Fernsehserie: Böse sind immer die anderen

Mit ihrem Fokus auf toxische Männlichkeit und moderne Technologien greift die Fernsehserie „You“ sehr aktuelle Debatten auf. Statt ein klares Urteil zu sprechen, lässt sie jedoch zu viel Interpretationsspielraum.

„You“ regt uns dazu 
an, uns ein Happy End 
für Joe und Beck zu wünschen. (© melty)

Ein sensibler Buchladen-Besitzer namens Joe Goldberg (Penn Badgley) lernt eine angehende Schriftstellerin namens Guinevere Beck (Elizabeth Lail) kennen und fühlt sich umgehend zu ihr hingezogen. In der Absicht, sie besser kennenzulernen, beginnt er sie und ihr Umfeld zu stalken, sowohl off- als auch online. Die Prämisse der Serie „You“, die seit Dezember auf Netflix geschaut werden kann, ist eher ungewöhnlich. Wurde schon jemals in einer (zumindest teilweise) als Rom-Com angelegten Serie ein Protagonist ohne Umschweife als Stalker eingeführt? Und hatten wir jemals einen derart direkten Einblick in die Gedankenwelt eines Stalkers?

Immer wieder werden in Filmen und Serien Romantik und Stalking miteinander gepaart. In „Say Anything“ stellt sich Lloyd mit einem Gettoblaster unters Fenster seiner Ex, in „Buffy the Vampire Slayer“ bricht Spike in Buffys Wohnung ein, um an ihren Pullis zu riechen, in „American Beauty“ filmt Ricky seine Nachbarin mehrmals ohne ihr Einverständnis, in „The Notebook“ schickt Noah seiner Ex ein Jahr lang jeden Tag einen Brief. Obwohl diese Männer unerlaubt in die Privatsphäre von Frauen eindringen und deren Grenzziehungen missachten, werden ihre Gesten entweder gleich positiv aufgenommen oder sie führen langfristig zu einem Happy End. Die Botschaft, die dadurch vermittelt wird: Es lohnt sich, beharrlich zu sein und der Frau seines Herzens mit „romantischen“ Gesten aufzulauern, auch nachdem sie einen zurückgewiesen hat.

Die Macher*innen von „You“ spielen bewusst mit diesen filmischen Konventionen. Damit, dass wir daran gewöhnt sind, eine solches Stalking auf dem Bildschirm als romantisch und erstrebenswert zu erleben. Die Serie stellt nicht nur unsere Erwartungen auf den Kopf, sondern zeigt zudem auf, dass harmlos anmutende Sichtweisen in einem direkten Verhältnis mit sehr viel problematischeren Taten stehen.

Gefährliche Ansichten

„You’re not here to be ogled, but those bracelets, they jingle. You like a little attention. Okay, I bite.“ Diesen Entschluss fasst Joe nur wenige Sekunden, nachdem er Beck (wie sie gerne genannt werden will) zum ersten Mal gesehen hat. Für ihn stellen ihre klimpernden Armreifen einen eindeutigen Code dar: Ich mag Aufmerksamkeit. Einige Augenblicke später gehen Joes Gedanken noch weiter: „Are you not wearing a bra? And you want me to notice. If this was a movie I’d grab you and we’d go at it right in the stacks“.

Damit spielt die Szene auf die gängige Praxis an, Frauen Intentionen zu unterstellen, die sie meist gar nicht haben. Wie Studien belegen, gehen viele Männer davon aus, dass Frauen mit freundlichem und geselligem Auftreten sowie einem sexualisierten Outfit ausdrücken, dass sie an Sex interessiert sind und ihr Gegenüber verführen wollen. Die israelische Forscherin Avigail Moore erklärt dieses Verhalten folgendermaßen: Männer, die durch das Aussehen einer Frau erregt werden, übertragen diese Reaktion auf das Objekt ihrer Begierde und schließen daraus, dass die eigene Erregung das Ziel der Frau gewesen sein muss. Gleichzeitig wird die Frau auf ihren Körper und ihre Sexualität reduziert. Was sie anhat, wie sie ihre Haare trägt, wie viel sie lächelt – das alles tut sie nur für den, der sie gerade anstarrt.

