Menstruationsurlaub: Blutest du noch oder arbeitest du schon?

von | 03.06.2021

Wer stark blutet, gehört ins Krankenhaus? Nein, auf den Arbeitsplatz – zumindest dann, wenn es sich bei dem Blut um Menstruationsblut handelt. Eine Petition fordert eine Dispens fĂŒr menstruierende Angestellte. Kritiker*innen bangen um die Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt. Queere Aktivist*innen befĂŒrchten Zwangsoutings.

Menstruationsartikel zu kaufen und sie zu wechseln, ist einerseits ein Tabu, andererseits eine HĂŒrde fĂŒr trans und nicht-binĂ€re Menschen mit Periode. (Copyright: Pexels/Sora Shimazaki)

Ornella Romito ist keine Aktivistin. Als sie Ende April eine Petition zum Thema Menstruationsurlaub bei der Abgeordnetenkammer eingereicht hat, ging sie einem persönlichen BedĂŒrfnis nach. Das sagte sie vor Kurzem in einem GesprĂ€ch mit der Tageszeitung Luxemburger Wort. Trotzdem ist es ausgerechnet ihre Aktion, die zeigt: Regelblut ist politisch.

Romito fordert zwei Freitage im Monat fĂŒr Frauen, die unter starken Regelschmerzen oder an Endometriose leiden. Letzteres ist eine chronische Krankheit, ausgelöst durch Gewebe, das sich außerhalb der GebĂ€rmutter ansiedelt. Das ist mit heftigen Schmerzen verbunden. Die ErkrankungshĂ€ufigkeit schwankt zwischen fĂŒnf und fĂŒnfzehn Prozent. Die Periode kann aber auch ohne Erkrankung fĂŒr unangenehme Begleiterscheinungen sorgen. Romito zĂ€hlt in ihrer Petition einige auf: Übelkeit, Durchfall, RĂŒckenschmerzen, BauchkrĂ€mpfe und MĂŒdigkeit.

„Es darf nicht sein, dass man sich jeden Monat krank melden muss und sich dafĂŒr schuldig fĂŒhlt“, erklĂ€rt sie ihre Forderung. Im Arbeitsrecht wird momentan nicht zwischen punktuellen und chronischen Erkrankungen oder Beschwerden unterschieden. Es gelten jeweils dieselben Vorschriften, solange die betroffene Person nicht dauerhaft arbeitsunfĂ€hig ist. Die 4.246 Unterschriften, die Romitos Petition bisher (Stand: 3. Juni) erhalten hat, sprechen fĂŒr sich: Es gibt Bedarf an einer entsprechenden Reglung. Trotz vieler UnterstĂŒtzer*innen ist die Petition in feministischen und queeren Kreisen umstritten.

Risiken und Nebenwirkungen

Der Conseil national des femmes du Luxembourg (CNFL) spricht sich auf Nachfrage der woxx dezidiert gegen die Dispens aus. Warum? Weil sie die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt gefĂ€hrden könnte. Das Argument, dass eine Dispens mit dem Tabu um die Menstruation breche, lĂ€sst der CNFL nicht gelten. DafĂŒr brĂ€uchte es eher frei verfĂŒgbare Menstruationsartikel sowie Werbung, in der Regelblut nicht als blaue FlĂŒssigkeit abgebildet werde. „Dem CNFL ist auch wichtig, dass Frauen wegen ihrer Menstruation nicht als ‚sensibel‘ oder ‚schwache‘ Menschen dargestellt werden – der Menstruationsurlaub droht diese Wahrnehmung zu verstĂ€rken, statt sie zu bekĂ€mpfen“, schreibt die Direktorin des Rates, Anik Raskin, der woxx.

Eine vergleichbare Meinung vertritt auch Taina Bofferding, Ministerin fĂŒr die Gleichstellung von Frauen und MĂ€nnern. „Die Dispens soll keine neuen Ungleichheiten schaffen“, sagt die Ministerin im Interview mit der woxx. Das Risiko bestehe jedoch und es sei „nicht fair“, es zu ignorieren. Der luxemburgische Arbeitsmarkt sei fĂŒr eine solche Reglung nicht bereit, auch wenn sie dies verurteilen und bedauern wĂŒrde. Man habe jahrelang dafĂŒr gekĂ€mpft, beispielsweise die Frage nach dem Kinderwunsch, die vornehmlich Frauen gestellt wurde, aus VorstellungsgesprĂ€chen zu verbannen. Solche VerĂ€nderungen brĂ€uchten „leider“ Zeit. „Es ist auch wichtig, dass man Beschwerden nicht gegeneinander ausspielt. Es gibt viele verschiedene chronische Krankheiten, wie etwa MigrĂ€ne“, merkt Bofferding darĂŒber hinaus an. „Die Petition bezieht sich außerdem nur auf den Arbeitsbereich, doch was ist mit SchĂŒlerinnen, die unter starken Regelschmerzen leiden? Sollen die dann auch grundsĂ€tzlich zwei Tage vom Unterricht freigestellt werden?“

Bofferding wiederholt mehrmals, dass fĂŒr sie die Enttabuisierung der Menstruation im Vordergrund stehen muss. Sie findet es schade, dass vor allem junge Menschen sich wegen ihrer Periode oder ihrer Regelschmerzen schĂ€men. Ähnlich wie der CNFL tritt auch sie fĂŒr kostenlose und leicht zugĂ€ngliche Hygieneprodukte ein. In dem Sinne subventioniert ihr Ministerium das Kleinunternehmen „Struggirls“: Drei SchĂŒlerinnen verkaufen MenstruationskĂ€sten zur kostenlosen Verteilung von Hygieneprodukten. Daneben bemĂŒhen sie sich um AufklĂ€rungsarbeit zum Thema Periode.

