Mobbing im Internet: Alle wiederholen, bitte!

Im Lycée Aline Mayrisch (LAML) startete am 9. Januar nach massivem Cybermobbing eine schulinterne Kampagne gegen Schikane aus dem Netz.

Bei der Table ronde im LAML wurde die Schüler*innenschaft über die rechtlichen und psychologischen Folgen von Cybermobbing aufgeklärt. (© Lycée Aline Mayrisch)

„Als Schuldirektorin will ich wissen, was mit den Jugendlichen an meiner Schule geschieht“, sagt Carole Chaine, Direktorin des LAML, und greift nach ihrer dampfenden Tasse Schwarztee. „Ich bin im Sommer 2018 zufällig bei Instagram auf die Seite ‚Notte fir Proffen‘ gestoßen – und habe mein eigenes Foto entdeckt.“ Es war ein Screenshot eines Privatfotos von Chaine, darunter stand ihre Bewertung: ungenügend. Eine Entdeckung, die sie nicht kalt ließ, wie sie offen gesteht. Andere Kolleg*innen wurden im Kommentarbereich teils diffamiert, teils weit unter der Gürtellinie beleidigt. Einigen sollen die Aussagen heute noch zusetzen.

Es traf nicht nur das Personal aus dem LAML. Auch die Lehrkräfte aus vier weiteren Schulen, unter anderem aus dem Sportlycée und dem Athenée de Luxembourg, wurden auf Instagram benotet und persönlich angegriffen. Judith Reicherzer, die Medienbeauftragte des LAML, spricht von rund 800 Follower*innen pro Schule. Chaine leitete damals gemeinsam mit Kolleg*innen Schritte in die Wege, um die Plattform zum LAML vom Betreiber löschen zu lassen. Inzwischen ist nur noch die Seite zum Sportlycée online, mit 136 Follower*innen. Wer hinter den Plattformen steckt, ist ungewiss. Die Reaktionen der betroffenen Schulen reichten von wütenden Briefen an die Elternschaft über ein gelassenes Abwinken bis hin zur Sensibilisierungskampagne des LAML.

Auf den ersten Schock folgte sogleich der zweite. Nur wenige Wochen nach der „Notte fir Proffen“-Affäre erfuhr Chaine von „Wien haasst wien?“: Auf der Plattform wurde in etwa dasselbe Spiel betrieben, jedoch mit Fotos von Schüler*innen, vorwiegend aus den unteren Klassen. Das LAML unternahm dieselben Schritte wie gegen „Notte fir Proffen“. Seit Dezember ist die Seite, die nach letztem Kenntnisstand der Medienbeauftragten etwa 100 Follower*innen zählte, nicht mehr sichtbar. Da es sich um eine geschlossene Gruppe handelte, die nur Schüler*innen zugänglich war, ist unklar, ob sie vollständig gelöscht wurde. Ähnlich offen bleibt, wer die Admins und Täter*innen sind. Die meisten sind unter Pseudonymen aktiv.

Zum einen Ohr rein …

Beides sind Aktionen, mit denen die Direktorin des LAML so nicht gerechnet hatte. Man bemühe sich seit Jahren um Sensibilisierung. Das LAML gilt gemeinhin als Pionier in der Vermittlung digitaler Kompetenzen. Regelmäßig wandern Initiativen wie BEE SECURE von Klasse zu Klasse und klären über Cybersicherheit und Cybermobbing auf. Chaine geriet ins Grübeln, als sich ihre Schulgemeinschaft an den Hass-Bewegungen beteiligte oder sie gar initiierte. Es war ihr auch deshalb ein Anliegen, die Schüler*innenschaft nach den Vorfällen nun aktiv in die Diskussion rund um das Warum und das Thema Cybermobbing allgemein einzubinden. Den Anfang machte eine von Schüler*innen geführte Diskussionsrunde am 9. Januar. Eingeladen waren Betroffene, die Anwältin Nora Dupont und der Kinderpsychiater Torsten Lehnert. „Ich habe mich als Opfer offen verletzt gezeigt und über meine Erfahrung gesprochen“, sagt Chaine, „weil es wichtig ist, darüber zu reden. Cybermobbing ist deshalb so gefährlich, weil es isoliert erlebt wird.“ Das kann Marie-Anne Kayser, Mitglied der Mediationsgruppe „Stop Mobbing“ des Service de coordination de la recherche et de l’innovation pédagogiques et technologiques“ (Script) nur bestätigen. „Es ist sinnvoll mit Emotionen darüber zu sprechen, denn das trifft viele Leute“, beobachtet sie. „Man muss signalisieren, dass die Mitschüler und die Lehrkräfte hinter den Betroffenen stehen.“

In den kommenden Monaten besucht die schulinterne Mediationsgruppe die Klassen von 7e bis 3e des LAML, um das Thema Cybermobbing nochmal aufzurollen. Zur Einleitung wird ein Video gezeigt, in dem die Schüler*innen vor einer hellen Wand und ohne viel Schnickschnack über ihre Mobbing- und Cybermobbing-Erfahrung sprechen. Unter ihnen ist auch Estelle, die Vorsitzende des Schülerkomitees, die zu Beginn ihrer Schulzeit am LAML wegen ihres Aussehens regelmäßig stark beleidigt wurde.

