Im Kino: Sweat

Mit „Sweat“ zeichnet der schwedische Filmemacher Magnus von Horn das intime Porträt einer einsamen Influencerin. Vor allem die Hauptdarstellerin weiß zu überzeugen.

Die meiste Zeit kommuniziert Sylwia via Social Media mit ihren Fans. Nur bei Workout-Sessions ist sie zum Greifen nah. (Quelle: Lava Films Publicity)

Sylwias (Magdalena Kolesnik) Alltag ist von morgens bis abends durchgetaktet: Workout-Sessions, kalorienarme Mahlzeiten, Fitnessstudio, Termin im Nagelstudio, Sponsorengeschenke auspacken, Fananfragen beantworten. Das meiste davon dokumentiert sie mithilfe ihres Smartphones – muss sie auch, denn Sylwia ist eine sogenannte Fitness-Influencerin.

Es geht dabei um wesentlich mehr als Kraft- und Ausdauertraining. Für ihre Fans ist Sylwia eine Art Lebenscoach. Ihre 600.000 Social-Media-Followers bekommen natürlich nicht alles zu sehen. Doch auch hinter den Kulissen dreht sich in Sylwias Leben alles um den Job, die Grenze zwischen Privatem und Beruflichem ist fließend. Als gute Influencerin weiß Sylwia, dass vor allem Authentizität, oder zumindest der Anschein davon, Klicks einbringt. Nachdem sie ein Video veröffentlicht, in dem sie tränenüberströmt darüber spricht, wie sehr sie unter ihrem Singledasein leidet, meckern plötzlich die Sponsoren.

Im Grunde ist „Sweat“ eine Geschichte über eine erfolgreiche Influencerin, die viel einsamer und unglücklicher ist, als erwartet. Dass der Film trotz dieser eher wenig originellen Prämisse nicht langweilig wird, ist vor allem der polnischen Hauptdarstellerin zu verdanken. Glaubhaft vermittelt sie, dass weit mehr in der energiegeladenen, charismatischen Sylwia vorgeht, als man im ersten Moment meinen könnte. Immer wieder wirkt sie gedankenverloren oder den Tränen nahe. Öffentlich zuzugeben, dass es ihr nicht gut geht, ist für sie kein Verrat an ihren Fans. Vielmehr scheint sie davon auszugehen, dass sie diesen und sich selbst diese Ehrlichkeit schuldig ist. Beim Ansehen von „Sweat“ kommt man nicht umhin, an Sportlerinnen wie Simone Biles oder Naomi Osaka zu denken. Wie Sylwia haben auch sie wichtige öffentliche Zeichen gesetzt, indem sie ihre mentale Gesundheit über ihre Karriere stellten.

Bis zuletzt bleibt Sylwia ein wenig mysteriös, dies vor allem, weil sie mit niemandem wirklich offen über ihre Gefühle redet. Wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Leben und die winzigen Risse, die nach und nach in der Fassade entstehen. Den einzigen Hinweis auf Sylwias Vergangenheit erhält das Publikum beim Geburtstag ihrer Mutter (Aleksandra Konieczna). Anfangs wirkt es noch so, als sei diese lediglich von Sylwias Geschenk, einem großen Plasmafernseher, überfordert. Schnell entpuppt sich ihre Abneigung gegen das Geschenk jedoch als Abneigung gegen ihre Tochter, der sie ihren Erfolg nicht zu gönnen scheint.

Mit seinem Film, der 2020 bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere feierte, gibt Regisseur und Drehbuchautor Magnus von Horn keine leichten Antworten. Er ist vor allem nicht nur an Schwarz-Weiß-Malerei interessiert: Sylwia ist mehr als nur eine ehrgeizige Karrierefrau, sie ist mehr als nur die Tochter einer Narzisstin, sie ist vor allem auch mehr als nur einsam und unzufrieden. Von Horn schaut nie auf seine Protagonistin herab. Mit nur wenig Dialog, beeindruckenden Schauspieler*innen und einer wirkungsvollen Inszenierung lässt uns von Horn Anteil nehmen an diesem undurchschaubaren wie auch faszinierenden Menschen.

Im Utopia.

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