Krieg von 1870/71 (2): Vom Defensiv- zum Eroberungskrieg

Der Deutsch-französische Krieg zog sich bis Januar 1871 hin, obwohl Frankreich längst als besiegt galt. Zugleich stand in den letzten Kriegsmonaten Luxemburgs politische Unabhängigkeit auf dem Spiel.

In seiner Darstellung der Stadt Luxemburg von 1870 hielt Nicolas Liez nicht nur die Schleifungsarbeiten an der Festung fest, sondern setzte auch das neue Eisenbahnviadukt in den Mittelpunkt der Szene. Damit griff er zwei zentrale Argumente der Unabhängigkeitsbestrebungen Luxemburgs auf: die neu erworbene Neutralität des Landes und seinen Eintritt in den Bund der europäischen Nationen. Doch am Ende des Krieges von 1870/71 sollte gerade die Eisenbahn zum Symbol der Abhängigkeit des Großherzogtums vom neu entstehenden Deutschen Reich werden. (Quelle: MNHA/Wikipedia)

Spätestens Mitte September 1870 zeichnete sich deutlich ab, dass Frankreich als Verlierer aus dem Deutsch-Französischen Krieg hervorgehen würde. Das „Luxemburger Wort“ schrieb am 27. September, „daß Preußen Elsaß und Lothringen fordert und Frankreich zu einer Macht zweiten Ranges erniedrigen will“. Der Krieg nehme nun „einen ganz andern Charakter an; aus einem Defensivkrieg für Deutschland wird er ein Offensivkrieg, ein Eroberungskrieg, wofür Deutschland resp. Preußen alle Sympathien fehlen werden“. Zwischen den Zeilen war zu lesen, dass auch die katholische Zeitung keine Sympathie für Preußens Vorgehen aufbringen konnte, obwohl das „Wort“ eigentlich deutschfreundlich gesinnt war.

Die Rechnung des preußischen Kanzlers Bismarck, durch diesen Krieg eine Einigung der deutschen Länder in einem neuzuschaffenden Deutschen Reich zu erzielen, ging also auf. Es gelang ihm überdies, mit Elsass-Lothringen ein neues Gebiet hinzuzugewinnen. Bismarck spielte für den Fall eines deutschen Sieges sogar mit dem Gedanken einer Eingliederung Luxemburgs in das künftige Reichsterritorium. Die Tinte unter dem Londoner Vertrag von 1867 war zu diesem Zeitpunkt kaum getrocknet. Darin hatten die Großmächte Großbritannien, Frankreich, Österreich, Italien, Russland und Preußen dem vom niederländischen König geführten Großherzogtum „immerwährende“ Neutralität garantiert. Im Gegenzug war Luxemburg verpflichtet, alles zu unterlassen, was als Unterstützung einer der Kriegsparteien hätte gewertet werden können. Am 17. Juli 1870, zwei Tage bevor Frankreich Preußen den Krieg erklärte, stellte Bismarck klar, die Neutralität Luxemburgs werde von Preußen solange respektiert, wie sie von Frankreich geachtet werde.

