Im Stream: Bo Burnham: Inside

von | 17.06.2021

Vor fünf Jahren musste Bo Burnham Stand-up-Comedy wegen Panikattacken aufgeben. Nun wagt er mit einem Sketch-Musical-Film-Hybrid sein Comeback. Dabei gelingt ihm der Spagat zwischen Parodie und Hommage, Selbst- und Gesellschaftskritik.

In „Inside“ spricht Burnham offen über seine mentale Gesundheit. (Fotos : © Netflix)

„Bo Burnham: Inside“ lässt sich am besten mit einer Wundertüte vergleichen: Nicht nur kombiniert das Netflix-Special Elemente aus Stand-up, Sketch-Comedy, Musical und Doku, auch inhaltlich sind die 90 Minuten wenig vorhersehbar. Hinter dem Projekt steckt der US-amerikanische Künstler Bo Burnham, der sich 2018 mit „Eighth Grade“ erstmals als Filmemacher bewies.

Wie schon vorangegangene Netflix-Specials besteht auch „Inside“ größtenteils aus selbstgeschriebenen Liedern. Nur dass sich Burnham diesmal nicht auf einer Bühne befindet, sondern in einem Raum, in dem er sich selbst filmt. Auch Text, Regie und Schnitt gehen auf seine Kappe. Wer sich in Anbetracht dessen Monotonie erwartet, liegt weit daneben. Statt zu versuchen, einen typischen Auftritt vor Publikum nachzuahmen, hat er das Format „Comedy-Special“ vielmehr weiterentwickelt.

Die meisten von Burnhams Liedern setzen sich mit modernen Kommunikationstechnologien und sozialen Netzwerken auseinander, wobei er seine Mitmenschen genauso auf die Schippe nimmt wie sich selbst. Die Lieder beziehungsweise Sketche über Facetiming, Instagramming, Sexting oder Internetnutzung als Ganzes zeugen aber nicht nur – sowohl ästhetisch als auch inhaltlich – von einer minutiösen Recherche der jeweiligen Praktiken: Mit jedem der Texte gelingt es Burnham, die Absurdität der jeweiligen Aktivitäten einerseits und ihren sozialen Wert andererseits einzufangen. Dabei pendelt er ständig zwischen Würdigung und Kritik hin und her.

Manche der Dinge, die Burnham beschäftigen, sind rein künstlerischer Natur: Ist es in Ordnung, Witze zu machen während einer Pandemie? Wo Inspiration hernehmen, wenn zwischenmenschliche Kontakte ausbleiben? Wo den Mut hernehmen, um ein Kunstwerk für abgeschlossen zu erklären und ein neues Lebenskapitel aufzuschlagen? In solchen Momenten erhält das Special eine besonders persönliche Note. Das kann selbstkritisch-sarkastisch sein, wenn Burnham etwa reflektiert, ob er als weißer Mann nicht lieber den Mund halten sollte, nur um im nächsten Moment „I’m bored“ als Gegenargument einzuwerfen. Das kann aber auch düster werden, wenn der Künstler von seiner fragilen psychischen Gesundheit spricht. Wie er an einer Stelle erklärt, erreichte diese in den ersten Monaten der Pandemie ein „all-time-low“. An einer anderen Stelle bringt er seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck, das Special nicht vor seinem 30. Geburtstag abgeschlossen zu haben. Nicht nur in solchen Momenten, in denen der Herstellungsprozess des Werks selbst thematisiert wird, ist „Inside“ meta, sondern auch dann, wenn Burnham eine seiner eigenen Szenen mittels nachgestelltem Youtube-Reactionvideo oder Twitch-Stream kommentiert. Burnham ist der letzte, dem entgehen würde, wie selbstzentriert die Produktion eines solchen Films im Spezifischen und von Stand-up-Comedy im Allgemeinen im Grunde ist.

Jedes der Lieder geht mit einem spezifischen Setting und Outfit einher. Burnham ist abwechselnd ein Recommandeur, ein notgeiler Typ in Unterwäsche, der Gesprächspartner einer desillusionierten Handpuppe oder ein Instagram-Model. Der Raum seinerseits wird mittels wechselnder Licht- und Soundeffekte, Projektionen und Kameraperspektiven zum Rave, zum Fernsehstudio, zum Schlafzimmer oder zur Videospielszene. Dadurch verleiht Burnham nicht nur jeder Sequenz eine individuelle Note: Er setzt diese Mittel gekonnt für kulturelle Referenzen einerseits und visuelles Storytelling andererseits ein. Als er an einer Stelle in gut gelauntem Ton Gründe aufzählt, nicht Suizid zu begehen, wird die Szene nach einem Schnitt auf seine Brust projiziert. Was anfangs wie ein Pep Talk für andere wirkt, wird so im Handumdrehen einer für ihn selbst.

Unantastbares Highlight des Specials sind die Songs, von denen manche auf Youtube bereits mehrere Millionen Klicks erhielten. Das zeigt: Die Lieder haben auch unabhängig von der Netflix-Produktion Bestand.

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