Für sich genommen sind Joes Gedankengänge noch relativ harmlos – immerhin sind es nur Gedanken. Dadurch, dass er diesen aber meist Taten wie Einbruch, Verfolgung, Diebstahl und Gewalt folgen lässt, wird deutlich gemacht, welche potenzielle Gefahr von Joes Ansichten ausgeht. Intentionen und Signale zu unterstellen und alles über das Objekt seiner Begierde wissen zu wollen, führt letzten Endes zu genau dem Verhalten, das Joe an den Tag legt.

Joe entspricht nicht dem Bild eines typischen Bösewichts, er ist kein widerwärtiger, frauenhassender Typ. Er ist im Gegenteil die Art von zuvorkommendem, intelligentem und gutaussehendem Mann, von dem nie jemand erwarten würde, dass er tut, was er tut. „You“ ruft uns in Erinnerung, dass Frauen in der Regel durch Männer Gewalt erfahren, die sie kennen: durch einen Freund, Erzieher, (Ex-)Partner, den eigenen Bruder, Onkel oder (Stief-)Vater.

Davon abgesehen würde wohl kaum jemand sich selbst als Stalker bezeichnen. „Jesus, it’s like you’ve never seen a horror movie! Or the news!“, regt Joe sich auf, als er feststellt, dass Beck ihre Fenster nicht mit Vorhängen versehen hat, um Fremde daran zu hindern, ihr zuzusehen, wenn sie spärlich bekleidet in ihrer Wohnung herumläuft. Er denkt dies, während er vor ihrer Wohnung herumlungert und durchs Fenster späht – ohne sich dabei selbst als Bedrohung wahrzunehmen. Zwar ist er sich bewusst, dass grenzüberschreitendes, manipulatives Verhalten nicht in Ordnung ist – allerdings nur, wenn er es bei anderen beobachtet. Denn er ist natürlich ein guter Kerl. Jeder, der etwas Gegenteiliges denkt, liegt in Joes Augen daneben. „I’m not that guy. I’m an understanding, supportive boyfriend.“ Wovor es Beck zu schützen gilt, sind alle außer ihm selbst: ihre Freundinnen, ihr Freund, ja sogar sie selbst.

Joe ist in jedem Moment überzeugt davon, in Becks Interesse zu handeln. „Es gibt nichts, was ich nicht für dich tun würde“, denkt er an einer Stelle. Er nimmt sich offensichtlich als selbstlosen Romantiker war. Nachdem er dafür gesorgt hat, dass Beck und ihr Freund nicht mehr zusammen sind, werden sie und Joe ein Paar. Jede noch so abscheuliche Tat rechtfertigt er damit, dass er Beck damit glücklich machen wollte. Er verbiegt und verstellt sich, um dem zu entsprechen, was sie seiner Meinung nach braucht, und wirft ihr vor, egoistisch zu sein, wenn sie ihm dafür nicht dankbar ist.

© Indiewire

Victim blaming

Der Umstand, dass die Staffel fast ausschließlich aus Joes Perspektive erzählt wird, begünstigt zwar Identifikation und Selbsthinterfragung der Zuschauer*innen, doch lässt uns die Serie viel zu leicht vergessen, wie schrecklich Joes Taten sind. Das liegt zum einen daran, dass die Serie vom Ton her weniger einem Stalker-Thriller als einer romantischen Komödie nahekommt und stellenweise sehr darum bemüht ist, die Beziehung von Joe und Beck zu normalisieren. Wer sich in Momenten inniger Zweisamkeit nicht die Mühe machen will, sich Joes vorangegangenes Treiben in Erinnerung zu rufen, kann sich auch einfach des scheinbaren Glücks der beiden erfreuen.

Zum anderen zieht die Serie Parallelen zwischen Verhaltensweisen, die nicht im geringsten vergleichbar sind. „You“ ist bemüht uns zu zeigen, inwiefern zahlreiche Menschen in Becks Leben in irgendeiner Weise versuchen, Einfluss auf sie zu nehmen, und inwiefern jede einzelne dieser Personen denkt, in Becks Interesse zu handeln. Im Laufe der Staffel zieht die Serie Vergleiche zwischen Stalking, Manipulation, besorgter Anteilnahme und Verliebtheit. Den Zuschauer*innen bleibt es selbst überlassen, die jeweiligen Unterschiede zu erkennen. Nicht nur Joe denkt, dass Beck und ihr soziales Umfeld mit ihrem Verhalten seine Handlungen provozieren – auch die Zuschauer*innen werden dazu angeregt, dies so zu sehen. Das Problematische an „You“ ist nicht, dass Joe so gut wegkommt, sondern dass seine Opfer so negativ dargestellt werden.

