Philosophinnen des zwanzigsten Jahrhunderts: Wider den falschen Trost

Von Frauen wird erwartet, dass sie die harte Realität mit Trost abfedern und Leid durch Mitgefühl erträglich machen. Wenn sie gesellschaftliche Veränderung unterstützen können, dann angeblich durch ihre besondere Fähigkeit, sich in andere einzufühlen. In ihrem neuen Buch widmet sich die Literaturwissenschaftlerin Deborah Nelson sechs Philosophinnen und Zeitdiagnostikerinnen des vorigen Jahrhunderts, die sich diesem Anspruch verwehrten.

Kritik erlaubt weder Trost noch falsche Versöhnung: Die Philosophin Hannah Arendt auf dem ersten Kulturkritikerkongress 1958 in München. (Foto: Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, Archiv Barbara Niggl Radloff/CC-BY-SA-4.0)

„Toughe Ladies“ wollte Deborah Nelson ihr Buchprojekt anfangs nennen. Am Ende entschied sie sich gegen diesen Titel, der eher an Frauen wie die Schauspielerin Mae West denken ließ, als an Intellektuelle wie Joan Didion oder Simone Weil, um die es eigentlich gehen sollte. Nun trägt das Werk in der deutschen Übersetzung den Titel „Denken ohne Trost“. Das klingt zwar weniger griffig, lässt aber eher erahnen, was die Leser*innen zwischen den Buchdeckeln erwartet: eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit sechs Philosophinnen und Schriftstellerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts, die Nelson als „tough“ empfindet. Nicht weil sie besonders resolut gewesen wären oder sich in Krisen durch ihre Zähigkeit ausgezeichnet hätten, sondern weil sie die intellektuelle Auseinandersetzung mit unbequemen Wahrheiten und Leid nicht scheuten, ja, sogar aktiv suchten.

Die Frauen, auf die sich die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin in ihrer Analyse konzentriert, sind Simone Weil, Hannah Arendt, Mary McCarthy, Susan Sontag und Joan Didion, sowie Diane Arbus, die als Fotografin bekannt geworden ist. Obwohl es zwischen einigen dieser Frauen persönliche Verbindungen gab, wie zum Beispiel zwischen Hannah Arendt und Mary McCarthy, die einander nach anfänglicher Feindseligkeit bis zu Arendts Tod freundschaftlich verbunden blieben, drängen sich die Gemeinsamkeiten nicht in jedem Fall zwingend auf. Nelson selbst gibt in ihrer Einleitung zu, dass die Gruppe der Frauen „etwas seltsam zusammengewürfelt“ erscheinen mag. Und dass es ihnen wohl nicht recht gewesen wäre, sie aufgrund ihres Geschlechts zusammenzubringen. Die Autorin tut es trotzdem. Als verbindendes Element gilt ihr die Tatsache, dass sie alle im Laufe ihrer Karriere als „unsentimental“ bezeichnet wurden, „die schmerzhafte Realität mit äußerster Direktheit und Klarheit und ohne jeglichen Trost oder Kompensation“ betrachteten.

Von der 1943 im Alter von nur 34 Jahren verstorbenen Philosophin Simone Weil stammt bezeichnenderweise der Satz: „Man sollte die wirkliche Hölle dem imaginären Paradies vorziehen“. Sie galt als religiöse Mystikerin, beschäftigte sich als Aktivistin aber auch mit dem Schicksal französischer Fabrikarbeiter*innen, und widersprach mit ihrer Haltung dem zu ihrer Zeit vorherrschendem religiösem Verständnis.

Den sechs Frauen ist gemein, dass sie sich zwar mit dem Zeitgeist auseinandersetzten, aber vorzugsweise den Widerspruch kultivierten. Hannah Arendt etwa irritierte in einer Zeit, als die öffentliche Aufarbeitung des Holocaust gerade erst begann, mit einigen Thesen ihres Buches „Eichmann in Jerusalem“, das sie als Beobachterin des 1961 vor dem Bezirksgericht Jerusalem geführten Prozesses gegen Adolf Eichmann verfasste. Der ehemalige SS-Obersturmbannführer spielte eine zentrale Rolle bei der Planung und Umsetzung der Vernichtung der europäischen Juden. Auch wenn viele Zeitgenoss*innen ihre „kühle Unvoreingenommenheit“ bei der Prozessbeobachtung bewunderten, so wiesen sie unter anderem darauf hin, dass diese Art der Schilderung die Betroffenen verletzen konnte.

Mary McCarthy schwamm ebenso gegen den Strom, richtete in ihren autobiografischen Schriften einen satirischen Blick auf andere und auf sich selbst. „Ich höre, Sie sind das neue Ich“, soll McCarthy der jungen Susan Sontag entgegengeschleudert haben, als diese Ende der 1960er-Jahre die gesellschaftliche Bühne betrat und McCarthy den Platz als „Dark Lady der amerikanischen Literatur“ streitig machte.