„Ich fand die Diskussionsrunde gut, weil sie humaner war als die üblichen Diskurse über Cybermobbing, die man schon hundert Mal gehört hat.“ Estelle wartet im Medienraum auf die anderen Mitglieder der Mediationsgruppe, die am Interview teilnehmen. „Die Message verbreitet sich schneller, wenn sie intern von Schüler zu Schüler weitergegeben wird.“ Ihr Mitschüler Anass, der wenig später dazu stößt, scheint nicht so überzeugt. „Wir reden mit den Schülern und sagen denen ‚dies und das‘ sollst du lassen. Sie tun so, als hätten sie es verstanden“, schildert er seine Eindrücke. „Ein paar Wochen später kommen sie zu uns und vertrauen uns an, dass genau ‚dies und das‘ passiert ist.“ Unter ‚dies und das‘ fällt auch Cybermobbing.

ViSo, was?

Für den 3e-Schüler geht das anhaltende Problem aufs Konto des derzeitigen Schulprogramms. „In der Schule lernst du Sachen, die du im Leben nicht brauchst. Zum Beispiel wie du den Sinus eines Dreiecks berechnest.“ Er schüttelt den Kopf. Ein paar seiner Mitschüler*innen lachen. Estelle verweist grinsend auf ein mögliches Mathematikstudium. Anass bleibt bei seiner Meinung: „Das sind Stunden, die könnte man in andere Themen investieren, beispielsweise in die Lehre eines respektvollen Umgangs miteinander.“

Jemand sagt „ViSo“ und alle lachen auf. Fragezeichen bei Außenstehenden. Es geht um den im Schuljahr 2017-2018 eingeführten Kurs „Vie et société“, der anstelle des Religionsunterrichts einen allumfassenden Sinn für das Gemeinschaftsleben vermitteln soll, klären die Jugendlichen auf. Klingt gut? Ist es laut Schüler*innen in der Praxis aber nicht. Lys, ebenfalls Mitglied der Mediationsgruppe, spricht von planlosen Lehrkräften und vagen Unterrichtsinhalten. Das Ganze sei momentan nur ein Abklatsch des Philosophiekurses. Dabei könnte gegenseitiger Respekt dort Unterrichtsgegenstand sein.

„Du weißt auf 4e, wie du einen Brief oder eine Mail an eine öffentliche Verwaltung aufsetzt, aber nicht, wie du mit deinen Mitmenschen umgehen sollst. Ein kritischer Umgang mit der Umwelt ist wichtig, umso wichtiger ist deshalb der Respekt, mit dem dieser geschieht“, findet Estelle, die soziale Medien vor allem wegen ihres jugendpolitischen Engagements nutzt. „Viele kommunizieren im Netz so, wie von Angesicht zu Angesicht. Die Leute müssen lernen sich schriftlich anders auszudrücken, denn es macht einen Unterschied, ob die Gesprächspartner die Mimik zu den Worten erkennen können oder nicht.“ Dem ist beizufügen, dass der Großteil der anonym im Netz geäußerten Beleidigungen den meisten „face to face“ wohl im Halse stecken bleiben würden.

Früh übt sich

Glaubt man dem aktuellen Koalitionsprogramm, soll in der nächsten Legislaturperiode „la compréhension et l’usage raisonné des nouveaux médias“ auf allen Bildungsebenen favorisiert thematisiert werden. Dazu werden vom Bildungsministerium BEE SECURE und der Service national de la jeunesse herangezogen, um diverse Projekte zur bewussten und kreativen Mediennutzung anzubieten.

Der bewusste Umgang mit den neuen Medien kann nicht früh genug Unterrichtsthema sein. Die anwesenden Schüler*innen der Mediationsgruppe geben geschlossen an, spätestens auf 7e ihre ersten Social-Media-Accounts eingerichtet zu haben. Damit sind sie eigenen Aussagen zufolge keine Ausnahme. Entsprechend früh kommt es auch zu Cybermobbing. Marie-Anne Kayser sind Fälle aus dem Cycle 3 bekannt. Die Acht- bis Elfjährigen werden meist über Instagram, Snapchat, Whats-App-Gruppen oder TicToc gemobbt, warum auch immer Grundschulkinder dieses Potpourri an Diensten brauchen. Die Konsumgesellschaft lässt grüßen. „Es fallen schon mal Aussagen wie: ‚Geh sterben. Dein Leben ist nichts wert.‘ In anderen Fällen wurden Kinder dabei gefilmt, wie sie verprügelt wurden, und das Video später online gestellt“, erzählt Kayser. „Das Bewusstsein für das, was man sagt, fehlt bei vielen Grundschüler*innen und auch bei Schüler*innen der unteren Sekundarstufe.“ Seien die Täter*innen bekannt, könne ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden, wobei Kayser immer für den unterstützenden Dialog zwischen Schüler*innen und Lehrkräften plädiert. Bei schwerwiegenden Fällen kommt es jedoch auch zur Anzeige.

