdiskriminierung viel zu wenig mitbedacht. Es wurde nicht ausreichend berücksichtigt, dass das System immer noch so angelegt ist, dass Frauen im Vergleich zu Männern benachteiligt sind. In unserer Gesellschaft sind weiße, gut ausgebildete Männer über 35 am privilegiertesten. Das erkennt man daran, wer in der Justiz, in der Wirtschaft und in der Politik das Sagen hat. Deshalb finde ich den Namen auf jeden Fall besser als den davor, auch wenn ich mir eigentlich einen anderen gewünscht hätte, wie zum Beispiel „Ministerium für Feminismus und soziale Gerechtigkeit“. Die Idee dahinter wäre, einen intersektionellen Ansatz zu verfolgen und auch andere marginalisierte Geschlechter und sexuelle Minoritäten miteinzubeziehen. Im Moment werden Fragen rund um LGBT vom Familienministerium behandelt, was in Ordnung ist, wenn die Ministerien übergreifend arbeiten. Es ist einfach nicht möglich, Geschlechtergerechtigkeit unabhängig von LGBT-Aspekten zu behandeln. Ich bin gespannt, wie Ministerin Taina Bofferding diese Herausforderung in Angriff nehmen wird.


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