„Nelson macht sich die mitunter fast unerbittliche Genauigkeit ihrer Protagonistinnen zu eigen, aber auch die Komplexität ihres Denkens.“

Für Sontag waren Gefühle hauptsächlich deshalb problematisch, weil sie die Handlungsfähigkeit einschränkten. Deshalb ist es wenig verwunderlich, dass sie sich an dem „sentimentalen Humanismus“ von Edward Steichens Fotoausstellung „Family of Man“ störte. Die Arbeiten von Diane Arbus hingegen faszinierten sie. Arbus, die mit ihrer Kamera gesellschaftliche Randgruppen porträtierte, „spielte mit dem Tabu, dass man Menschen mit einer (…) Behinderung nicht anstarrt“. Dadurch, dass die Fotografien das Anstarren erlauben, wurden Arbus‘ Aufnahmen zu möglichen „Ort(en) der Aufmerksamkeit“, meint Nelson. Dagegen argumentierte Sontag in ihrem Essay „Über Fotografie“, dass solche Bilder die „Ausbildung von Gefühllosigkeit“ förderten. Sie plädierte für eine „Ökologie der Bilder“ – ein Anspruch, die in der heutigen Zeit fast schon absurd anmutet.

Die einzige der Frauen, die ihre Haltung zu Leid und Wahrhaftigkeit im Laufe ihres Lebens revidierte, war Joan Didion. In ihrer ästhetischen Philosophie plädierte sie anfangs für „moralische Härte“ als Reaktion auf die Turbulenzen des späten zwanzigsten Jahrhunderts. Sie warf einen skeptischen, manchmal sogar fast verachtenden Blick auf die sogenannte Gegenkultur ihrer Zeit, machte sich über Joan Baez’ „intellektuell leeren Radikalismus“ lustig, ebenso wie über die Frauenbewegung, die sie als ein „wehleidiges Phantasma“ bezeichnete. Spontaneität empfand sie als Schlamperei. In ihrem 2005 erschienen Buch „The Year of Magical Thinking“, das mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, verarbeitete sie dann den plötzlichen Tod ihres Mannes und die schwere Erkrankung ihrer Tochter. Diese beiden Schicksalsschläge, die sie zeitgleich ereilten, brachten sie dazu, ihren Standpunkt infrage zu stellen. Ihren präzisen, analytischen Blick auf die Tatsachen verlor sie trotzdem nicht.

„Denken ohne Trost“ ist, wie Titel und Thema es bereits vermuten lassen, keine leichte Lektüre. Nelson macht sich die mitunter fast unerbittliche Genauigkeit der Frauen zu eigen, aber auch die Komplexität ihres Denkens. Die Leser*innen folgen den langen, verschachtelten Sätzen der Autorin, die immer tiefer in die verschiedenen Gedankenwelten ihrer Protagonistinnen hineinführen. Sie gräbt sich ein in stilistische Feinheiten und ästhetische Theorien. Biografische Hintergründe werden nur erläutert, sofern sie direkten Einfluss auf den Stil und die analytische Herangehensweise hatten. Gewisse Vorkenntnisse können also für das Verständnis hilfreich sein. Andererseits lädt „Denken ohne Trost“ auch dazu ein, sich nach Beendigung der Lektüre eingehender mit den Texten und der jeweiligen Lebensgeschichte dieser sechs Frauen zu beschäftigen. Die Kapitel, die Nelson Hannah Arendt und Joan Didion widmet, sind präziser und fokussierter als ihre Abhandlung über Susan Sontag und Diane Arbus, dies wohl auch, weil zumindest Sontag in ihrem Denken widersprüchlich war und damit auch schwer fassbar ist.

Im Laufe der Lektüre stellt man sich mitunter die Frage, was die Denkerinnen wohl über die zwei Jahre zu sagen gehabt hätten, die hinter uns liegen, über die Lockdowns in Folge der Coronapandemie und den sogenannten Freedom Day, der die Rückkehr ins „normale“ Leben verspricht.

Nelson selbst erwähnt die Pandemie nicht, die Originalfassung ihres Buches erschien in den USA bereits 2017. In einem lesenswerten Nachwort wagt sich die Literaturwissenschaftlerin Merve Emre indes an eine mögliche Interpretation. „Trost und Behaglichkeit in der Vermeidung der schmerzhaften Realität zu suchen, in unsere Schulen, in unsere Geschäfte, in das gewöhnliche, unbedenkliche Alltagsgeschäft des Lebens zurückzukehren, als ob wir uns unserer Verwundbarkeit nicht bewusst geworden wären (…).“ Mary McCarthy glaubte, dass eine spezifische Form der Solidarität uns vor der schmerzhaften Konfrontation mit der Realität abschirmt, indem wir unser Mitgefühl auf jene Gruppe beschränken, der wir uns zugehörig fühlen.

Romain Hilgert drückte es Anfang April in einem Text über die Opfer der Coronapandemie im „Lëtzebuerger Land“ ähnlich aus: „Die Toten durften nicht wie ein Alb auf dem Gehirne der Lebenden lasten. Sie hätten der Entsolidarisierung um Weg gestanden.“ Das sind harte Worte, aber eben in ihrer Härte sind sie womöglich ehrlicher und deshalb erträglicher als der beschwichtigende, fast märchenerzählerhafte Ton, mit dem die Regierung nun wöchentlich die Zahlen der mit dem Coronavirus Infizierten und der an Covid-19 Gestorbenen präsentiert.

Trösten soll uns nicht die Hoffnung auf Besserung der Lage, nein, die Absicht ist es vielmehr, uns an das Leiden der anderen zu gewöhnen, es zur Normalität zu machen. So übertünchen wir unser Unbehagen. Das Mitgefühl wird zur Ersatzhandlung, die uns verantwortliches Handeln erspart. Und genau deshalb war es diesen Frauen nicht geheuer.

Deborah Nelson: Denken ohne Trost. 
Aus dem Englischen von Birthe Mühlhoff. Mit einem Nachwort von Merve Emre. Wagenbach Verlag, 240 Seiten.

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