Vor allem bei der Darstellung Becks liegt der Hund begraben. Sie wird als eine mysteriöse Frau charakterisiert, die zwar nach außen hin nett und unscheinbar wirkt, jedoch dunkle Geheimnisse vor ihrem Umfeld verbirgt. Mit Joe fragen wir uns bis zuletzt, ob Beck der unzuverlässige, selbstdestruktive Mensch ist, den wir in ihr vermuten. Allein dieser Anschein – unabhängig davon, ob er der Realität entspricht oder nicht – relativiert Joes Verhalten. Egal, was er tut, erinnert uns die Serie daran, dass auch sie alles andere als ein Engel ist. Bei all dem schwingt immer ein wenig der Vorwurf mit, dass sie Mitschuld an Joes Verbrechen trägt. Eine Frau mit häufig wechselnden Sexualpartnern, öffentlichen Social-Media-Accounts und Fenstern ohne Vorhänge macht sich selbst zu einer leichten Beute für sexuelle Aggressoren, scheint die Serie uns vermitteln zu wollen. Dabei ist klar: Beck wird nicht gestalked, weil sie nicht vorsichtig und monogam genug war. Sie wird gestalked, weil jemand sich dazu entschieden hat, sie zu stalken.

„You“ greift zahlreiche, sehr aktuelle und wichtige Diskussionen rund um sexualisierte Gewalt auf. Allen voran die, dass problematische Verhaltens- und Denkweisen in einem Kontinuum stehen. Dadurch, dass Joe als Figur mit zweifelhaftem Charakter gezeichnet wird, sind wir dazu verleitet, Verhaltensweisen und Ansichten als problematisch zu identifizieren, die uns andernfalls nicht gestört hätten. Wir werden zudem dazu angeregt gesellschaftliche Vorstellungen von Romantik und Erotik zu hinterfragen. Allerdings sind manche seiner Handlungen, wie das Googeln anderer Menschen, derart verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert, dass das dazu anregen könnte, auch schlimmere Vergehen Joes zu entschuldigen. Manche Zuschauer*innen könnten sich durch Joe in ihrem Bedürfnis, zu kontrollieren oder kontrolliert zu werden, sogar bestätigt fühlen. Auf Twitter bezeichnen nicht wenige Joes Verhalten in der Serie als romantisch und äußern den Wunsch, einen Partner wie ihn zu haben. „I know #you is about a stalker… however is anyone else thinking just a little bit…i wish my boyfriend was that invested“, schreibt beispielsweise eine Userin. „Also why the fuck can‘t #joegoldberg from #YOU love me?!“ eine andere. Joe ist offensichtlich nicht der einzige, der den Unterschied zwischen Hingabe und Belästigung, Liebe und Besessenheit nicht kennt. Die Vorstellung, dass ein Mann die Frau seines Herzens mit großen Gesten für sich einnehmen muss, ist wohl zu tief im kollektiven Bewusstsein verankert, als dass sie sich mit einer einzigen Serie bekämpfen ließe – vor allem wenn diese sich weigert, klar Position zu beziehen.

Joe ist so angelegt, dass jeder sich aus der Serie herausnehmen kann, was in seine Weltsicht passt. Die einen werden ihn als Versinnbildlichung toxischer Männlichkeit erleben, andere dagegen als hingebungsvollen, treuen Freund. Zu begreifen, dass Joes Verhalten eine Sicht auf Frauen und eine Anspruchshaltung offenbart, die den misogynen Tendenzen in unserer Gesellschaft zugrunde liegt, erfordert einen geschärften Blick, über den wohl nicht alle Zuschauer*innen verfügen. Etwas mehr als ein Jahr nach dem Beginn der MeToo-Bewegung, kommt man nicht umhin, sich ein wenig über die Entscheidung zu wundern, eine Serie aus der Perspektive eines charismatischen Stalkers zu erzählen. Gerade jetzt hätte man sich eine Erzählung gewünscht, die, statt düstere Fantasien unterhaltsam aufzubereiten, den Fokus auf das Unheil gelegt hätte, das sexualisierte Gewalt anrichtet.

Weitere Rezensionen von Fernsehserien finden Sie unter folgendem Link: 
woxx.lu/category/serie


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