Viele Täter*innen würden aus Langeweile, Frust oder aus dem Drang nach Macht heraus mobben. Damit stehen sie den Erwachsenen in nichts nach. „Personen, die weltweit bekannt sind, diffamieren sich gegenseitig in der Öffentlichkeit.“ Kayser seufzt. „Wie sollen die Schüler lernen, respektvoll miteinander umzugehen, wenn in der Weltpolitik das Gegenteil passiert? Mir macht das alles Angst.“

Für Kayser gehört es bis zu einem gewissen Grad zum Erwachsenwerden dazu, Exklusion auszuhalten. Eine heikle Aussage: Mobbing ist immerhin nicht eins zu eins mit Exklusion gleichzusetzen. Es beschreibt die systematische und wiederholte Diffamierung einer Person. „Ich würde sagen, dass die Hälfte der Fälle, wegen der wir als Mediationsgruppe eingeschaltet wurden, kein Mobbing war.“ Kayser versucht sich zu erklären: „Der Begriff ‚Mobbing‘ wird inflationär gebraucht. Mobbing bedeutet auch für mich eine repetitive Belästigung über einen längeren Zeitraum hinweg.“ Cybermobbing käme hingegen häufiger vor, da sich die verletzenden Bemerkungen schneller verbreiten würden. Die Folgen seien schwerwiegend. Der Kinderpsychiater Torsten Lehnert sprach bei der Table ronde im LAML davon, dass Cybermobbing bei 20 Prozent der Opfer zu ernsthaften psychischen Erkrankungen führt.

„Cybermobbing ist deshalb so gefährlich, weil es isoliert erlebt wird.“ (Carole Chaine, Direktorin LAML) (© Pixabay)

Der Unterschied

Die systematische Bloßstellung im Netz lässt sich nicht mit einem Schulwechsel oder dem Vermeiden der Orte aus der Welt schaffen, an denen die Täter*innen einem auflauern. Es ist nicht so, dass Mobbing in der realen Welt weniger schlimm ist. Es funktioniert nur anders. Seiten wie „Wien haasst wien?“ oder „Notte fir Proffen“ nehmen mit wenigen Klicks ein großes Ausmaß an, zumal die digitalen Räume „the place to be“ für viele Jugendliche sind. Es trifft sie umso heftiger, wenn sie aus diesen ausgeschlossen werden und das tägliche Checken des Instagram-Feeds zur Zitterpartie wird.

Jana, die auch an der Kampagne gegen Cybermobbing teilnimmt, nennt die Nutzung der Social Media-Kanäle einen „Hauptbestandteil“ ihres Tages. Zwei Tage lang hat sie auf Snapchat und Co verzichtet. Länger hielt sie es nicht aus. „Ich langweile mich ohne Handy und fühle mich ausgeschlossen, alleine. Wenn ich im Bus sitze, schau ich mir lieber Memes an, als aus dem Fenster zu gucken.“ Sie lächelt etwas verlegen. „Gleichzeitig kann ich nie richtig abschalten. Aus dem Grund versuche ich in letzter Zeit öfter mal ein Buch zu lesen oder zu malen.“ Auch Estelle würde gerne aus der digitalen Welt aussteigen. Nur hat sie das Gefühl, das nicht zu können. „Es ist schwer ohne soziale Netzwerke weiterzukommen heutzutage“, sagt sie schulterzuckend.

Eben genau deshalb sollten Erwachsene, Jugendliche und Kinder sie als öffentlichen Raum wahrnehmen, in dem der gegenseitige Respekt eine ebenso große Rolle spielt, wie auf offener Straße. Die jüngsten Vorfälle an Luxemburgs Schulen und aus aller Welt zeigen, dass die Message bei manchen im Spam-Ordner gelandet ist. Sie wiederholen zu müssen, ist eine traurige Notwendigkeit. Carole Chaine wirkt am Ende des Gesprächs mit der woxx zuversichtlich, dass es besser wird, wenn alle an einem Strang ziehen. „Ich glaube ein Schriftsteller sagte mal: ‚Les mots blessent.‘“ Sie schaut nachdenklich zur Decke. „Wir sollten uns alle bewusst sein, was wir sagen und wie wir es sagen.“


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