Theater: Bretter, die nicht die Welt bedeuten

Die Theater- und Filmbranche ist ein Freiraum. Oder etwa nicht? Eine Studie, zwei Schauspieler*innen und eine Theaterleiterin über Diversität, wo keine ist.

Max Gindorff fühlt sich als homosexueller Mann auf der Bühne unfrei. (Copyright: Niklas Vogt)

„Ich denke bei Castings und bei Auftritten immer darüber nach, wie ich mich gebe, immer. Wie männlich bin ich? Wie weiblich darf ich sein? Ich erinnere mich nicht, wann ich mich auf der Bühne völlig frei gefühlt habe. Vielleicht noch nie.“ Das sagt der luxemburgische Schauspieler Max Gindorff. Er ist seit September 2019 Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater, einem Theater mit klassischem Repertoire. Gindorff hat sich im Februar an der Aktion #ActOut in der Süddeutschen Zeitung (SZ) beteiligt. Das Manifest versammelt 185 LGBTI-Menschen aus der Film- und Theaterbranche, die sich mehr Offenheit und Sichtbarkeit in der Szene wünschen. Vielen wurde von Agenturen oder Kolleg*innen vom Coming-out abgeraten – der Karriere wegen.

Am 8. März veröffentlichte die European Theater Convention (ETC) die Studie „Gender Equality and Diversity in European Theaters“. Mitarbeiter*innen des Escher Theaters und der Théâtres de la Ville de Luxembourg füllten die Fragebögen aus. Die ETC präsentiert ihre Studie aufgrund weniger Teilnehmer*innen als groben Anhaltspunkt. Den liefert sie auch für die Lebensrealität queerer Schauspieler*innen und Theatermitarbeiter*innen: 30 Prozent der 296 Studienteilnehmer*innen bezeichneten sich als LGBQ (Lesbian, Gay, Bisexual, Queer) und 13 als trans Person. Drei trans Teilnehmer*innen sind beruflich in kreative Prozesse am Theater eingebunden. Auf den europäischen Bühnen sind trans Personen unsichtbar. Auch wenn immerhin 20 Prozent der LGBQ Teilnehmer*innen Führungspositionen innehaben.

In den deutschen Medien und in den Kommentarspalten hagelte es Kritik für #ActOut. Die Journalistin Sandra Kegel unterstellte der SZ in einem Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung „Kalkül im Ringen um Aufmerksamkeit und die Verkennung der Verhältnisse“, weil das Layout von #ActOut an einen Stern-Artikel erinnert: Im Juni 1971 bekannten sich dort 374 Frauen öffentlich zu ihrem Schwangerschaftsabbruch, für den in Deutschland damals wie heute Freiheitsstrafen drohen. „Beides hat dieselbe Wertigkeit, um angesprochen zu werden. Ich verstehe Hierarchisierungen im Kampf um Gleichstellung nicht – warum gibt es ein Gerangel, wer an der vordersten Front steht? Es gibt Zeitpunkte, in denen medial über das eine Thema mehr diskutiert wird als über das andere“, kritisiert Gindorff Kegels Assoziation. Er selbst erinnert sich besonders an Aussagen zur Notwendigkeit von #ActOut. „Viele Kritiker*innen meinten: ‚Wen interessiert das? Ist doch alles gut.‘ Schön wäre es, aber so funktioniert weder die Film- noch die Theaterbranche“, sagt er. „Du wirst dort auf wenige Charakteristiken reduziert. Meistens werden weiße, heterosexuelle cis-Männer mit einem bestimmten Aussehen gesucht.“

Doch welcher Hebel muss umgelegt werden, damit LGBTQIA+ Menschen auf den Bühnen sichtbar werden? Für Gindorff beginnt die Diversität bei den Geschichten, die erzählt werden. Hinzu kommen Castings, bei denen man sich Zeit für die Kandidat*innen nimmt, um das Drehbuch gemeinsam weiterzuentwickeln. „Aber ‚time is money‘“, wirft er ein. „Oft fehlt es an Zeit und Budget, um sich aufeinander einzulassen, bevor die Dreharbeiten oder die Proben beginnen.“ Er hat dennoch das Gefühl, dass sich die Repräsentation queerer Menschen positiv verändert. Sie sind nicht mehr nur komische oder perverse Randfiguren, sondern gleichwertiger Bestandteil der Erzählungen. Gindorff hält die Strukturen im Theater für offener als die der Filmszene. „Es ist absolut möglich im Theater Strukturen aufzubrechen und das geschieht auch. Das Theater bietet viel Spielraum: Hier muss es nicht immer der weiße Hetero sein, der die Hauptrolle spielt“, sagt er.

