Reinigungssektor
: Wisch 
und weg

Gemobbt, vertrieben, schlecht bezahlt: Die Arbeitsbedingungen im Reinigungssektor sind schlecht. 
Eine Besserung ist nicht in Sicht.

„Wer nichts lernt, geht putzen“: Ein Spruch, der oft gehört, aber selten hinterfragt wird. Der Beruf der Putzkraft wird systematisch diskreditiert. (Foto: CC BY Dan Brady 2.0)

„T’as trop bossée, toi“, lacht eine der Frauen im Konferenzzimmer der Chambre des salariés du Luxembourg (CSL) auf und rückt Stühle zurecht. Ihre Gesprächspartnerin fasst sich ans Kreuz und verzieht schmerzverzerrt den Mund. Beide arbeiten als Reinigungskraft. Es sind nur noch wenige Minuten bis zum Beginn der Konferenz „Propreté à quel prix ? Le nettoyage : un métier non-valorisé“, die von der Arbeitnehmerkammer CSL, dem CID Fraen an Gender, dem Centre pour l‘Égalité de Traitement (CET), der Plattform Journée Internationale des Femmes (JIF), dem OGBL sowie der Universität Luxemburg organisiert wurde. Das war in der vergangenen Woche, und die beiden Frauen sind zwei der 11.203 Angestellten, die laut Studienergebnissen des Forschungsinstituts Liser 2019 in Luxemburg für Firmen im Reinigungssektor tätig waren. Sie sind zwei von vielen, denen trotz ihrer Allgegenwärtigkeit weder im öffentlichen noch im politischen Diskurs Beachtung geschenkt wird.

Die Arbeitsbedingungen im Sektor haben sich in den vergangen Jahren verschlechtert. Das sagte Estelle Winter, Zentralsekretärin des OGBL-Syndikats „Services privés de nettoyage, d’hygiène et de l’environnement“ vor der Konferenz im Interview mit dem Radiosender 100,7. Sie wiederholte dies später mehrfach in den Räumlichkeiten der CSL. Und sie fasst die Tendenz in dem Bereich zusammen: Mehr Leistung für weniger Geld. Die Kund*innen verlangten nach kleineren Teams, erwarteten gleichzeitig aber immer mehr von den eingesetzten Putzkräften. Ohne dafür mehr zahlen zu wollen. Das Arbeitsrecht und die Paragraphen des Kollektivvertrags würden dabei oft missachtet. Ein Beispiel: Die Einhaltung der Ruhephasen. Es käme des Öfteren vor, dass Angestellte zehn bis zwölf Tage am Stück ranklotzen müssten. Die „Inspection du travail et des mines“ kontrolliere die Betriebe selten. Wenn, dann nicht gründlich genug, wie Winter während der Konferenz bedauerte. Die Arbeitnehmer*innen würden des Weiteren überdurchschnittlich oft mit befristeten Verträgen sowie Zusatzforderungen abgefertigt und hingehalten. So käme es regelmäßig vor, dass Unternehmer*innen die Arbeitszeiten phasenweise von 20 auf 40 Stunden heraufsetzen würden, ohne den eigentlichen Arbeitsvertrag anzupassen. Winter spricht von einem befristeten im unbefristeten Vertrag. Solche Zusatzforderungen sind legal. Daraus resultiert jedoch eine Ungewissheit für die Angestellten, die nicht selten eine dauerhafte Erhöhung der Arbeitszeit anstreben und auf das Gehalt angewiesen sind. Was sie meistens stattdessen erwartet: Überstunden für lau. Die wenigsten Putzkräfte, die in Teilzeit arbeiten, sind tatsächlich nur 20 Stunden wöchentlich im Einsatz.

Viele Entlassungen, 
schlechte Alternativen

Wer nicht pariert, fliegt. Mobbing vonseiten der Arbeitgeber*innen ist im Sektor üblich, sagt beigeordnete Zentralsekretärin Jessica Lopes. Wer sich beschwert, wird meistens an unzugängliche Arbeitsorte versetzt. Oft werden den Betroffenen aber auch Arbeitszeiten zugeteilt, zu denen sie aus privaten Gründen nicht einsetzbar sind. Das alles, um sie aus dem Betrieb zu ekeln und sich vor einer Entlassung mit all ihren arbeitsrechtlichen Konsequenzen zu drücken. „Les agents de nettoyage sont des Kleenex“, sagt Winter. Entlassungen gebe es in dem Sektor viele. Das Personal gilt als austauschbar, als Mittel zum Zweck. Umso weniger erstaunlich ist es, dass die Berufserfahrung beim Bewerbungsverfahren oder bei Gehaltsverhandlungen keine Rolle spielt. Die Gewerkschaft fordert, dass das Gehalt in Zukunft an die Berufserfahrung angepasst wird. Der Durchschnittslohn, der 2019 bei 12,6 Euro die Stunde lag, ist in den vergangenen zehn Jahren um nur fünf Prozent gestiegen.

Ob die Arbeitsbedingungen und die Löhne bei Online-Unternehmen besser sind? Auf das Schweizerische Unternehmen „BatMaid“ angesprochen, grinst Winter vielsagend. Nein, sind sie nicht. Sie hat bereits Beschwerden von Reinigungskräften erhalten, die die Vermittlungs-Plattform für Putzkräfte nutzen. In Luxemburg arbeitet „BatMaid“ mit der Reinigungsfirma Onet zusammen: Das Putzpersonal steht bei Onet unter Vertrag. Winter weiß von Arbeitnehmer*innen, die von „BatMaid“ benachteiligt wurden, weil sie einzelne Aufträge ablehnen mussten. Fortan vermittelte man ihnen weniger Aufträge. Die Frauen, die sich diesbezüglich an die Gewerkschafterin wendeten, sagten zudem, für berufsbedingte Fahrtkosten und die Reinigungsprodukte selbst aufkommen zu müssen. Ähnliches berichten Arbeitnehmerinnen aus der Schweiz, wo sich das Unternehmen wegen der Missachtung des dortigen Kollektivvertrags im Juli 2019 vor dem Syndikat Unia verteidigen musste. Das Unternehmen, das insgesamt um die 1.700 Putzkräfte vermittelt, nennt sich eine reine Vermittlungs-Plattform und negiert sein Statut als Arbeitgeber. Es schreibt sich die Bekämpfung der Schwarzarbeit auf die Fahne.

