Klimastreik und COP26: Alles wird gut?

Kleine Schritte bei der UN-Generalversammlung, kleine Schritte bei der internationalen Klimakonferenz – das wird nicht reichen. Im Kampf gegen den Klimawandel geht’s nicht ohne die globale Zivilgesellschaft.

Foto: pixabay; Tom und Nicki Löschner

Doppelt so viel finanzielle Unterstützung für die Entwicklungsländer, mit dieser Ankündigung hat US-Präsident Joe Biden am Dienstag vor der UNO-Generalversammlung aufgetrumpft. Am gleichen Tag versprach sein geopolitischer Rivale, Präsident Xi Jinping, China werde keine kohlebefeuerten Industrieprojekte mehr im Ausland finanzieren. Und schließlich veröffentlichte am Mittwoch der luxemburgische Bildungsminister Claude Meisch ein Dispensformular, mit dem Schüler*innen am heutigen Klima- streik teilnehmen können, ohne unentschuldigte Fehlstunden anzusammeln. Alles wird gut.

Fünf Wochen vor der zweimal verschobenen und dringend erwarteten Klimakonferenz COP26 scheint sich die Welt auf eine Überwindung der wichtigsten Hindernisse in Sachen Klimaschutz zuzubewegen. Um die Unterstützung der Entwicklungsländer bei der Umsetzung des Pariser Abkommens zu gewinnen, sind konkrete Zusagen, wie die der Vereinigten Staaten, für Nord-Süd-Finanztransfers nötig. Außerdem muss die Abkehr von fossilen Energien schneller vorangehen, wozu die chinesische Erklärung in Sachen Kohle entscheidend beiträgt. Grund zum Meckern hätte also nur noch der ADR-Abgeordnete Fred Keup, der in einer Question parlementaire suggeriert, die Schulpflicht sei wichtiger als der Einsatz für Klimaschutz.

Doch leider ist der Durchbruch im Vorfeld der COP26 nur Schall und Rauch. Die Ankündigungen der beiden Großmächte greifen zu kurz und stellen höchstens kleine Lichtblicke in einer sich verdüsternden Weltlage dar. Am Dienstag sprach auch der UN-Generalsekretär António Guterres vor der Generalversammlung und las den Mächtigen die Leviten: Im Angesicht der planetaren Krisen setzten sie auf Konfrontation statt Kooperation, gefährdeten die Grundrechte und versagten bei der gerechten Verteilung der Covid-Impfstoffe. Der schwierige Zugang des globalen Südens zu den Impfstoffen wirkt sich auch auf die in Glasgow stattfindende COP26 aus: Voraussichtlich werden zahlreiche Vertreter*innen aus den vom Klimawandel am meisten betroffenen Regionen im November nicht an der Konferenz teilnehmen können. Die sich auftuende Kluft zwischen dem Süden und der globalen Zivilgesellschaft einerseits und den politisch-ökonomischen Eliten des Nordens andererseits könnte zu einem Scheitern der Verhandlungen führen.

Im Angesicht der planetaren Krisen setzen die Mächtigen der Welt auf Konfrontation statt Kooperation.

Eine Einigung über die Umsetzung des Pariser Abkommens in Form eines Diktats des Nordens bleibt angesichts der Schwäche des globalen Südens möglich. Das hätte den Anschein eines Durchbruchs bei der Bekämpfung des Klimawandels, doch in Wirklichkeit ließe man die letzte Chance dafür verstreichen. Denn eine globale Klimastrategie, die den sozialen Aspekten, insbesondere der Nord-Süd-Gerechtigkeit, kaum Rechnung trägt, führt in eine Sackgasse. Und eine CO2-Reduktionspolitik, die auf Mechanismen wie den Emissionsrechtehandel statt auf einen drastischen Systemwechsel setzt, mag rechnerisch aufgehen, in der Realität scheitert sie an ihren Schlupflöchern und Nebenwirkungen. Ein solcher fauler Kompromiss würde zwar 2021 gefeiert, ein böses Erwachen in den 2030er-Jahren wäre aber vorprogrammiert.

Was auch immer bei der COP26 herauskommt, die Zivilgesellschaft, insbesondere die Jugend, wird danach eine entscheidende Rolle spielen, wenn das Ruder doch noch herumgerissen werden soll. Nur sie kann die Kluft zwischen Norden und Süden – und die sich abzeichnende zwischen Osten und Westen – überbrücken. Und nur sie kann die Schönrednerei und die Ausflüchte der Politiker*innen entlarven und drastische Veränderungen einklagen. Der weltweite Klimastreik von heute ist nur ein Anfang. Fred Keup wird sich noch lange aufregen und die Luxemburger Schüler*innen werden noch viele Dispensformulare ausfüllen können.

ERRATA: Der UN-Generalsekretär sprach ebenfalls am Dienstag (berichtigt).


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