Im Kino: The Green Knight

Eine Geschichte über einen von König Artus‘ Rittern, die völlig ohne Kampfszenen und mit nur wenig Dialog auskommt? Das ist die Version von „The Green Knight“, die David Lowery uns mit diesem surrealistischen Fantasy-Film präsentiert.

„The Green Knight“ lässt offen, welche von Gawains Interaktionen real und welche imaginiert sind. (Fotos: © Ascot Elite Entertainment Group)

Man kommt nicht umhin beeindruckt zu sein von dem Mut, den Filmemacher David Lowery mit „The Green Knight“ an den Tag legt. Denn zu entziffern, an welche Zielgruppe sich der 130 Minuten lange Film richten soll, fällt auch nach angestrengtem Nachdenken schwer. Während der Trailer einen actionbepackten Sommerblockbuster erwarten ließ, ist das Endprodukt alles andere als das: Der im Mittelalter spielende Fantasy-Film enthält keine einzige Kampfszene, es gibt wenig Dialog, der Rhythmus ist langsam, keine der Figuren regt zur emotionalen Anteilnahme an, das Ende bleibt offen.

Den Inhalt zu beschreiben ist sehr einfach oder sehr schwer, je nachdem wie sehr man in die Tiefe gehen will. In seinen Grundrissen orientiert sich der Film an der mittelalterlichen Ballade eines unbekannten Autors „Sir Gawain and the Green Knight“: Im Rahmen eines Weihnachtsessens fordert ein mysteriöses Wesen, der Grüne Ritter (Ralph Ineson), die Anwesenden heraus. Wer ihm einen Schlag verpasst, erhält seine Axt. Dafür muss die betreffende Person in Kauf nehmen, dass der Ritter ihr in genau einem Jahr einen ebenbürtigen Schlag verpasst. Gawain (Dev Patel), der Neffe von König Artus (Sean Harris), lässt sich auf das Spiel ein, in der Hoffnung, dadurch seine Ehrenhaftigkeit unter Beweis zu stellen. Ohne lange zu zögern, schlägt er dem Ritter den Kopf ab, dieser hebt sein Haupt jedoch wieder auf und reitet hämisch lachend aus der Stadt. Recht unbekümmert lässt Gawain das Jahr verstreichen, bricht dann aber kurz vor Weihnachten zur Grünen Kapelle auf, wo der Grüne Ritter ihn für seine Enthauptung erwartet. Auf seiner Reise macht Gawain immer wieder Bekanntschaften – mit Menschen, Geistern, Riesen und einem sprechenden Fuchs. Was Zauberei, was Imagination und was Realität ist, lässt der Film offen.

Je nachdem wen man fragt, hat „The Green Knight“ eine ganz konkrete Botschaft. Demzufolge geht es im Film etwa darum, dass Ehre keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer wieder verdient werden muss. In eine ähnliche Richtung gehen Interpretationen, nach denen es im Film um Männlichkeit ginge.

Für andere liegt der Sinn der Handlung gerade darin, dass sie keinen Sinn hat. Laut dieser Interpretation dekonstruiert der Film den klassischen Heldenmythos. Gawain ist kein Auserwählter, er hat keine besonderen Fähigkeiten wie etwa Figuren in Herr der Ringe oder Star Wars. Er stolpert in Situationen hinein, trifft Entscheidungen – meist falsche – hat aber keine Möglichkeit, daraus zu lernen. Gawains Existenz erhält auch keine höhere Bedeutung dadurch, dass er seinen Mut beweist und den allem Anschein nach unbesiegbaren Bösewicht zu bezwingen versucht.

Anders als man angesichts dieser Lesart erwarten könnte, handelt es sich bei „The Green Knight“ weder um eine Komödie noch um eine Satire – humorvolle oder leichte Momente gibt es im Film kaum. Stattdessen pendelt er zwischen Traumästhetik und Gruselatmosphäre hin und her. Mehr als irgendeine Plotwendung sind es wahrscheinlich einzelne Bilder, die sich ins Hirn der Zuschauer*innen einbrennen werden. Die nackten Riesen, die in einem Gebirgstal voranschreiten, Winfreds (Erin Kellyman) Schädel, den Gawain aus einem Teich fischt, und – weniger poetisch – Sperma, das dem Titelhelden in einer Szene an den Fingern klebt. Durch diese Linse betrachtet hat „The Green Knight“ mehr Ähnlichkeit mit den meditativ-hypnotischen Filmen eines Terrence Malick als mit einem Actionstreifen. Tatsächlich hatte Malick sich vor Jahren an einer Verfilmung der mittelalterlichen Ballade interessiert gezeigt.

„The Green Knight“ ist einer der Filme, die man entweder zunehmend besser oder schlechter findet, je länger man über ihn nachdenkt. Wer sich auf die traumartige Atmosphäre und die nicht-lineare Narration einlässt, dürfte mit dem Film auf seine Kosten kommen. Wer sich allerdings auf einen zugänglichen Sommerblockbuster freut, wird wohl eher enttäuscht sein.

Im Kinepolis Kirchberg. Alle Uhrzeiten finden Sie hier.

Bewertung der woxx : XX


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