Die Sache mit „Capitani“

Gindorff verweist in dem Kontext erneut auf die Rolle der Casting-Agenturen und es dauert nicht lange, bis das Stichwort „Capitani“ fällt. Am vergangenen Wochenende sorgte der inzwischen gelöschte Aufruf der Agentur Casting Lux für Gesprächsstoff. Für die zweite Staffel der Krimiserie „Capitani“ von Samsa Production wurden unter anderem „fünf afrikanische Männer zwischen 16 und 35 Jahren, um Drogendealer darzustellen“ gesucht. Auf die Veröffentlichung folgte Kritik der luxemburgischen Organisation Finkapé, die sich für die Rechte von rassifizierten Menschen stark macht. Sie warf der Agentur die Zementierung von strukturellem Rassismus vor. Die antirassistische und feministische Organisation Lëtz Rise Up schloss sich Finkapé an. Die Politikerin, freie Journalistin und Aktivistin Jana Degrott (DP) nahm den Fall in der Gesprächsrunde „Capitani – wat leeft?“ auf Instagram mit jungen, Schwarzen Luxemburger*innen ebenfalls kritisch auseinander. „Leider sehen ‚Casting calls‘ oft genau so aus“, Gindorff lacht verdrossen auf. Seiner Erfahrung nach, brechen Agenturen Identitäten auf äußerliche Merkmale, klischeehafte Typen herunter.

Tatsache ist, dass Black and People of Color (BPoC) auf, hinter und vor europäischen Bühnen stark unterrepräsentiert sind: Allein an der Studie der ETC nahmen vorwiegend weiße Menschen teil. Nur 12 Prozent waren nicht kaukasischer Herkunft, weniger als ein Drittel dieser Menschen besetzen leitende Positionen. Die meisten sind im technischen oder administrativen Bereich tätig. Konkrete Angaben zu Luxemburg fehlen. Die Zusammensetzung der Association des actrices et des acteurs du Luxembourg gibt in Bezug auf die Schauspieler*innen einen Einblick. Zwei der 116 professionellen Schauspieler*innen sind Schwarz. Eine davon ist Céline Camara.

Die Schauspielerin hält den Aufruf von Casting Lux sprachlich für „mal-
adroit voire choquant“, weil BPoC in den Produktionen schon unterrepräsentiert sind. Den Call deswegen rassistisch zu nennen, scheint ihr jedoch ein „raccourci injustifié“. Sie spricht von Kontextualisierung. „On parle ici de la recherche de figurants pour créer ou recréer une atmosphère et une sociologie crédible du point de vue de l’équipe de réalisation. Est-ce que les profils recherchés correspondent à des clichés et des stéréotypes ? La réponse est clairement oui. Est-ce que ces clichés et stéréotypes correspondent à une certaine réalité ? Je crois que oui”, schreibt sie der woxx. „Est-ce que cela sous-entend que – du point de vue de l’annonceur ou de la production – toutes les personnes issues des minorités concernées portent des armes et sont dangereuses et que cela est l’objet de la production ? Je ne le crois pas.” Camara stand bereits für mehrere luxemburgische Theater- und Filmproduktionen auf der Bühne und vor der Kamera – unter anderem als Nebendarstellerin in „Les intranquilles“ von Samsa Production.

