Im Kino: Streams

Der tunesische Regisseur Mehdi Hmili entführt in „Streams“ nach Tunis, wo in seiner Erzählung rohe Gewalt gegen queere Prostituierte und Frauen herrscht. Ein Film über bedingungslose Mutterliebe zwischen Blutbädern.

In „Streams“, einer tunesischen, französischen und luxemburgischen Koproduktion von Mehdi Hmili, erfahren Amel (links) und ihr Sohn Moumen (rechts) sexualisierte Gewalt. (Copyright: Streams Film)

Eine Mutter schrubbt ihrem Sohn in der Dusche den Rücken, seine Haut ist makellos. Der Sohn heißt Moumen und an seinem Rücken lässt sich die Geschichte ablesen, die der Regisseur Mehdi Hmili in „Streams“ erzählen möchte. Am Ende des Films ist seine Haut mit Hämatomen und Blutkrusten übersät, die liebevolle Geste der Mutter Amel nur noch eine ferne Erinnerung. Moumens geschundener Rücken steht für den Bruch ihres gemeinsamen Alltags, für die Gewalt, die beide erfahren.

Amel wird kurz nach der Szene im Bad von einem Geschäftspartner ihres Vorgesetzten sexuell belästigt. Eine Polizeistreife entdeckt die beiden und nimmt sie mit aufs Revier. Dort muss sich Amel, die sich von dem Abendessen mit dem Mann Vorteile für die angestrebte Fußballkarriere ihres Sohnes erhoffte, wegen Ehebruch und Prostitution verantworten – der Geschäftspartner streitet nämlich jede Schuld ab und entkommt einem Prozess. Amel hingegen wird inhaftiert, wogegen sie sich im wahrsten Sinne mit Händen und Füßen wehrt. Für Moumen bricht eine Welt zusammen. Er prügelt einen gehässigen Mannschaftskollegen krankenhausreif, rutscht innerhalb weniger Monate in die Drogenszene ab, prostituiert sich und wird von Freiern missbraucht.

Schon auf dem Polizeirevier macht Hmili klar, dass er über Gewalt gegen marginalisierte Personen sprechen will, und das mithilfe einer bedrückenden Bildsprache: Ein Zuhälter schlägt einen queeren Prostituierten tot, weil der sich über Vergewaltigungen seitens der Kunden beklagt hat; es fliegen zerfetzte Hodensäcke durch leergefegte Straßen; das Heroin fließt durch die Adern; Kotze füllt plätschernd einen Plastikeimer – die Welt, die Hmili inszeniert, ist unbarmherzig. Die Gewalttäter sind Männer, ganz gleich ob es sich bei den Opfern um Frauen oder Männer handelt, und so nickt man zustimmend, wenn eine der weiblichen Figuren nach einem weiteren Vorfall sexualisierter Gewalt klagt: „J’en ai ras le cul des hommes.“

Die Stärke des Films liegt jedoch nicht in den gezeigten Blutbädern, sondern in jenen Momenten, in denen am wenigsten passiert. Eine dieser Szenen ist die, in der Amel aus Sorge um ihren Sohn riskiert, erneut Opfer sexualisierter Gewalt zu werden. Ein Mann will ihr nur gegen sexuelle Gegenleistungen verraten, wo sich ihr Sohn nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis aufhält. Amel steht einen Augenblick still vor dem Wagen des Angreifers. Die innere Zerrissenheit steht ihr ins Gesicht geschrieben.

„Streams“ war für den „Concorso Cineasti del presente“ des Locarno Film Festivals 2021 nominiert, doch hat er eine Auszeichnung verdient? Die Jury des Festivals entschied sich dagegen und das ist auch nachvollziehbar: Leider sind die oben erwähnten stillen Momente rar. Auch die schauspielerischen Leistungen lassen an manchen Stellen zu wünschen übrig und die Gewaltakte wirken teilweise effekthascherisch. Trotz dieser Schwächen ist der Film sehenswert, weil er Abgründe aufzeigt, in denen Menschen oft unverschuldet und schneller versinken, als sie es sich je hätten vorstellen können.

Le Paris, Orion, Scala, Starlight, Sura, Utopia. Alle Uhrzeiten finden Sie hier.

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