Die gelĂ€ufige Position – Menstruationsurlaub gleich Benachteiligung menstruierender Menschen – ist fĂŒr BefĂŒrworter*innen des Menstruationsurlaubs jedoch ein Denkfehler: Nicht die Dispens sei das Problem, sondern die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen und Sexismus. „[E]s hilft sicher nicht, wenn sich Frauen aus Angst vor noch mehr Sexismus wegducken und damit andere Frauen belasten“, kommentierte etwa die Journalistin Linda Becker vom Radioprogramm Puls entsprechende Sichtweisen vor zwei Jahren. Das stimmt. Es ist nicht die Aufgabe marginalisierter Personengruppen weiter einzustecken, um keine AngriffsflĂ€che zu bieten. Nur tickt die leistungsorientierte Arbeitswelt anders: Wer mithalten will, muss konkurrenzfĂ€hig bleiben. Wie verkorkst das VerhĂ€ltnis zwischen Arbeit, Krankheit und Unwohlsein ist, offenbart eine Aussage des luxemburgischen Arbeitsministeriums.

Pexels/Karolina Grabow

Auf die Petition angesprochen, teilte der Kommunikationsbeauftragte von Minister Dan Kersch mit: „Nach RĂŒcksprache mit dem Minister kann ich Ihnen sagen, dass der Minister eine solche Dispens a priori als schwierig einstuft – nachdem bereits ein zusĂ€tzlicher Feiertag sowie gesetzlich ein weiterer Urlaubstag eingefĂŒhrt wurden; die EU-Direktive zur Work-Life-Balance angewandt wird und der Koalitionsvertrag die EinfĂŒhrung weiterer Feiertage vorsieht.“ Im Klartext: Eine Freistellung wegen Menstruationsbeschwerden ist dasselbe wie Feiertag und Urlaub. Heißt all das, dass Forderungen nach mehr FlexibilitĂ€t im Arbeitsalltag ausbleiben sollen?

Freiheit fĂŒr alle?

Mitglieder der queer-feministischen Organisation Pink Ladies machen einen Gegenvorschlag: Statt Freitage fĂŒr menstruierende Menschen einzufĂŒhren, soll die Arbeitswoche generell gekĂŒrzt werden. Das entlaste alle BeschĂ€ftigten und gebe ihnen die Möglichkeit – Periode hin oder her –, ihre Arbeitszeit so zu gestalten, wie es fĂŒr ihr Wohlbefinden am besten ist. Diese Alternative ist vor allem dann interessant, wenn man trans und queere Menschen in die Debatte ĂŒber den Menstruationsurlaub miteinbezieht.

In Romitos Petitionstext ist ausschließlich von cis Frauen die Rede – also von Menschen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde und dieses mit ihrer GeschlechtsidentitĂ€t ĂŒbereinstimmt. Dabei sind sie nicht die einzigen, die menstruieren: Auch trans MĂ€nner und nicht binĂ€re Menschen mit Uterus, die keine Hormonbehandlung durchfĂŒhren, haben ihre Tage. Die Dispens könnte deshalb zu GrabenkĂ€mpfen zwischen cis Frauen – denn auch unter ihnen gibt es welche, die nicht menstruieren oder weniger unter der Periode leiden – und zu Zwangsoutings fĂŒhren. „Die Petition ist sicherlich darauf bedacht, dass Frauen die Dispens bei Bedarf beanspruchen können und es kein Zwang ist. Gut, aber dann hat man immer noch zwei Gruppen von Frauen: die ‚fruchtbaren‘ und die ‚unfruchtbaren‘, wie zum Beispiel cis Frauen, die ohne Uterus geboren wurden; cis Frauen, die keine Regelblutung haben oder in der Menopause sind und so weiter“, schreiben die Aktivist*innen der Pink Ladies.