Vom Hilfs- zum patriotischen Komitee

Im gleichen Ausmaß wie Preußen seine Stellung im Krieg verbesserte, wuchs in Luxemburg die Beunruhigung: Waren die Spendenfreudigkeit aller Bevölkerungsteile und die humanitären Hilfseinsätze für die Kriegsopfer, die Luxemburgs neuen Status als neutrales Land untermauern sollten, umsonst gewesen? Großzügige Spenden hatten auch Prinz Heinrich, der Statthalter und Bruder von König-Großherzog Wilhelm III. von Oranien, sowie seine Frau, Prinzessin Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach, gewährt. Dies war allerdings auch ein Zeichen dafür, dass die Hilfsaktion nicht frei von politischen Überlegungen war. Und die Dynamik, die in Luxemburg um die Hilfstätigkeit entstanden war, wandelte sich nun: Es ging nicht mehr nur um Neutralität, sondern offen um Unabhängigkeit. Mehr noch: Es ging um eine Luxemburger Nationalität. „L’œuvre du Comité de secours“, so die Einschätzung des Historikers Christian Calmes, „prépara l’action des Comités patriotiques qui donneront la réplique à Bismarck quand le pays se sentira en danger, en décembre 1870.“ Auf preußischer Seite zirkulierte nämlich die Idee einer Annexion Luxemburgs. Einen willkommenen Anlass gab ein in der „Luxemburger Zeitung“ veröffentlichter Leserbrief, in dem sich ein „Echternacher Comité“ für einen Anschluss an Deutschland aussprach. Nun forderten deutsche Blätter offen die Einverleibung des Großherzogtums. Die annexionistischen Bestrebungen Preußens riefen die hauptstädtischen Vereine auf den Plan, die sich am 19. Oktober mit einer öffentlichen Adresse an Prinz Heinrich wandten. Die Anstrengungen zur Wohltätigkeit hätten nicht gereicht, um die Sache des luxemburgischen Vaterlands zu vertreten. „Il faut qu’une voix plus puissante se fasse l’écho de nos vœux les plus chers.“

Bismarck wirbt um die unwillige Melusina. Karikatur in der Satire-Zeitung „D’Wäschfra“.

Die „Wäschfra“ hofft, dass das Prinzenpaar Amalia und Heinrich die Unabhängigkeit des jungen Luxemburgs schützt. Staatsminister Emmanuel Servais (links) und der Vikar und Chefredakteur des „Luxemburger Wort“ Nicolas Breisdorff (rechts) spielen Statisten. (Quelle: E-Luxemburgensia)

Der Zeitpunkt war gut gewählt: Am Tag zuvor trafen Heinrich und Amalia mit dem Zug aus dem Ausland ein. In Ulfflingen machte das Paar Station, der Kantonsabgeordnete und der Pfarrer hielten Ansprachen, Kinder überreichten Blumensträuße, die Zollbeamten schossen Salut. Ähnliches geschah in Clerf, Kautenbach, Ettelbrück und an weiteren Zugstationen der Nordlinie. Die Palme gebührte jedoch der Stadt Luxemburg, so das „Luxemburger Wort“. Am 21. Oktober wurde dort eine „patriotische Kundgebung“ abgehalten: „Eine solche einstimmige Begeisterung haben wir hier noch nicht erlebt, eine solche großartige Ovation erinnern wir uns nicht, in unserer Vaterstadt gesehen zu haben. Während der Stunden, welche II. KK. H.H. in der Stadt weilten, standen die Straßen in einem Lichtmeer: Häuser, die noch nie illuminirt waren, waren es dieses Mal. Aller sonstiger Hader war vergessen. Alle Gesinnungen waren nur in dem einzigen Gedanken vereinigt, es möge der Beweis gegeben werden, wie die Bewohner der Stadt ihr Land und ihre Fürsten zu lieben wissen.“ Vom Turnverein über den Leseclub und den Archäologieverein bis hin zu diversen Musikgesellschaften und Gesangchören marschierten alle in einem Demonstrationszug, der sich von der heutigen Avenue Émile Reuter bis zum großherzoglichen Palast und zurück zum Knuedler bewegte. Man spielte die „Hémecht“ und den „Feierwon“.