Sie verteidigt eine ähnliche Position zum Casting-Aufruf, wie der Tageblatt-Journalist Tom Haas in seinem Kommentar zur Polemik: Beide schreiben sinngemäß, dass man die Reproduktion von Klischees und Stereotypen in einem Kunstwerk nicht a priori als rassistisch und verwerflich bezeichnen soll – besonders nicht vor der Veröffentlichung. Damit stellt Camara die Notwendigkeit der Polemik aber keineswegs in Frage. Sie freut sich über die Debatte, weil sie das Gespräch über die Unterrepräsentation ethnischer Minderheiten ermöglicht. „Cantonner exclusivement les acteur.rice.s racisé.e.s à des rôles clichés est néfaste en ce que cela exclut professionnellement. Cela entretient une image réductrice et non représentative de la population concernée, là où on a besoin de déconstruction pour avancer et être plus inclusif. Je salue pleinement les débats ouverts, notamment la parole donnée à des associations antiracistes”, erklärt sie. „L’important c’est de donner la parole aux concerné.e.s, aussi politiquement, qu’elles puissent être assises à la table des discussion est une quête entamée.” Sie selbst nimmt am Rundtischgespräch „Difficile diversité : de la représentativité dans le spectacle vivant“ am 5. Juli im Grand Théâtre teil, um den Austausch weiterzuführen.

Cottonbro/Pexels

Und wer klatscht?

Camara arbeitet seit drei Jahren hauptberuflich als Schauspielerin. Bisher wurde sie nach eigener Aussage weder aufgrund ihres Geschlechts noch aufgrund ihrer ethnischen Herkunft ungleich behandelt. Im Theater spielte sie sowohl rassifizierte Charaktere als auch andere Rollen. Trotzdem wurde ihr schnell klar, dass ihr Berufsfeld weit davon entfernt ist, frei vom „racisme ordinaire“ und von Vorurteilen zu sein, die rassifizierte Menschen auf ihre Hautfarbe reduzieren. Sie gibt ein Beispiel: „Un jour, un comédien m’a dit en mentionnant sa compagnie de théâtre : ‚Envoie-moi ton CV, ça peut être utile si on cherche une comédienne noire‘.“

Die strukturelle Diskriminierung ethnischer Minderheiten macht sich nicht nur auf der Bühne und hinter den Kulissen bemerkbar, sondern auch davor. In der Studie der ETC wurden keine Daten zur Zusammensetzung des Publikums erhoben. Auch sonst finden sich kaum Zahlen zum Thema. Es bleiben Erinnerungen an eigene Theaterbesuche – und darin sind die klatschenden Hände am Ende der Darbietung vorwiegend weiß. Eine Erfahrung, die Camara teilt. Sie spricht von einem Publikum, das „dans une majorité écrasante” weiß sei. „Je pense que l’accès à la culture et particulièrement au théâtre naît souvent d’une sensibilisation, une transmission familiale. Personnellement mes parents n’allaient pas au théâtre. Sans les sorties scolaires, je n’y aurai pas mis les pieds si jeune“, schreibt sie. Der Zugang zu Schulvorstellungen könne Interesse an Kultur und Leidenschaft sowie das Bewusstsein für die eigene Berufung wecken. „En tant que jeune personne allant au théâtre, l’absence de personnes issues de minorité ethnique fait qu’il n’y a pas d’effet miroir et qu’il est donc plus difficile de s’identifier ou de se projeter. Il est difficile de désirer devenir quelque chose que l’on ne voit pas“, hält Camara fest.

Carole Lorang, seit 2018 Direktorin des Escher Theaters, würde Camara wahrscheinlich zustimmen. Als Theaterleiterin und Regisseurin steht sie im Gegensatz zu Gindorff und Camara hinter der Bühne. Die Diversität der luxemburgischen Gesellschaft spiegelt sich für sie nicht im Theater. Das Angebot sei eher einseitig, auch wenn sich die Branche langsam öffne. „Das hängt auch mit der Frage zusammen: ‚Für wen machen wir Theater?‘ In Luxemburg befinden wir uns immer noch in einem bourgeoisen Rahmen, wo für die Bourgeoisie gespielt wird. Es ist utopisch zu glauben, dass das Publikum repräsentativ für die Gesellschaft ist“, sagt sie. Umso wichtiger sei es, Kinder- und Jugendtheater sowie Schulvorstellungen zu fördern. „Bei Schulvorstellungen kommen Kinder und Jugendliche aller sozialen Milieus im Theater zusammen“, ergänzt sie. Lorang versucht ihr Programm mit Stücken ohne Text, Übersetzungen, zweisprachigen Aufführungen oder der Einbindung fremdsprachiger Künstler*innen offener zu gestalten.