Sie werfen in dem Zusammenhang gleich mehrere Fragen auf: „Die Dispens soll fĂŒr die ‚Frauen‘ gelten, die eine starke Regelblutung oder Endometriose haben. Wer misst die IntensitĂ€t der Schmerzen? Wie wĂŒrde man die Dispens legitimieren: Auf Basis der Genitalien? Auf Basis der IdentitĂ€t ‚Frau‘? Braucht man dann ein Attest? Muss man besondere Untersuchungen durchfĂŒhren lassen?“ WĂ€re Letzteres der Fall, wĂŒrden queere Frauen und trans Menschen in BedrĂ€ngnis geraten. Viele von ihnen koste der Gang zur gynĂ€kologischen Praxis Überwindung wegen der allgemein ungleichen Behandlung von LBQT Frauen. „Vielleicht ist es fĂŒr eine cis-hetero Frau einfacher zum GynĂ€kologen zu gehen, aber stellen Sie sich vor, was das fĂŒr einen trans Mann heißt.“

Regelblut landet nicht nur in Menstruationstassen und auf Tampons, sondern auch in politischen Debatten um das Arbeitsrecht. (Copyright: Pexels/Ana Shvets)

Ein Artikel des Lifestyle-Magazins Vogue weist auf generelle HĂŒrden hin, die menstruierende trans Menschen ĂŒberwinden mĂŒssen. Einige sprechen darĂŒber, wie schwer es ist, auf der Herrentoilette ein Menstruationsprodukt zu wechseln: Dort gebe es oft weder abschließbare Kabinen noch MĂŒlleimer zur Entsorgung. Andere erzĂ€hlen, dass sie einen netten Abend mit Freund*innen schon mal vorzeitig beendet haben, um dieser Situation aus dem Weg zu gehen. Unter anderem Cass Clemmer, Menstruationsaktivist*in, berichtet wie unangenehm der Kauf von Menstruationsprodukten ist. „Es hat sich nie gut angefĂŒhlt, in GeschĂ€fte zu gehen und Produkte zu kaufen, die als Damenhygiene ausgewiesen sind. Als ich das erste Mal meine Periode bekam, hatte ich das GefĂŒhl, kĂŒnftig fĂŒr alle eine Show abziehen zu mĂŒssen. Eine Show, in der ich gar nicht sein wollte und in die ich auch nicht reinpasste.“, sagt Clemmer der Vogue. Clemmer setzt sich seit mehreren Jahren dafĂŒr ein, dass die Debatte um Menstruation inklusiver wird.

Die Vertreter*innen der Pink Ladies sind ĂŒberzeugt davon, dass eine Dispens fĂŒr menstruierende Personen die Diskriminierung von trans und queeren Menschen steigern wĂŒrde. Sie mĂŒssten sich in dem Fall, wie bereits erwĂ€hnt, bei den Arbeitgeber*innen und den Kolleg*innen outen, was in einem trans- oder queerfeindlichen Umfeld mit Gefahren verbunden sei. „Allgemein sind Diskriminierungen und herablassende Bemerkungen eine RealitĂ€t fĂŒr LGBTIQ+ Menschen in der Arbeitswelt, deswegen outen sich viele dort nicht“, geben die Aktivist*innen zu bedenken. „Um das Recht auf eine solche Dispens zu erhalten, mĂŒssten sie das dann aber tun.“ Durch den Menstruationsurlaub könnten auch trans Frauen ins Visier der Kolleg*innen geraten, weil sie die Dispens nicht beanspruchen wĂŒrden. Nach der Studie „EU LGBTI Survey II: A Long Way to Go for LGBTI Equality“ (2020) der European Union Agency for Fundamental Rights (FRA) fĂŒhlten sich zwölf Prozent der in Luxemburg befragten Menschen im Jahr 2018 aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer GeschlechtsidentitĂ€t am Arbeitsplatz diskriminiert. Luxemburg macht aber in dem Kontext immerhin kleine Schritte vorwĂ€rts: Das Unternehmensnetzwerk Inspiring More Sustainability veröffentlichte im Februar dieses Jahres einen ersten Leitfaden zur Inklusion von LGBTIQA+ Mitarbeiter*innen.

Im LĂ«tzebuerger Journal Ă€ußerten sich vor wenigen Tagen Angestellte des FachĂŒbersetzungsbĂŒros „FaustTranslations“ zur Sache. Das Unternehmen bietet seit zwei Jahren einen „menstrual leave“ an. Genutzt wurde er bisher nicht. Als BegrĂŒndung fĂŒhren die drei interviewten Mitarbeiterinnen ihr Pflichtbewusstsein, die Möglichkeit einer Krankschreibung und die SchwĂ€che ihrer Regelbeschwerden an. Sie bringen in dem Artikel VerstĂ€ndnis fĂŒr Menschen auf, die eine Dispens nutzen wĂŒrden. Trotzdem wirken ihre Ansichten einschĂŒchternd.

Wieder kreist die Debatte um die Frage, was Arbeit ĂŒberhaupt fĂŒr Menschen bedeutet. Im Zuge der Recherchen zum Thema kommt immer wieder der Eindruck auf, dass es sich bei ArbeitsverhĂ€ltnissen um einen ewigen Kampf handelt: mit sich selbst, mit Konkurrent*innen, mit Vorgesetzten, mit Stereotypen. Ornella Romito wirft ihre Petition in einen Raum, der neu gedacht und gestaltet werden muss. Nicht nur fĂŒr menstruierende Personen. FĂŒr alle, die ihr persönliches Wohlbefinden nicht lĂ€nger gegen ihre KonkurrenzfĂ€higkeit aufwiegen oder wegen ihres Pflichtbewusstseins aufgeben möchten.

Neugierig wie die Debatte bisher in anderen LĂ€ndern verlief? Mehr dazu hier.

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