Kein Eida-Strom mehr: die Fakten

Seit Anfang der Woche liefert die grüne Stromfirma Eida keinen Strom mehr. Warum gerade sie von den steigenden Energiepreisen betroffen ist und was das bedeutet. (UPDATE 4.1.22: Nach dem Strom das Gas!)

Notstromaggregate gibt es in Krankenhäusern und Datenzentren: Sie dienen dazu, bei einem Stromausfall die Weiterversorgung mit Strom zu garantieren. Etwas Ähnliches gibt es auf der Ebene des Stromhandels: Wenn ein Anbieter die Elektrizitätsversorgung nicht mehr sicherstellen kann, dann springt ein „Fournisseur du dernier recours“ (Lieferant der letzten Instanz) ein. In Luxemburg ist das die Firma Enovos – wie die Kund*innen des alternativen Stromanbieters Eida am vergangenen Montag erfuhren. Die Stromlieferung an Eida sei ohne Vorwarnung ausgefallen, wurde ihnen per Mail mitgeteilt, und eine Ersatzlösung sei durch die Marktsituation nicht zu finden gewesen.

Zur Erinnerung: Als die Stromversorgung Anfang der 2000er Jahre liberalisiert wurde, wurde der Mechanismus des „Fournisseur du dernier recours“ vorgesehen. Die damals eingeführten Marktmechanismen brachten das Risiko mit sich, dass Firmen – wie jetzt Eidas Stromlieferant Anode – in Konkurs gehen, und dadurch ihre direkten und indirekten Kund*innen ohne Strom dastehen. Dass bei einer angespannten Marktsituation wie jetzt so etwas passiert, war zu erwarten, und Anode und Eida sind nicht die ersten betroffenen Firmen. Was allerdings auf den ersten Blick unverständlich ist, ist, dass gerade die Lieferung von grünem Strom ausfällt, wo es doch der Strom aus fossilen Quellen ist, der die Preise nach oben treibt.

Kurzschluss am Strommarkt

„Alle normalen Lieferverträge im Strom-Großhandel sind auf den Marktpreis indexiert, der grüne Strom ist einfach Teil des Marktes“, erläutert Paul Kauten, Administrateur-délégué von Eida gegenüber der woxx. Die Idee, dass man grünen Strom vom Windrad bis zur Steckdose separat beziehen könne, entspreche nicht der Realität der Elektrizitätswirtschaft. „Das kann man bedauern, aber wir haben diese Situation in allen liberalisierten Wirtschaftsbereichen“, so Kauten. Das, was jetzt am Strommarkt passiere, zeige aber, dass dieser Markt nicht mehr korrekt funktioniere. Der Einfluss der Finanzprodukte, bis hin zu Hedgefonds, sei in einer solchen Situation problematisch. Die Schwierigkeiten bei Anode und die Einstellung der Lieferungen hätten Eida unerwartet getroffen – „wie ein Tornado“ sagt Kauten.

Paradox ist auch, dass die als Öko-Musterschülerin gegründete Firma Eida jetzt nur noch die Gaslieferungen aufrechterhält, wo doch gerade Erdgas als Energieträger umstritten ist. Kauten weist darauf hin, dass Eida bemüht war, Alternativen zu Gasheizungen zu fördern, insbesondere Wärmepumpen. Aber jetzt müsse man natürlich die Lieferverträge einhalten. Die Firma Eida sei ja noch nicht in Konkurs gegangen und habe auch noch keine Liquiditätsprobleme; verschwisterte Strukturen wie der Energipark Réiden oder die Energiekooperative Energy Revolt seien von der Krise ebenfalls nicht betroffen. (UPDATE 4.1.22: Nach dem Strom das Gas!)

Liberalisierung als Sackgasse

Beim Strompreis werden die Eida-Kund*innen allerdings das Nachsehen haben: die Tarife für die „Notversorgung“ durch Enovos liegen über den Standardtarifen und weit über denen der meisten Eida-Verträge. Die „Notversorgung“ gilt bis Juni 2022, allerdings ist es kostengünstiger für die Kund*innen, möglichst schnell auf einen Standardvertrag mit Enovos oder einem anderen Anbieter auszuweichen (die Online-App des Institut luxembourgeois de régulation Calculix erleichtert den Vergleich).

Die woxx stand von Anfang an dem Prinzip der Liberalisierung skeptisch gegenüber, wie sie auch die Praxis der grünen Zertifikate, durch die Stromproduktion und Stromlieferung völlig entkoppelt wurden, hinterfragte. Kautens Bilanz der Liberalisierung fällt durchwachsen aus: „Es gibt positive und negative Effekte. Ohne den freien Markt wäre es für neue Akteure schwierig gewesen, Windparks zu errichten, nicht wissend, wem man den Windstrom verkauft.“ Die Regeln, nach denen dieser Markt funktioniert, könne man als kleiner Akteur nicht hinterfragen. Die einzige Möglichkeit, ein Parallelsystem für grünen Strom zu schaffen, sieht Kauten in der maximalen Eigenversorgung. „Wir haben an solchen Modellen gearbeitet, bei denen die Eigenproduktion und die Speichersysteme Abhängigkeit vom großen Markt reduzieren. Er verweist auf das neue Energiegesetz, das einen Rahmen für solche Energiegemeinschaften schafft.

In der von ihm unterzeichneten Mail dankt Kauten den Kund*innen dafür, das Projekt unterstützt und „die Energietransition ein bescheidenes Stück voran“ gebracht zu haben. Doch von Anfang an waren die Möglichkeiten, „Wandel durch Handel“ zu erreichen, begrenzt. Woran die seinerzeit von Partei- und Bewegungsgrünen gefeierte Macht der Konsument*innen scheiterte und was daraus zu lernen ist, darum geht es im Kommentar Niedergang von Eida: Konsi-Macht, Marktmacht.

 


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