Geht Nachhaltigkeit ohne Virus?

Die Menschheit hat sich nachhaltiger verhalten in den vergangenen Monaten, doch aus recht unerfreulichen Gründen. Was sind die Chancen für eine ökologische Wende?

Die erste Hälfte des Omega ist klar erkennbar. (Geplante und realisierte Reduktion der Emissionen, Statec)

Die Konjunkturkurven in Krisenzeiten werden von den Expert*innen nach den Buchstaben benannt, deren Form sie gleichen (siehe woxx 1586: „Was tun?“). Für Optimist*innen gibt es die V-Kurve , für Pessimist*innen die L-Kurve. Auch andere Kurven erinnern an Buchstaben, so die der CO2-Emissionen in der jüngsten „Note de conjoncture“ des Statec. Der jeweilige Rückgang durch die Krisen von 2008 und 2020, gefolgt von einem Wiederanstieg, zeichnet ein kleingeschriebenes griechisches Omega (ω).

Das Coronavirus hat fertiggebracht, woran grüne Politiker*innen gescheitert waren: den heftigen Wiederanstieg der Emissionen seit 2017 zu stoppen. Durch den massiven Rückgang des Energieverbrauchs, insbesondere im Verkehrssektor, dürfte Luxemburg es entgegen den Erwartungen schaffen, sein Emissionsziel für 2020 einzuhalten.

Statec zu CO2-Emissionen

Mehr aber auch nicht, denn schon ab August rechnet der Statec damit, dass sich der Treibstoffverkauf wieder auf einem normalen Niveau einpendelt. Mit dem 2021 oder 2022 zu erwartenden wirtschaftlichen Aufschwung könnten die Emissionen dann ebenfalls, wie ab 2017, wieder kräftig ansteigen. Und so hat der Statec seine Kurzstudie denn auch „Treibhausgase – eine frische Brise, die nicht anhält“ betitelt.

Kein Grund zum Aufgeben – schließlich fußen solche Einschätzungen auf der Extrapolation vergangener Trends. Und diesmal, das hört man von allen Seiten, wird alles anders werden. Im Zentrum der Hoffnung auf einen klimafreundlichen Neuanfang, zumindest in Europa: der Green Deal der EU-Kommission. Statt blindlings Geld zu verteilen, um die Konjunktur wieder anzukurbeln, wie nach 2008, sollen die Hilfsprogramme vorrangig in den Dienst der ökologischen – und der digitalen – Wende gestellt werden.

Auf den ersten Blick sieht das gut aus: 750 Milliarden Euro alleine im Hilfspaket, das zum Teil als Zuschüsse den Mitgliedstaaten zur Verfügung steht. Dabei geht es nicht direkt um den Konsum der Bevölkerung, sondern um Investitionen, die den Rahmen für einen weniger CO2-intensiven Konsum schaffen sollen. Das Problem: Man bräuchte viel mehr Geld, insgesamt etwa das Vierfache, damit die EU die notwendigen Reduktionen bis 2030 schaffen kann.

EU-Hilfspaket: Billionen zu wenig

Das jedenfalls hat die Beraterfirma Climate & Company zusammen mit dem deutschen Think Tank Agora Energiewende ausgerechnet, wie die Online-Zeitschrift Euractiv berichtet. Zwar könnte man mit Umwidmungen im normalen EU-Haushalt bis zu 1,3 Billionen Euro für den Klimaschutz aufbringen – immer noch weniger als die Hälfte des errechneten Finanzierungsbedarfs.

Die Unzulänglichkeiten des Green Deal sind aber nicht nur quantitativer Art. So ist unklar, nach welchen Kriterien Investitionen als „grün“ angesehen werden. Laut EU-Vizepräsident Frans Timmermans soll zum Beispiel in die Nutzung von Erdgas investiert werden – die erzeugt zwar CO2, aber weniger als Kohle. „Do no harm“, „Verursache keinen Schaden“, das Prinzip mit dem die EU-Kommission einen fehlgeleiteten Aufschwung vermeiden will, könnte sich als ungenügend erweisen. „Do no harm ist bei Weitem nicht dasselbe wie do the right thing“, zitiert Euractiv Matthias Buck von Agora Energiewende. Es reiche nicht, wenn die Investitionen nur kompatibel mit den Klimazielen seien, sondern sie müssten zu ihrer Erreichung beitragen. Von diesem Prinzip sind die jetzigen Kommissionspläne leider noch billionenweit entfernt.

Mit anderen Worten: Die Auswirkungen der Covid-19-Krise entsprechen dem, was die Institutionen klimapolitisch eigentlich leisten müssten. Gewiss, alle zwei Jahre eine Pandemie würde die Menschheit vor dem Klimawandel bewahren, doch vielleicht gibt es noch andere Wege und Mittel.


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