„Goldene Mittelmäßigkeit“

Die Begeisterung für den königlichen Besuch war umso beachtlicher, als König-Großherzog Wilhelm III., unterstützt von seinem Bruder Heinrich, nur ein Jahrzehnt zuvor die Luxemburger Verfassung von 1848 durch einen „Putsch von oben“ beschnitten hatte, auch wenn dann 1868 wieder eine liberalere Verfassung eingesetzt worden war. Und noch 1867 war er aus Geldnot bereit gewesen, Luxemburg für einen guten Preis an Frankreich zu verkaufen. Dass sogar der linksliberale „Volksfreund“ sich für das „erlauchte Paar“ Heinrich und Amalia erwärmte, zeigt nicht nur deren Beliebtheit über politische Grenzen hinweg, sondern das allgemeine Einstehen für die Monarchie in einer Zeit, in der diese sich als Regierungsmodell zunehmend in Frage gestellt sah. Immerhin war am 3. September im Nachbarland Frankreich, mitten im Krieg, die Republik ausgerufen worden, und manche Luxemburger nahmen am revolutionären Projekt der Pariser „Commune“ teil. Tatsächlich dürfte die Skepsis gegenüber Wilhelm III. größer gewesen sein, als das aus den patriotischen Adressen hervorgeht. Jedoch stellte sich dieser diesmal, anders als 1867, auf die Seite Luxemburgs und unterstützte die Unabhängigkeitsbestrebungen.

Um den Unabhängigkeitswillen Luxemburgs zu bekunden, riefen die Luxemburger Vereine in der Presse zu einer öffentlichen Kundgebung auf.

(Quelle: E-Luxemburgensia)

Das zur Schau gestellte Nationalgefühl hatte aber auch handfeste Gründe. Durch die Einführung der Neutralität und die Schleifung der Festung, so glaubte man, hatte Luxemburg eine Dynamisierung von Handel und Industrie erlebt; bei einer Annexion ans neugegründete Deutsche Reich hätte man wirtschaftlich mehr zu verlieren als zu gewinnen gehabt.

Zugleich spiegelten die 200.000 Seelen, die nun patriotische Gefühle in sich entdeckten, den Nationalismus wider, der sich im 19. Jahrhundert in Europa ausbreitete. Man komponierte Lieder, in denen es um die Luxemburger Nation ging, und es entstanden diverse Vereine, die sich für nationale Geschichtsschreibung, Kultur und Sprachentwicklung einsetzten. In einem Leserbrief brachte es „ein Patriot“ im „Luxemburg Wort“ auf den Punkt: „Wir begehren nicht Macht und Größe, nicht Ruhm und Glanz, unsere Aurea mediocritas genügt uns, sowie die Aufrechthaltung unseres Selbstbestimmungsrechtes und die feierliche Erklärung unserer Mündigkeit als Volk vor ganz Europa“. Die vom römischen Dichter Horaz gelobte „Aurea mediocritas“, goldene Mittelmäßigkeit, galt also als erstrebenswertes Ziel. Der Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker war zudem ein klares Zeichen, dass der mit dem Prozess moderner Staatenbildung einhergehende europäische Nationalismus in Luxemburg angekommen war. Doch dieser hatte auch seine Grenzen: Niemand forderte, Luxemburg müsse aus dem Zollverein mit Deutschland austreten, der zwar Abhängigkeit, aber auch finanzielle Vorzüge brachte.

Ein Sieg der Diplomatie?

Die luxemburgische Strategie, sich öffentlich als Nation darzustellen, hielt Bismarck nicht von seinen Annexionsplänen ab. Das „Luxemburger Wort“ kommentierte bereits im September 1870: „Man hat uns preußischerseits immer gesagt, Preußen sei ein Sklave der Verträge, Preußen sei ein Rechtsstaat; könnte preußischerseits dasselbe noch behauptet werden, wenn es ohne Ursache, ohne irgend einen scheinbaren Grund den Londoner Vertrag zerreißen wollte?“ Immerhin half es, dass Prinz Heinrich nun den Kaiser von Russland einschaltete, denn dieses Land sollte im Gefolge des Londoner Vertrags in den Verhandlungen der Großmächte Luxemburgs Interessen verteidigen. Auch der Vertreter des englischen Königreiches wies Bismarck darauf hin, dass er nichts betreffend Luxemburg unternehmen könne, ohne die Großmächte einzuschalten. So leicht konnte sich Bismarck also doch nicht über internationale Verträge hinwegsetzen.

