Im Kino: The Last Duel

Im Historienfilm „The Last Duel“ kommt auch die weibliche Perspektive zum Tragen – leider aber nicht genug, um von einem feministischen Werk sprechen zu können.

Obwohl Marguerites Perspektive mehr hergibt, geht sie im Verhältnis zu den männlichen Figuren unter. (© 20th Century Studios )

Frankreich im 14. Jahrhundert: Eine Frau namens Marguerite (Jodie Comer) erzählt ihrem Ehemann Jean (Matt Damon), dass sie während seiner Abwesenheit vergewaltigt wurde. Noch dazu von Jacques (Adam Driver), einem Freund von Jean. Ihr Mann ist außer sich: Die ganze Normandie soll von dem Verbrechen erfahren. Doch damit nicht genug: Jean fordert Jacques zum Duell heraus. Gott soll entscheiden, wer von den beiden überlebt.

Wie der Titel schon andeutet, steht in „The Last Duel“ ebendieser Ehrenkampf im Zentrum. Er bildet die erste Sequenz des Films, den Ausgang erfahren wir allerdings erst am Ende. Auf dem Spiel steht nicht nur das Leben der Männer: Stirbt Jean, würde dies in der Logik des Gottesurteils so interpretiert, dass der Vergewaltigungsvorwurf nicht stimmt. In dem Falle würde auch Marguerite mit dem Tod bestraft.

Wer angesichts dessen das Gefühl hat, dass Jean und Jacques die Handlung dominieren, liegt nicht falsch. Doch genau das soll der Film hinterfragen. Das Mittel dazu ist seit Akira Kurosawas Film „Rashomon“ (1950) in der Filmkunst etabliert: Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, erst Jeans, dann Jacques‘ und anschließend Marguerites. Um der Herausforderung gerecht zu werden, holten Matt Damon und Ben Affleck eine weitere Drehbuchautorin mit ins Boot, nämlich Nicole Holofcener. Jeder der Teile ist von jeweils einem*einer von ihnen verfasst.

Über zweieinhalb Stunden hinweg tauchen die Zuschauer*innen in diese mittelalterliche Welt ein: die Konventionen, die brutalen Schlachten, die rauen Lebensbedingungen. Jean und Marguerite sind ein gut gestelltes Ehepaar, doch selbst an ihnen werden die damals niedrigen Hygienestandards deutlich. Die ungleiche Stellung von Männern und Frauen beeinflusst den Alltag maßgeblich: Als Jeans Vater stirbt, verliert seine Mutter ihren ganzen Besitz und muss bei ihrem Sohn einziehen, Marguerite muss sich stets nach den Wünschen ihres Ehemannes richten. Und obwohl Jean Marguerites Partei ergreift, so wird doch schnell klar: Er benutzt die Vergewaltigung nur als Vorwand, um sich an Jacques zu rächen und seine Ehre zu retten.

Im Laufe des Films stellt sich zunehmend die Frage, weshalb nicht der gesamte Film aus Marguerites Perspektive erzählt wird. Das nicht nur, weil der letzte Teil der zugänglichste und interessanteste ist: Die beiden ersten Teile tragen nichts Wesentliches zur Erzählung bei und helfen nur bedingt, die beiden Männer besser zu verstehen. Zum Teil sind die Unterschiede zwischen den Perspektiven zudem so subtil, dass unverständlich ist, weshalb manche Szenen – inklusive der Vergewaltigungsszene – gleich mehrmals gezeigt werden. Zur zentralen Konklusion des Films – dass Jacques nicht der einzige Mann ist, unter dem Marguerite leidet – hätten die Zuschauer*innen auch ohne die aufwändigen Perspektivwechsel kommen können.

Die feministische Intention dieses kollaborativen Filmprojekts ist durchaus begrüßenswert. Leider geht sie neben dem Machtkampf der Protagonisten unter. Möglicherweise wäre es zielführender gewesen, wenn Damon, Affleck und Regisseur Ridley Scott auch hinter der Kamera weibliche Perspektiven stärker eingebunden hätten. Einen kleinen Trost gibt es allerdings: Die Schauspielleistungen sind durchweg herausragend.

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