Schwarzarbeit im Reinigungssektor wurde während der Konferenz im CSL nur kurz angerissen. Doch ist auch sie ein Problem, das dem Sektor zusetzt. Nicht zuletzt, weil sie teilweise mit Menschenhandel einhergeht. Es handelt sich oftmals entweder um Menschen aus Nicht-EU-Staaten, die mit der Hoffnung auf feste Arbeitsverträge nach Luxemburg beziehungsweise in die EU reisen, oder aber um Ortsansässige, die zum Teil trotz Festanstellung an der Armutsgrenze leben. Zum Menschenhandel: Nach Angaben des „Service d’Assistance aux victimes de la traite des êtres humains“ (Savteh) und des „Centre Ozanam – traite des êtres humains“ (COTEH) gab es seit 2017 zwischen fünf und sechs Verdachtsfälle in Luxemburg, die der Polizei gemeldet wurden. Die Dunkelziffer ist vermutlich höher. In einer Angelegenheit wurde ein Urteil gefällt und die betroffene Minderjährige als Opfer von Menschenhändler*innen identifiziert. Sie war in einem Privathaushalt als Kindermädchen und Haushaltshilfe angestellt. Die verwandten Täter*innen fälschten ihre Ausweisdokumente und gaben sich als ihre Eltern aus. In einem anderen Fall gab eine Frau an, ihre Arbeitgeber*innen hätten sie ihrer Ausweispapiere beraubt und sie unter Druck zur Hausarbeit verpflichtet. Die weiteren Ermittlungen laufen noch.

Stigmatisierte Personengruppen

In Gesprächen mit Vertreter*innen des Reinigungssektors, des Savteh und COTEH wird deutlich, dass sich wenige Privatpersonen darüber im Klaren sind, dass die unangemeldete Beschäftigung einer Haushaltshilfe illegal ist. Diese privaten Arbeitsverhältnisse werden oft mit gegenseitigem Einverständnis gerechtfertigt. Man tue sich gegenseitig einen Gefallen, heißt es. Gleichzeitig wird ein Abhängigkeitsgefühl konstruiert, getreu dem Motto „die können froh sein, dass ich die bezahle“. Diese Ignoranz hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass der Beruf gesellschaftlich mit fehlender Bildung und Personengruppen verbunden wird, die ohnehin stigmatisiert werden: Frauen, Migrant*innen und Pendler*innen. Die Debatte über die Verhältnisse im Reinigungssektor ist deshalb auch eine Debatte über Sexismus und Fremdenfeindlichkeit. Das hört man in Gesprächen mit Estelle Winter, Jessica Lopes, aber auch in jenen mit den Reinigungskräften immer wieder.

(CC BY Allen Goldblatt SA 2.0)

2019 waren 83 Prozent der in Reinigungsfirmen angestellten Putzkräfte Frauen, über die Hälfte davon portugiesischer Nationalität. Wie viele Luxemburger*innen im Sektor arbeiten? Fünf Prozent – und davon putzen nach Angaben des OGBL die meisten für den Staat. Die Migrant*innen und Pendler*innen sind meistens nicht über die Gesetzeslage in Luxemburg informiert, so die Vertreter*innen aus dem Sektor, außerdem hätten sie aufgrund von Sprachbarrieren Schwierigkeiten, sich mit den zuständigen Autoritäten oder Vorgesetzten zu verständigen. Viele von ihnen kämen aus prekären Lebenssituationen und seien leicht manipulierbar, gleichzeitig aber auch dem Misstrauen der Arbeitgeber*innen ausgesetzt. Lopes sprach mit der woxx unter anderem über eine fragwürdige Praktik in Privathaushalten: Mehrere Putzfrauen berichten, dass ihre Arbeitgeber*innen vor allem zu Beginn des Arbeitsverhältnisses an auffälligen Orten Geld „vergessen“. Die Frauen fühlen sich durch solche Vertrauensproben vorgeführt und herabgewürdigt.

Der Konferenzsaal war am vergangenen Freitag brechend voll – und es war laut. Nicht unbedingt, weil hitzig diskutiert wurde, sondern weil die Teilnehmer*innen immer wieder gemeinsam applaudierten. Sie bekräftigten die Forderungen des OGBL nach der Anerkennung der Berufserfahrung; sie würdigten die Reinigungskräfte, die von ihren Erfahrungen berichteten; sie machten ihrer Freude darüber Luft, dass über die Probleme geredet wird. Klar ist, dass die besprochenen Missstände nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich angegangen werden müssen. Eine Besserung ist nur dann in Sicht, wenn die Tätigkeit als vollwertiger Beruf anerkannt wird. Nicht zuletzt -– und deswegen sei an dieser Stelle auf den Fraestreik am 7. März verwiesen – trägt auch die Gleichstellung der Frauen in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft maßgeblich dazu bei, dass sich die Situation verbessert. Es handelt sich bei den Konflikten im Reinigungssektor um die Bewältigung vielschichtiger Probleme, die als Ganzes betrachtet und überwunden werden müssen.


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