Sie bemüht sich allgemein um Diversität: Zusammen mit dem Kollektiv „Independent Little Lies“ organisiert das Escher Theater bereits seit zwei Jahren das queere Theaterfestival „Queer Little Lies“. Bei der Veranstaltung geht es, wie die Mitorganisatorin Sandy Artuso letztes Jahr der woxx gegenüber sagte, unter anderem um Kunst, die Körper- und Geschlechternormen in Frage stellt und das cis-heteronormative System umstürzt.

Darüber hinaus möchte Lorang auch für Geschlechterparität sorgen. Unter ihrer Leitung hat das Escher Theater in der Saison 2019/2020 Stücke von 27 männlichen und 22 weiblichen Regisseur*innen eingekauft. Bei den Eigenproduktionen führten fünf Männer und acht Frauen Regie. In der laufenden Saison präsentiert das Theater vier neue Eigenproduktionen. Die Geschlechterverhältnisse sind ausgeglichen. Anders als bei den eingekauften Stücken: Sie stammen von 18 Regisseurinnen, 25 Regisseuren sowie sechs männlich-weiblichen Duos. Bei den ausländischen Produktionen dominieren die männlichen Regisseure also leicht.

Céline Camara hält Schulvorstellungen für unerlässlich, um Diversität in die Publikumsränge der Theater zu bringen. 
(Copyright: Béatrice Cruveiller)

Thema oder nicht?

Die ETC-Studie gibt folgendes Bild ab: Frauen sind öfter als Re
gisseur*innen angeführt als Männer. Das mag aber auch daran liegen, dass rund 58 Prozent der Studienteilnehmer*innen Frauen waren. Die Genres wurden nicht erfasst. Dafür sind die Schauspieler*innen auf Europas Bühnen zu 57 Prozent männlich, zu 43 Prozent weiblich. In den Programmheften der Saison 2018/2019 waren Frauen deutlich unterrepräsentiert, besonders in Luxemburg. Neben LGBTIQA+ Schauspieler*innen und ethnischen Minderheiten, sind auch Menschen mit Behinderung laut Studie selten auf oder hinter den Bühnen zu sehen. Es reicht ein Blick auf die Teilnehmer*innen der Studie, um diese Feststellung zu untermauern: Über neunzig Prozent haben keine Behinderung.

„Menschen mit Behinderung im luxemburgischen Theater: Das ist kein Thema. Nicht, weil es unwichtig ist, sondern weil kaum jemand darüber spricht“, sagt Lorang. Menschen mit Behinderung und die Theaterwelt trennt mehr als mangelnde Barrierefreiheit. Zum einen fehlten sie laut Lorang als vielseitige Charaktere auf den Bühnen. Zum anderen seien die Stücke oft nicht behindertengerecht konzipiert. „Es wird in der Regel nicht mit Hinblick auf Menschen mit Behinderung produziert“, hält die Direktorin fest.

Das Escher Theater zeigt im Mai das Stück „Buster“. Hierfür gibt es eine Audio-Beschreibung für Menschen mit Sehbehinderung. Nächstes Jahr ist der Auftritt einer spanischen Flamenco-Gruppe geplant, die sich aus Menschen mit Behinderung zusammensetzt. „Die luxemburgische Theaterszene steckt in dem Zusammenhang noch in den Kinderschuhen“, sagt Lorang. Am Ende verläuft sich das Gespräch mit Lorang etwas. Es ist nochmal die Rede über trans Menschen in der Theaterbranche. Ihr sind bisher wenige auf ihrem Karriereweg begegnet. Wenn, dann im administrativen Bereich. „Das Milieu ist für Schauspieler*innen nicht immer so offen und tolerant, wie es auf Außenstehende wirkt. Oft wird man auf seinen Typ reduziert und ist raus, wenn der nicht gebraucht wird“, sagt Lorang schließlich. „Der Humanismus findet auf der Bühne statt. Hinter den Kulissen? Leider nicht immer.“

Das Interview mit Céline Camara wurde für diesen Artikel stark gekürzt. Auf woxx.lu ist es in voller Länge nachzulesen.

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