Dennoch argumentierte er in einer Note vom 3. Dezember 1870, Luxemburg habe trotz seiner Verpflichtungen als neutrales Land Frankreich unterstützt, deshalb fühle sich Preußen nicht mehr gebunden, Luxemburgs Neutralität zu respektieren. Zwar drohte Bismarck nicht offen damit, das Großherzogtum zu annektieren, doch er stellte eine Liste von „Maßregeln“ auf, die er dem Großherzogtum nun als Strafe für die „zugefügte Schädigung“ auferlegte. Die wichtigste davon war, dass Luxemburg den Betrieb seiner Eisenbahnen, der bis dahin in der Hand der französischen „Compagnie des Chemins de fer de l’Est“ lag, sowie den des Post- und Telegrafendienstes an Deutschland abgeben müsse.

Die Eisenbahnen spielten in dieser Zeit eine wichtige wirtschaftliche und strategische Rolle, denn durch ihre Kontrolle hatte man großen Einfluss über die betreffenden Territorien. Staatsminister Servais versuchte in seiner Antwort auf die Note Bismarcks, dessen Vorwürfe zu entkräften, dennoch wuchs in Luxemburg die Angst, preußische Truppen könnten demnächst die Grenzen überqueren. Am 12. Dezember lancierte das patriotische Komitee eine Petition, um gegen die Vorwürfe, Luxemburg habe die Neutralitätsregeln missachtet, zu protestieren. In kurzer Zeit vereinte sie über 40.000 Unterschriften. Servais gestand später ein, dass er das Komitee durch seine eigene Intervention davon abhalten konnte, allzu deutlich seine Preußen-kritische Haltung kundzutun.

Patriotische Lieder wie der 1859 entstandene „Feierwon“ zeigen, dass auch Luxemburg sich an der Bewegung des Nationalismus beteiligte, die Europa im 19. Jarhhundert ergriff. (Quelle: Liderbuch fir d’Letzeburger Scho‘len.)

Er war zudem gegenüber Preußen auch zu Zugeständnissen bereit. Einige der „Maßregeln“ akzeptierte er. So verwies er beispielsweise den französischen Vize-Konsul in Luxemburg des Landes, der nach Meinung Preußens zu aktiv für die französische Regierung gearbeitet hatte. Als im Januar der Druck Preußens auf Luxemburg wuchs, willigte der Staatsminister schließlich in die preußische Forderung zur Übernahme des Eisenbahnnetzes ein, unter anderem, weil Bismarck die Mitgliedschaft Luxemburgs im Zollverein in Frage stellte. Man kann sich im Nachhinein fragen, ob Bismarck nicht ab einem gewissen Zeitpunkt vor allem noch die Eisenbahnübernahme im Sinn hatte, da er es nicht wagte, den Londoner Vertrag offen zu verletzen. Mit der Übernahme des Betriebs der Luxemburger Eisenbahnen, die nun unter dem Namen „Wilhelm-Luxemburg“ fuhren, hatte er den wirtschaftlichen und strategischen Einfluss Deutschlands auf Luxemburg noch weiter ausgebaut. Der Sieg der Diplomatie über die Macht der Waffen hatte einen bitteren Nachgeschmack.

Quellen:


Zeitungen der Zeit auf E-Luxemburgensia, September 1870 bis Januar 1871.
Une page d’histoire nationale, 1867 à 1872, in: L’indépendance luxembourgeoise, Dezember 1887 bis Januar 1888.
Calmes, Christian, Le Luxembourg dans la guerre de 1870, in Hémecht (1970), 
S. 145-184.
Collart, Auguste, Der Krieg von 1870-71 
und Luxemburg, Luxemburg 1939, S. 11.
Halkin, Léon-Ernest, Histoire diplomatique du Luxembourg, in: Miscellanea historica in honorem Leonis van der Essen, 
Bruxelles 1947.
Trausch, Gilbert, Un créneau étroit entre l’Allemagne et la France. Le Luxembourg à la recherche de la conscience nationale (1839-1945), in: Europa und das nationale Selbstverständnis. Imagologische Probleme in Literatur, Kunst und Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts, Bonn 1988, S. 381–411.

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